„Nie eine Frau unterschätzen“

Frauenpower in Scheeßel: Paola Willenbrock wird Ortsbrandmeisterin

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Paola Willenbrock ist die neue Ortsbrandmeisterin in Wittkopsbostel. Die erste Frau in der Gemeinde Scheeßel in dieser Position.

Paola Willenbrock ist 38 Jahre alt, zweifache Mutter – und erste Ortsbrandmeisterin bei der Freiwilligen Feuerwehr in Wittkopsbostel (Gemeinde Scheeßel). Im Interview spricht sie über ihren beruflichen Werdegang, über die Aufgaben einer Ortsbrandmeisterin und über ihre Sonderrolle in einem männerdominierten Berufszweig.

Wittkopsbostel - Paola Willenbrock hat geschafft, was vor ihr noch keiner Frau in der Gemeinde Scheeßel gelungen ist. Die 38-Jährige ist dort die erste Ortsbrandmeisterin einer Freiwilligen Feuerwehr – und zwar der aus Wittkopsbostel. Vergangene Woche haben die Mitglieder sie, die schon zwölf Jahre lang in stellvertretender Funktion die Ortswehr geführt hat, in das Amt gewählt. Was das für die zweifache Mutter bedeutet, was sie womöglich verändern will und warum die Feuerwehr mehr Frauen braucht, hat Willenbrock im Interview mit unserer Redaktion erzählt.

Frau Willenbrock, die Freiwillige Feuerwehr ist auch heutzutage noch ein eher ungewöhnliches Hobby für Frauen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Über unsere Wettkampftruppe. Eine Freundin war damals aktiv dabei. Sie war übrigens die erste Feuerwehrfrau in Boschel. Irgendwann habe ich sie mal zu einem Übungsabend für die Kreiswettkämpfe begleitet, um einfach zuzuschauen. Dabei ist jemand auf mich zugegangen und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzuhelfen. Damit man wenigstens vernünftig üben könne, hieß es, seien zu wenig Leute vor Ort. Natürlich habe ich mit angepackt und in dieser Gemeinschaft habe ich mich so wohl gefühlt, dass dabei geblieben bin. Damals stand ich kurz vor meiner Volljährigkeit – mit dem Gedanken gespielt, in die Feuerwehr einzutreten, hatte ich aber schon zu dem Zeitpunkt, als meine Freundin dies tat. Meine Mutter hat davon aber gar nichts gehalten, es ihr gleichzutun. Mit fast 18 konnte ich dann ja zum Glück halbwegs selbst entscheiden (lacht).

War es schon länger Ihr Wunsch, auch Führungsverantwortung zu übernehmen?

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Lehrgangsabend erinnern, an dem die Organisation der Feuerwehr besprochen wurde. Da haben ich und eine Kameradin noch gewitzelt, dass wir uns irgendwann doch mal als Gemeindebrandmeister ausprobieren könnten. Natürlich war das nicht unsere Absicht – und das ist es für mich auch heute nicht. Am Aufstieg zur stellvertretenden Ortsbrandmeisterin war eigentlich die Boscheler Wettkampfgruppe schuld. Nach der Saison ging damals der Gruppenführer weg, woraufhin man mich fragte, ob ich diesen Posten nicht übernehmen wolle. Geübt habe ich mit der Gruppe für die Wettkämpfe zwar schon, aber nicht in verantwortlicher Position währenddessen. Da war dann mein Ehrgeiz geweckt. Ich wollte mir immer mehr Hintergrundwissen aneignen. Da war es von Vorteil, noch so jung zu sein. Den Truppführer zum Beispiel habe ich in der freien Zeit zwischen Abi und Ausbildung gemacht. Im Berufsleben ist das ja nicht so einfach, für eine komplette Woche auf Lehrgang zu gehen.

Und nun sind Sie, nachdem Sie schon vertretend in einer Führungsposition waren, die erste Ortsbrandmeisterin in der Gemeinde Scheeßel überhaupt – da möchte man schon fast von etwas Historischem reden  ...

Das will ich doch mal ein bisschen relativieren. Ich glaube, wir haben in der Gemeinde Scheeßel viele Frauen, die sich führungstechnisch einbringen – egal ob das Sabine Schröder, unsere Frauensprecherin auf Kreis- und auf Landesebene, ist oder Bianca Volckmer, die stellvertretende Kreisjugendwartin. Ich finde, es ist nicht wirklich etwas Besonderes bei mir. Vor zwölf Jahren war ich überhaupt die erste stellvertretende Ortsbrandmeisterin im Kreisgebiet – das war fast schon aufregender als jetzt.

Welche Voraussetzungen müssen Feuerwehrleute für das Amt eines Ortsbrandmeisters/einer Ortsbrandmeisterin erfüllen?

Neben gewissen Ausbildungslehrgängen, die man in der Tasche haben muss, beispielsweise zum Truppführer und zum Gruppenführer, sollte man menschlich nicht der letzte Chaot sein und nur Blödsinn im Kopf haben. Nein, man sollte die Leute auch ein bisschen runterholen können, wenn etwas zu hoch kocht – und man sollte Erfahrung mitbringen, die man als junger Mensch, der in einer Feuerwehr ist, eben noch nicht hat.

Sie sind in Ihr neues Amt einstimmig im geheimen Verfahren gewählt worden. Was bedeutet Ihnen das?

