Vorfahrt für die virtuelle Theorie

Fahrschulen bieten Unterricht online an

Routiniert führt Fahrlehrerin Pauline Anders durch die Theoriestunde über den Bildschirm.
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Routiniert führt Fahrlehrerin Pauline Anders durch die Theoriestunde über den Bildschirm.

Scheeßel – Montagabend, kurz vor 19 Uhr. Durch den Lichtkegel der Laternen im Kernort wirbeln Schneeflocken, die Schaufenster der meisten Läden an der verschneiten Großen Straße sind dunkel. Nur die Scheeßeler Fahrschule Rogge und Steinke ist zur besten Theorie-Zeit erleuchtet – und das, obwohl der Präsenzunterricht bis auf eine Stunde jetzt im Januar seit langer Zeit nicht stattfinden durfte.

Die Flasche mit Desinfektionsspray und die auf Lücke gestellten Stühle zeugen noch von der letzten Unterrichtsstunde.

Nur am Schreibtisch ist Licht. Hinter einem Berg von Monitoren, Kabeln und technischem Equipment sitzt Fahrlehrerin Pauline Anders. Auf dem Kopf ein Headset, vor sich auf dem Tisch ein Tablet für Skizzen, die auf die Bildschirme der Fahrschüler zuhause übertragen werden, zwischen den beiden Monitoren ein Stativ mit Kamera, die auf sie gerichtet ist. Sie startet gleich eine Online-Theoriestunde.

E-Learning ist seit Anfang Februar das Schlagwort. Nach der Erteilung der Lizenz hat Eigentümer Hubertus Steinke einen vierstelligen Betrag in die Peripherie investiert. Und die soll an diesem Abend, wie hierzulande wohl überall in der Anfangsphase, so einige Tücken haben. Zunächst verweigert das Tablet seinen Dienst, „macht nichts, dann müsst ihr heute ohne meine Zeichenkünste auskommen“, verkündet die junge Mutter unbekümmert in die Kamera.

Routiniert begrüßt sie auf dem linken Bildschirm die ersten Schüler, die per Einladungslink an der Zoomkonferenz teilnehmen, lädt auf dem rechten Monitor die Illustrationen zum heutigen Thema „Verkehrsschilder“ hoch – Bilder, die die Fahrschüler schon von ihrer Selbstlern-App fürs Handy kennen – und betreibt Smalltalk: „Die Nachos, sind die noch vom Superbowl gestern Nacht?“ Der Angesprochene, dessen Snack wohl doch nicht so unauffällig vonstatten ging wie geplant, nickt im linken oberen Fenster des geteilten Bildschirms.

Der zeigt jeweils neun der insgesamt 14 Teilnehmer heute an, scrollen verschafft den Überblick. Normalerweise seien es in Präsenz mehr Schüler bei den Theoriestunden, die an vier Abenden pro Woche in Scheeßel, Fintel und Lauenbrück angeboten werden, erzählt Steinke, der heute nach dem Rechten schaut und bei der Gelegenheit gleich einige technische Fragen abklärt. Wie Anders hat auch er eine Einweisung vom IT-Profi und ehemaligem Kunden Michel Moryson bekommen, der die Anlage eingerichtet hat.

Für die Stunden der B-Klasse lässt der 62-Jährige seiner jungen Kollegin gern den Vortritt, „die Technik-Affinität ist einfach größer“, gibt er unumwunden zu, nur „Trecker“-Kunden werden von ihm selbst am Bildschirm fit gemacht. Die Vorteile vom E-Learning liegen für ihn auf der Hand: mehr Schüler, der Wegfall von Fahrzeiten, „theoretisch bräuchte ich langfristig weniger Räumlichkeiten“.

Nichtsdestotrotz ist das Lernen auf Distanz für ihn ganz klar nur eine Behelfslösung: „Was fehlt, ist der persönliche Kontakt zu den Schülern und auch zwischen ihnen untereinander, die Atmosphäre.“ Er ist überzeugt, dass die nächsten Ergebnisse – Erfahrungswerte liegen wegen der Kürze der Zeit noch nicht vor – nicht so gut ausfallen werden wie im Präsenzunterricht.

Auch stelle für einige Schüler das E-Learning eine Hürde dar. Nicht alle Schüler, für die die Theorie fällig ist, melden sich zum Online-Unterricht an. Für einige sei es eine Hemmschwelle, sich am Bildschirm zu melden, andere haben, wie er vermutet, „nach einem ganzen Tag Homeschooling einfach keine Lust mehr auf den Computer“, manchmal sei es auch eine Frage der Technik.

Die streikt auch an diesem Abend in der Fahrschule – nach einer halben Stunde Unterricht rauchen nicht nur die Köpfe, sondern auch ein Bildschirm, zumindest sinnbildlich. „Pause“, ruft Anders, und den Gesichtern an den heimischen PCs ist anzusehen, dass sich die Traurigkeit in Grenzen hält. Fachinformatiker für Systemintegration Moryson wird aus Lauenbrück zugeschaltet. Nach zehn Minuten kann es weitergehen. „Wer weiß denn jetzt, was dieses Verkehrszeichen genau bedeutet?“, fragt die Fahrlehrerin.

Einige Schüler heben die Hände. In der rechten Spalte neben den Köpfen läuft der Chat heiß. „Gut, dass ihr alle so schnell tippen könnt“, meint sie, und erteilt einer Schülerin das Wort: „Unmute dich mal.“ Diese kommt der Aufforderung nach und schaltet vor ihrem Redebeitrag ihre Stummschaltung ab. Während sie redet, macht der junge Mann auf dem Bildschirm neben ihr Dehnübungen für die Nackenmuskulatur, eine Teilnehmerin richtet ihren Zopf, daneben wechselt jemand die Sofaposition. Die meisten sitzen jedoch aufmerksam am Schreibtisch und schauen in ihre Kamera.

Das ist Vorschrift: „Bei ausgeschalteter Kamera können wir nicht überprüfen, ob jemand die ganze Zeit da war“, erläutert Anders. Die Anwesenheit muss jedoch, ganz wie in normalen Zeiten, von den Fahrschulen dokumentiert werden. Wer mehr als eine Viertelstunde zu spät kommt, wird aus dem virtuellen Wartebereich der Konferenz nicht mehr reingelassen. Steinke verabschiedet sich mit einem fast wehmütigen Blick auf die leeren Stühle aus seiner Fahrschule. Er wird sich freuen, wenn hier wieder Leben herrscht. Seine Kollegin ist derweil am Bildschirm ganz in ihrem Element und lädt zur morgigen Sonderstunde für Anhänger ein.

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