Ergebnisse für Einzelhandelskonzept liegen auf dem Tisch / Investoren sorgen im Ausschuss für Eklat

Ein Frequenzbringer muss her

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Aldi will von seiner Fläche her expandieren. Dafür ist geplant, den jetzigen Standort am Vahlder Weg auf das gegenüberliegende Gelände, wo jetzt noch eine alte Hofstelle steht, zu verlagern.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Die Ausgangssituation ist analysiert, die Wohnorterhebung und Bürgerbefragung ausgewertet: Nun war man auf die Ergebnisse gespannt. Die Gemeinde Scheeßel macht Fortschritte bei der Aufstellung ihres Einzelhandelskonzepts. Damit soll das Gewerbe in der Ortsmitte bedarfsgerecht weiterentwickelt werden – gerade auch vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden Erweiterung des Aldi-Discounters und der Neuansiedlung eines Combi-Vollsortimenters. In der jüngsten Sitzung des Bau- und Planungsausschusses ließen sich die Kommunalpolitiker über den Status quo informieren – eine Sitzung, die zeitweise aus den Rudern zu laufen drohte.

„Handel ist Wandel, das ist auch in Scheeßel nicht anders“, konstatierte Katharina Staiger von der durch die Gemeinde beauftragten Hamburger Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA), als sie die Grundzüge dessen vorstellte, was nach drei planungsbegleitenden Arbeitskreissitzungen auf rund 60 Seiten zu Papier gebracht worden war. Mit dem Konzept, so die Gutachterin, gebe man Empfehlungen ab – einerseits zu den Potentialen, was den Einzelhandel betreffend noch machbar wäre, aber auch dazu, was rein rechtlich gar nicht mehr durchführbar sei. „Heute geht es um die grobe Richtung, einiges muss sicher noch geklärt werden.“ Ebenso seien seitens potenzieller Investoren und Grundstückeigentümer Anfragen gestellt worden, „die sind natürlich auch zu beachten“.

Dass das Konzept nicht im „luftleeren Raum“ entstanden sei, sondern ebenso unter Beteiligung der Bürger, betonte Verwaltungschefin Käthe Dittmer-Scheele. Sie sprach von einem breiten Meinungsbild, dass eingeflossen sei, „damit bei der fachlichen Bewertung nichts vergessen wird“.

Viele Zahlen und Fakten nannte Staiger während ihrer Ausführungen beim Namen, angefangen vom Kaufverhalten über den Bestand bis hin zu Instrumenten der Optimierung (siehe Bericht links). Was die Aldi-Erweiterung betrifft habe sie keine Bedenken. Zur Erinnerung: Der Discounter plant, vom jetzigen Standort am Vahlder Weg auf die gegenüberliegende Straßenseite in einen größeren Neubau überzusiedeln – auf das Grundstück einer noch abzureißenden Hofstelle. 12000 Quadratmeter misst die Fläche, für einen Aldi selbst eine viel zu große Dimension, merkte die Gutachterin an. „Unser Vorschlag wäre, das Areal für den Discounter zu halbieren.“ So könnten sich daneben auch andere Betriebe ansiedeln. „Aber bloß keinen weiteren Discounter mehr“, warnte Staiger. Gleiches gelte für die Nachnutzung der jetzigen Aldi-Unterkunft.

Ebenfalls machbar sei die Neuansiedlung eines Vollsortimenters, die aller Voraussicht nach auf dem Grundstück des ehemaligen Globus-Marktes Ecke B75/ Mühlenstraße stattfinden wird. „Wir haben mit dem Edeka-Markt am Vahlder Weg derzeit die Struktur, dass das sehr einseitig platziert ist. Da herrscht ein Ungleichgewicht“, so Staiger. Um diese Struktur aufzuweichen, bedürfe es eines Frequenzbringers, von dem dann auch die kleinen Fachgeschäfte im Ort profitieren würden. „Jetzt sind die Läden noch abgekoppelt“, schilderte die Fachfrau das Dilemma.

Auf die Frage von Frithjof Hellwege (SPD), inwiefern sich der Kundenstrom denn von außerhalb verändern würde, sollte die Scheeßeler Ortsumgehung gebaut werden, gab Staiger Entwarnung: „Den Schwerpunkt werden Sie sicher nicht verlieren – wo sollen die Menschen sonst auch einkaufen?“

War die Sitzung bis dato noch von Sachlichkeit geprägt, schlug die Stimmung zum Ende hin ins Emotionale um. Grund waren Äußerungen der ebenfalls im Saal anwesenden Aldi-Investoren, die die Sorge vor einem – offenbar für sie persönlich – zu großen Vollsortimenter durchblicken ließen. Ebenso wurde Kritik an Staigers Empfehlung laut, das neue Aldi-Grundstück in Parzellen teilen zu lassen. „Für uns ist es wichtig, einen modernen Markt auf einer entsprechend großen Fläche bauen zu können“, brachten sie ihr Interesse auf den Punkt. Ferner wurde angeregt, einen der bestehenden Discounter näher in den Ort zu holen, anstelle mit einem Vollsortimenter neuen Wettbewerb zu schaffen.

Mit derartigen Aussagen konfrontiert, rang Katharina Steiger sichtlich um Fassung: „Es ist nicht üblich, das sage ich jetzt in aller Deutlichkeit, dass ein Investor in einer öffentlichen Sitzung zu seinem Vorhaben so viele Fragen stellt. Da bin ich schon sehr erstaunt.“

Auch für die Bürgermeisterin, die blitzartig vom Stuhl aufgesprungen war, waren derartige Aussagen überhaupt nicht hinnehmbar: „Ich finde es dreist, wie Investoren-Interessen hier vertreten werden“, empörte sich Dittmer-Scheele lautstark. „Wir wissen, dass da Verdrängung dranhängt und sich nicht jeder darüber freut, wenn er noch einen Wettbewerber dazubekommt.“ Allerdings versuche man, das Beste für die Gemeinde zu tun. „Jetzt subversiv mit anderen Dingen zu kommen, finde ich daneben“, brachte sie ihren Unmut zum Ausdruck.

Rückendeckung erhielt die Verwaltungschefin von Hans-Jürgen Conrad (CDU): „Ich werde das Gefühl nicht los, dass Aldi ein bisschen Angst vor Wettbewerb hat“, so der Ratsherr. Genau der fördere aber doch die Kaufkraft. „Sie als Kaufleute müssen das doch eigentlich wissen“, wandte er sich an die Unternehmensvertreter.

Als sich die Wogen wieder geglättet hatten, ging man zur Abstimmung über – und die fiel, was die Grundzüge des Einzelhandelskonzeptes angeht, einhellig aus. „Als nächsten Schritt machen wir uns jetzt ans Feintuning heran“, kündigte Staiger an.

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