Das hat mich echt umgehauen! Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, weil ich mit einem solchen Vertrauensvorschuss überhaupt nicht gerechnet hatte. Als Dieter Apel, unser Gemeindebrandmeister, das Ergebnis verkündete, ging der Puls bei mir gleich auf 130 hoch.

Hatten Sie schon mal einen Einsatz, der Ihnen richtig nah gegangen ist?

Der Erste, ich war damals vielleicht zwei oder drei Jahre in der Feuerwehr, war der schlimmste. Damals sind wir zu einem Verkehrsunfall auf der Strecke zwischen Wittkopsbostel und Sothel ausgerückt, bei dem der Fahrer tödlich verunglückt war. Da hätte ich mir dann doch lieber eine brennende Mülltonne gewünscht. Ich weiß noch, wie ich später total niedergeschlagen nach Hause gekommen bin.

Wie verarbeitet man so etwas?

Damals haben wir in der Ortswehr zusammengesessen und viel über das Erlebte gesprochen. Auch hier waren die Gemeinschaft und der offene Umgang miteinander so, dass sich sagen muss: Das passt. Einen Seelsorger brauchte zum Glück noch keiner von uns.

Hatten Sie schon mal richtig Angst bei einem Einsatz?

Richtig Angst nicht, aber man hat Respekt. Als wir in Westeresch vor einiger Zeit bei einem Gebäudebrand mit hinzugezogen worden sind, ist mir persönlich schon ein wenig anders geworden, wenn man sieht, dass da alles ein Raub der Flammen geworden ist. Dass sämtliche Erinnerungstücke für die Bewohner vernichtet sind.

Gehen Sie auch ins Feuer?

Nein. Vor ein paar Jahren habe ich mal an einem Übungsabend in Sachen Atemschutz teilgenommen, bei dem man mal in das Thema reinschnuppern konnte. Und ich habe dabei festgestellt, dass das nichts für mich ist. Als ich die Maske anlegte, habe ich ernsthaft Panik geschoben.

Haben Sie schon Pläne für Veränderungen, die Sie innerhalb der Feuerwehr Wittkopsbostel umsetzen möchten?

Bei uns läuft eigentlich alles soweit ganz gut. Wir haben einen tollen Altersdurchschnitt und konnten in den letzten Jahren viele Neueintritte verzeichnen. Da würde ich sagen, dass wir aktuell nicht wirklich etwas verändern brauchen.

Als Frau mit Führungsposition in einer Männerdomäne haben Sie es sicher auch nicht immer leicht, oder?

Da kann ich auch nicht klagen. Eigentlich sind die männlichen Kameraden immer respektvoll mit mir umgegangen. Nun bin ich auch nicht ganz auf den Mund gefallen: Wenn mal ein blöder Spruch kommt, dann kann ich, glaube ich, ganz gut kontern. Ich lasse mir doch die Butter nicht vom Brot nehmen (lacht).

Würden Sie sich mehr Frauen in der Feuerwehr wünschen?

Wünschenswert ist das auf jeden Fall. Aber mit den fünf Frauen bei uns in der Ortswehr bei insgesamt 39 aktiven Kameraden liegen wir schon weit über dem Gemeindeschnitt. Also von daher sind wir da ganz gut aufgestellt.

Unterscheiden sich Feuerwehrfrauen von Feuerwehrmännern in ihrer Arbeit?

Ich glaube nicht, nein. In der Feuerwehr sind ja eh nicht die Zartbeseitesten, deshalb ticken wir Frauen nicht großartig anders als Männer. Für mich selbst gesprochen: Aufgeben war nie eine Option. Ich kann mich noch gut an den Ausbilder in meinem Maschinistenlehrgang erinnern. Der fand es augenscheinlich nicht so prickelnd, dass sich Frauen in der Wehr engagieren. Am Prüfungstag hat er mich dann wohl auch hinsichtlich meiner Kondition testen wollen: Ich sollte eine Pumpe anschmeißen, während mein männlicher Mitprüfling nur die Zündkerzen zu wechseln hatte. Wie habe ich gekurbelt und dabei böse geflucht, sodass es die anderen Gruppen auch hören konnten. Aber ich habe das blöde Biest in Gang bekommen und war saustolz darauf. Man sollte eben nie eine Frau unterschätzen.

Demnächst muss Ihre Wahl noch im Scheeßeler Gemeinderat bestätigt werden. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf die Wahl?

Ehrlich gesagt ganz entspannt. Die kennen mich da ja schon, weil sie mich zweimal als stellvertretende Ortsbrandmeisterin durchgewunken haben.

Hintergrund: Wahl mit traurigem Hintergrund

Eigentlich wollte Paola Willenbrock aus familiären Gründen kürzertreten und ihr bisheriges Amt als stellvertretende Boscheler Ortsbrandmeisterin Anfang des Jahres zur Verfügung stellen. Doch nach dem Tod des langjährigen Ortsbrandmeisters Karlheinz Meibohm im vergangenen Herbst rückte sie von ihrem Plan wieder ab. Willenbrock stellte sich bei der jüngsten Mitgliederversammlung der Ortsfeuerwehr ohne einen Mitbewerber zur Wahl – und wurde einstimmig für sechs Jahre zur neuen Ortsbrandmeisterin befördert.

Neben ihr hat aktuell nur noch eine Frau im Landkreis dieses Amt inne: Regina Pape in Hesedorf bei Bremervörde. Zu Willenbrocks Stellvertreter wurde bei dem Treffen Marc Steenbock gewählt, der sich gegen seinen Mitbewerber Christoph Behrens durchsetzte.

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