Im Selbstversuch geht es für unseren Redakteur einen Tag zurück an die Grundschule

Mit 37 in der ersten Klasse

Noch einmal die Schulbank drücken – für unseren Kollegen eine einmalige Erfahrung. - Fotos: Heyne

Hetzwege - Egal, ob Zumba-Training, Kampfsport oder auf dem Schwebebalken – unser Kollege hat sich in der Vergangenheit schon oft schweißtreibenden Herausforderungen gestellt. Sein aktueller Selbstversuch gestaltet sich da schon weniger sportlich, ist für ihn aber genauso adrenalingeladen: Einen Vormittag lang wechselte er den Bürostuhl gegen die Schulbank – als Erstklässler in der Hetzweger Grundschule.

Der Tag an der Schule, er beginnt schon mal fast so wie früher. Eigentlich habe ich genug Zeit, mir zum Frühstück ein Nutella-Brötchen und eine Tasse Kaffee einzuverleiben. Am Ende ist die Tasse dann doch wieder nur zur Hälfte geleert. Gegessen habe ich auf die Schnelle nur einen Happen. Um 7.45 Uhr geht der Unterricht los. Zu spät kommen möchte ich heute nicht.

Eine halbe Stunde später. Es ist 7.20 Uhr. Da steht es, das Schulgebäude. Die Fahrradständer vor der Dorfschule sind noch leer. Auch sonst ist weit und breit keiner meiner temporären Mitschüler zu sehen. Erste Lektion an diesem Tag: 25 Minuten vor Beginn kommt niemand in die Schule. Nun gut, von den Lehrern einmal abgesehen. Wieso sollte sich das auch nach 17 Jahren, seitdem ich zum letzten Mal die Schulbank drückte, auch geändert haben?

Ich betrete das leere Foyer – ohne Schulranzen, dafür mit einer Umhängetasche, in der ich mein Pausenbrot und ein Getränk verstaut habe. Trinken die Kinder eigentlich heute immer noch diesen Tetrapack-Saft wie ich als Sechsjähriger damals? Ab dem Läuten der Schulglocke werde ich einer Lehrerin folgen. Die heißt Christin Heins. Mit 37 ist sie genauso alt wie ich. „Guten Morgen, Lars!“, begrüßt sie mich. „Guten Morgen, Fräulein ...“, entgleist es mir, aber prompt fällt mir ein, dass ich meine damalige Klassenlehrerin, Fräulein Bröhrmann, tatsächlich noch so anzureden hatte. Manche Vokabeln lassen sich halt nur schwer aus dem Kopf verbannen.

Erste Stunde bei den Gänseblümchen und den Sonnenblumen. So heißt die altersgemischte Klasse hier, in der Erst- und Zweitklässler gemeinsam beschult werden. Offene Eingangsstufe nennt sich das im Fachjargon – ein Modell, das zu meiner Grundschulzeit sicher noch undenkbar gewesen wäre. Die Geräuschkulisse überfordert mich kurz. Waren wir früher eigentlich auch so laut?

Kurz bevor Frau Heins das Klassenzimmer betritt, nehme ich an einem der (naturgemäß für mich viel zu niedrigen) Tische Platz. Meine Mitschüler starren mich an. Obwohl, eigentlich scheine ich ihnen eher egal zu sein. Ich dachte ja, es würde bei ihnen Eindruck schinden, wenn ich erzähle, dass ich mich als Journalist für einen Artikel unter ihresgleichen mische. Aber nein. Nur Julian, mein Sitznachbar, gibt sich schockiert: „Freiwillig zurück in die Schule? Wie bist du denn drauf?!“ Ich erwidere, dass ich mich auch darüber wundere – in der Hoffnung, dass alle lachen. Aber niemand lacht, es ist ja auch noch früh am Morgen. Mein Versuch hat offiziell begonnen. Zurück als Erstklässler in die Schule.

Unsere Lehrerin kommt hereinspaziert. „Guten Morgen, Kinder.“ – „Guuuten Moooor-gen, Frau Heeeins!“, schallt es zeitgleich aus 15 Kinderkehlen. Hier und da wird gekichert. Ihre Anwesenheit ist erst einmal nicht von Interesse. Erst, nachdem das gemeinsam geschmetterte Begrüßungslied verklungen ist, beruhigt sich die Klasse.

Der Tag beginnt vor der Tafel – mit einem Sitzhalbkreis. „Kinositz“ nennt man das hier. Ein allmorgendliches Ritual, das zu meiner Zeit zwecks Austausch über das vorangegangene Wochenende nur montags gepflegt wurde. „Wer von euch kann mir ein Wort des Tages nennen?“, fragt Frau Heins in die Runde. Schon brabbeln alle wild durcheinander: „Froschkönig!“, Rasenmäher!“, Pferdeschwanz!“ Am Ende einigen wir uns auf den „Presslufthammer“ und stecken schon mittendrin im von mir damals hochgeschätzten Deutschunterricht.

