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Feiern auf dem Dorf: Ein Sack Mehl zur Hochzeit

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Von: Ann-Christin Beims

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Vor dem Hochzeitssaal schauen sich Johann (l.) und Alexander Trau alte Einkaufslisten für Hochzeitsfeiern an.
Vor dem Hochzeitssaal schauen sich Johann (l.) und Alexander Trau alte Einkaufslisten für Hochzeitsfeiern an. © Beims

22.02.2022 - ein beliebtes Hochzeitsdatum. Doch zögern viele derzeit, zu streng sind die Regeln. Und an eine große, entspannte Party danach ist noch nicht zu denken. Dabei hat sich das auf dem Dorf beispielsweise ohnehin verändert, weiß der Stemmer Johann Trau.

Stemmen – Die Anzahl der Hochzeiten nimmt seit Beginn der Pandemie ab: Zwar sind die Zahlen nicht gravierend, so die Standesämter im Altkreis Rotenburg. Viele Brautpaare entscheiden sich dennoch, lieber abzuwarten, bis die strengeren Regeln für eine Trauung gelockert werden – denn auch die anschließenden Feiern unterliegen Beschränkungen. Doch haben sich diese gerade auf dem Dorf im Laufe der Zeit ohnehin sehr verändert, weiß der Stemmer Johann Trau, der sich an viele Feiern erinnert.

Waren früher große Partys gang und gäbe, bei denen sich nahezu das ganze Kirchspiel traf, sind Zusammenkünfte heute überschaubarer, sagt der Geschäftsführer des Landguts Stemmen. Das ist nicht erst mit Beginn der Pandemie zwangsweise so gekommen, sondern zeichnete sich vorher schon ab. Trau hat jahrzehntelange Erfahrung mit Hochzeitsfeiern und dadurch den Vergleich – vor allem von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Aber auch aus der Zeit davor weiß er noch viel aus Erzählungen.

Damals wurde auf dem Dorf noch anders gefeiert, erinnert er sich. 250 Gäste, manchmal 300, waren keine Seltenheit. Gefeiert wurde auf dem Saal. Lange Tischreihen nebeneinander, ganz klassisch eingedeckt. An einem langen Quertisch an der Stirnseite nahm unter anderem das Brautpaar Platz.

Mit dem Ackerwagen zum Festsaal

Das Essen wurde am Tisch serviert. „Das war gar nicht so einfach, wenn sich die Bedienungen rüberlehnen mussten“, erinnert sich Trau. Das Menü war klassisch. Den Auftakt machte die Hochzeitssuppe. Und es wurde – ganz Nachkriegsgeneration – nichts verschwendet: Das restliche Fleisch kam beispielsweise als Weiterverarbeitung ins Hühnerfrikassee.

Die Hochzeit stand früher gänzlich „unter der Regie des Brautpaares“, so Trau – also auch das Essen. „Da war der Saal mehr ein Dorfgemeinschaftshaus.“ Das Paar bestellte eine „Kochfrau“, brachte das Geschirr mit dem Ackerwagen zum Festsaal. „Es musste auch einkaufen“, erzählt Trau und nimmt eine alte Einkaufsliste in die Hand, auf der die Zutaten für Kuchen und Torten zu finden sind. Auch die Dekoration haben sie selbst übernommen. „Junge Mädchen aus dem Dorf haben den Service gemacht. Es war perfekt organisiert.“

390 Eier, 185 Pfund Mehl, 90 Päckchen Vanillezucker: Die Einkaufsliste für die Kuchen war umfangreich.
390 Eier, 185 Pfund Mehl, 90 Päckchen Vanillezucker: Die Einkaufsliste für die Kuchen war umfangreich. © Beims

Da das Dorf ein „geschlossenes System“ war, konnten sie dort alles bekommen: „Es wurde nur im Dorf gekauft“, meint Trau. Früher gab es in Stemmen noch drei Kneipen und drei Dorfläden. „Alles war auf genossenschaftlicher Basis organisiert.“ Sei es die Mühle oder der Viehhandel. Den frisch Verheirateten wurden oft Naturalien geschenkt. Das wurde nach dem Krieg immer weniger.

Im Laufe der Zeit hat sich vieles gewandelt. Auch das Essen. Aus den Menüs wurden bis heute verstärkt Büfetts, auf vegetarische und vegane Speisen wird geachtet. Selbstbedienung statt Anreichen. Irgendwann wollten die Brautpaare die Organisation nicht mehr selbst übernehmen und so wurde der Wirt zum „Allrounder“ oder die Paare haben einen Hochzeitsplaner hinzugezogen. Im Festpreis waren früher übrigens auch Zigaretten enthalten: „Es ist unglaublich, wie viel man geraucht hat“, sagt sein Sohn Alexander Trau – heute wäre das gar nicht mehr denkbar. „Und es wurde bis in die 1980er-Jahre freitags geheiratet, nicht samstags. Damit der Kirchgang am Sonntag nicht gefährdet wurde“, merkt sein Vater an. Der Sonntagsgottesdienst war wichtig. Früher hatte jeder seinen festen Platz und es fiel auf, wenn er nicht dabei war.

Die Frauen trugen zu ihrer Hochzeit die Tracht des Kirchspiels und eine Brautkrone, die Männer Frack und Zylinder. Frauen hatten zudem Streifen an ihren Schürzen, anhand derer ihr Status erkennbar war. „Dann wussten Zweitgeborene auf dem Hof, Häuslinge oder Landarbeiter, bei welcher sie keine Chance hatten.“

Die Vorstellungen ändern sich

Heute haben Heiratswillige bei ihrer Kleidung die Qual der Wahl unter unzähligen kurzen oder langen Kleidern, verschiedensten Anzügen und Farben. Dafür sind die Feiern meist viel kleiner. Um die 100 Feiernde kommen durchschnittlich zusammen, erzählt Alexander Trau. Die Eingeladenen kommen zudem nicht mehr nur aus der Region, manchmal auch aus dem Ausland. Familien und Freundeskreise sind viel breiter verstreut als früher.

Und auch die Ansprüche und Wünsche der Brautpaare haben sich verändert. „Sie sind sehr gut informiert, haben konkrete Vorstellungen. Ihre Pläne sind hoch-individuell“, sagt Alexander Trau. Barbecues, eine „Candy Bar“ oder eine Fotobox sind keine Seltenheit. Die rein „klassische Hochzeit“ gibt es kaum noch. Allerdings werden immer wieder Elemente von früher gerne eingebaut.

Säle scheinen aber im Zuge der Rückbesinnung auf Heimat wieder mehr gefragt. „Eine Trendbewegung“, vermutet Alexander Trau. Dorfleben war eine ganze Zeit „out“, die jungen Leute zog es hinaus in die Welt. Mittlerweile hat ein Umdenken eingesetzt, Dörfer werden wieder attraktiv, belebt. „Heute ist da wieder mehr Stolz auf die Heimat.“

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