Nicht immer gelingt die Integration in kurzer Zeit

Als Flüchtlingsfamilie in Scheeßel: Leben zwischen den Welten

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Belal Hesso (v.l.) und das Ehepaar Massoud und Yildiz Rasho (hier mit ihren beiden Söhnen Smpest, 2.v.l., und Nejerfan), sind 2015 aus Syrien geflohen und in Scheeßel gelandet.

Scheeßel - Wie leben die vor einigen Jahren Geflohenen in Scheeßel? Sind sie integriert? Wollen sie zurück? Ein Treffen mit einer „ganz normalen“ Familie aus Syrien sollte es werden, das die Flüchtlingshilfe Scheeßel vermittelt hatte. Doch was heißt schon normal? Wie unterschiedlich sich das Leben hier gestalten kann, sollte der Besuch bei Familie Rasho in der Ostlandsiedlung erweisen.

Ebenfalls dabei: Belal Hesso – der 21-Jährige, der seit 2015 mit seiner Familie in Deutschland lebt, stellt sich als Dolmetscher zur Verfügung. Sein Werdegang in Scheeßel und der der vierköpfigen Familie, das zeigen die folgenden eineinhalb Stunden, umreißen zwei Welten und zeigen, wie unterschiedlich Integration verlaufen kann. 

Der aufgeweckte junge Mann, der nicht nur in puncto Sprache vermittelt, sondern selbst auch immer wieder eigene Erklärungen zu den politischen Hintergründen im Heimatland einfließen lässt, spricht nahezu akzentfrei Deutsch, hat eine Lehrstelle im Autohaus Holst, ist angekommen. Die Perspektiven für die Zukunft sind gut, die meisten Familienmitglieder leben in Deutschland.

Haus wurde von einer Fliegerbombe zerstört

Anders sieht es bei Massoud Rasho aus: Sein Vater, Mutter und ein Bruder sind in Afrim geblieben. Fast täglich telefonieren sie, seit zwei Wochen ist es ihm nicht mehr gelungen, Kontakt aufzunehmen – die Familie wurde von türkischen Soldaten umquartiert, das Haus wurde von einer Fliegerbombe zerstört. „Ich würde sie gern nachholen, aber wir haben kein Geld“, erklärt der 34-Jährige. Sein Bruder sei krank, die Kopfverletzung kann nicht richtig behandelt werden, seit das einzige Krankenhaus in der Region von einer Bombe getroffen wurde. 

Auch Yildiz Rashos Familie ist noch dort: Vater, Mutter, zwei Brüder und eine Schwester. Flüge in die Türkei, in die sie 2015 geflohen waren, sind nicht mehr möglich. Die Hoffnung, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, wird immer geringer.

„Seitdem ist er nicht mehr richtig im Kopf“

Auch mit der Aussicht auf Arbeit sieht es für die Rashos nicht gut aus – noch nicht. Beide sprechen so gut wie kein Deutsch. Massoud Rasho ist nach der Flucht von der Türkei mit einem kleinen Boot nach Griechenland, dann über Serbien nach Ungarn mit Zug, Bus und neun Tagen Fußmarsch traumatisiert. Irgendwo zwischen dem Libanon und Syrien sei er überfallen worden, erzählt seine Ehefrau, ausgeraubt und zusammengeschlagen. „Seitdem ist er nicht mehr richtig im Kopf“, konstatiert die 39-Jährige, und es macht keinen Unterschied, ob sie körperliche oder seelische Traumata meint. 

Das Merken der Geheimzahl zum Geldabheben beim Gang zur Bank: unmöglich. Wie sollen da Vokabeln oder deutsche Grammatik Platz haben? Immerhin: Seit die Familie ihre Anerkennung in der Tasche hat und eine Krankenkassenkarte, bekommt Rasho Medikamente, die helfen, die inneren Dämonen zu bekämpfen.

„Es hat sich viel getan“, meint Anja Schürmann, die als Integrationsscout der Gemeinde jede Woche nach dem Rechten sieht: „Noch vor Monaten konnte er keinen Augenkontakt halten.“ Momentan besuchen beide einen Alphabetisierungskurs. Eine Ausbildung haben beide nicht. Der Familienvater hat in der Heimat als Lohnarbeiter beim Bauern gearbeitet. Ein fester Arbeitsplatz ist denn auch das, was er sich für die Zukunft am meisten wünscht. Die momentane Arbeit als Packer im Kaufhaus Karo sei gut, doch die Eingliederungsmaßnahme des Jobcenters ist nur befristet.

Kaum Kontakt zu Deutschen

Die Hoffnungen der Eltern liegen auf den beiden Söhnen. Smpest (3) ist in der Türkei zur Welt gekommen, Nejerfan (18 Monate) in Rotenburg. Auch hier war Bilal Hesso als Dolmetscher bei der Geburt dabei.

Kontakt zu Deutschen hat die Familie kaum. Einmal in der Woche gehen sie ins Café Refugium. „Hier kommt ja keiner vorbei“, meint die Mutter und deutet auf das geräumige, blitzblanke Wohnzimmer – wie auch? Ohne Dolmetscher wäre man aufgeschmissen. Ob sie sich nach einigen Umzügen in der Wohnung in der Ostlandsiedlung wohlfühlen? „Nein“, meint Yildiz Rasho, einer der Söhne sei ständig krank und der nächste Supermarkt weit entfernt.

Die Hoffnung der Eltern liegen auf den Söhnen

Sie serviert Schapiat, ein Honig triefendes Blätterteiggebäck, eine Spezialität aus der Heimat – furchtbar süß und furchtbar lecker und selbst gebacken. Dazu gibt es Cappuccino aus der Espressomaschine. Die beiden Jungen zanken. Spielzeug gibt es hier nicht, dafür Papas Handyladekabel. Smpest ist drei Mal in der Woche bei den „Swimmies“ im Kindergarten. Auf ihm und seinem Bruder liegen die Hoffnungen der Eltern: auf Schulbildung, auf ein besseres Leben.

„Diese Familie hat noch einen weiten Weg vor sich“, konstatiert Anja Schürmann. Auch wenn Integration ein mühsamer Weg kleiner Schritte ist, ist sie zuversichtlich: „Auch wenn ich davon ausgehe, dass Yildiz nie arbeiten gehen wird, denke ich, Masoud wird es irgendwann schaffen, eine Arbeit zu finden. Sie werden nur ein bisschen länger brauchen als andere.“ - hey

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