Die Übergänge, das stelle ich später fest, sind hier fließend. Die mir so vertrauten Schulstunden à 45 Minuten mit kleinen und großen Pausen dazwischen, sie sind zumindest hier in Hetzwege passé. Stattdessen steht erst nach 90 Minuten die erste richtige Auszeit an. Das macht aber nichts, denn nur auf der Schulbank sitzen die Kinder längst nicht mehr.

„Du bist ja behämmert!“, raunt eines der Kinder seine Klassenkameradin an. „Bist du jetzt bitte ruhig“, versucht Frau Heins, das ewige Gequatsche des Jungen wegzudrücken. Lehrer, merke ich, müssen vor allem eines mitbringen: zwischen vielfältigen Sätzen ihre Schüler zu ermahnen, doch „bitte mal ruhig zu sein“ und nicht den Faden zu verlieren.

„Heißt es das Bonbon oder der Bonbon?“

Nach einem gemeinsamen Exkurs in die Silbentrennung, bei dem eifrig geklatscht wird, geht es für uns zurück auf den Platz. Jeder geht nun einer Aufgabe nach. Die Zweitklässler sollen in ihr Arbeitsbüchlein eine Geschichte aufschreiben, die sie später auch vorlesen werden. Es geht natürlich um Pferde. Und um Fußball. Ich und die anderen Erstklässler üben uns währenddessen weiter darin, Silbenbögen zu schlagen.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich viel mehr weiß, als die Schüler. Aber das müssen die Schüler ja nicht wissen. „Heißt es das Bonbon oder der Bonbon?“, frage ich Paula zu meiner Rechten. Die hat aber keinen blassen Schimmer. „Paula, hol doch mal den Duden bitte und schau für Lars nach“, sagt Frau Heins. Gesagt, getan. „Das darf man so oder so schreiben“, klärt die Achtjährige mich auf.

Nach einem kurzen Bewegungsspiel-Intermezzo (das wohl die kleine Pause ersetzen soll) steht Sachkunde auf dem Stundenplan. Heute geht es um den Schmetterling. Die Kinder melden sich. Was uns zum Schmetterling einfällt, will unsere Lehrerin wissen. Dann sollen wir die Körperteile des Insekts beim Namen nennen. Flügel, Kopf, Bein – ein Kinderspiel. Eifrig hebe ich den Arm, um mich zu Wort zu melden. Nur beim Saugrüssel liege ich falsch. Das sei doch der Lippentaster, wollen es einige besser wissen. Sie haben recht.

Zwischendurch schaue ich auf mein Handy. Frau Heins wirft mir einen mahnenden Blick zu. Man bin ich süchtig, denke ich. An einigen Apps sehe ich rote Zahlen aufleuchten. Mich macht das nervös. Nachrichten! Aufschieben mag ich nicht. Muss ich aber. Handys haben in einer Grundschule nun einmal nichts verloren. Dafür aber Vitamine. Die gibt‘s beim Frühstück am Ende der Unterrichtseinheit in Form von frischem Obst. Jonas will sein Butterbrot mit mir teilen. Ich lehne nicht ab, nachdem ich doch so chaotisch in den Tag gestartet war.

Es läutet. Pause. Endlich frische Luft. Auf dem Schulhof darf ich ein paar Runden mit dem Roller drehen. Der kommt von der Rotenburger Verkehrswacht, die hier für ein paar Tage einen Parcours aufgebaut hat – für die Kinder aller Jahrgänge ist das natürlich eine aufregende Sache.

Zurück im Klassenzimmer. Jetzt komme ich in den Genuss meines persönlichen Horrorfachs: Mathe. Von Sinuskurven, Algebra und Stochastik bleiben die Schüler natürlich noch verschont. Stattdessen üben wir ganz spielerisch das Einmaleins. Toll, denke ich mir, so macht die Welt der Zahlen noch richtig Spaß.

Spaß hatte ich an diesem Vormittag ohnehin. Und die Schüler auch mit mir, wie sie mir bei der Verabschiedung versichern. Ob ich wiederkomme, fragt einer sogar. Ganz so uncool, wie ich dachte, habe ich als Erwachsener wohl offenbar nicht auf sie gewirkt. Frau Heins geht da schon strenger mit mir ins Gericht. Welche Note sie mir geben würde, möchte ich von ihr zum Abschluss wissen. „Du hast dich schon ganz gut eingebracht, aber an deinem ständigen Dazwischenquatschen arbeiten wir noch“, versucht sie es diplomatisch zu formulieren.

Manches lässt sich selbst nach 30 Jahren nicht so einfach abstellen ...

Von Lars Warnecke

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