„Es war ein enormer Zusammenhalt“

Ohne Navi und Autobahnen: Rouven und Patrick sind zurück von der Baltic Sea Circle Rallye

Rouven Stieghahn (l.) und Patrick Siegmund mit ihrem Mitsubishi Pajero 2 500 TD Intercooler vor dem stählernen Globus am Nordkap.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Sie sind wieder da: Nach exakt 8.400 Kilometern ist das Team „Intercooled Deluxe“ vor wenigen Tagen wieder wohlbehalten von der „Baltic Sea Circle“ nach Scheeßel zurückgekehrt. Zwei Wochen lang waren Rouven Stieghahn und Patrick Siegmund in Nordeuropa mit einem umgebauten, 25 Jahre alten Geländewagen unterwegs – ohne dass man Navis oder Autobahnen benutzen durfte.

Die beiden Freunde machten mit bei einer Abenteuer-Rallye über zehn Länder von Hamburg bis zum Nordkap und zurück. Über traumhafte Landschaften, stinkenden Fisch und jede Menge Improvisationstalent sprachen die beiden mit unserer Zeitung.

Herr Siegmund, Herr Stieghahn, war der „Baltic Sea Circle“ für Sie eher ein Wettrennen oder Sightseeing?

Patrick Siegmund: Gute Frage, sicher von beidem etwas. Auch wenn es nicht auf Zeit ging, sondern um die Erfüllung von Aufgaben, die auf den Tagesetappen zu erfüllen waren, hatten wir doch den Ehrgeiz, uns wenigstens im ersten Drittel oder besser der jeweils Ankommenden zu bewegen. Dies hat auch weitestgehend gut geklappt. Einzig bei unserer Ankunft in Estland gehörten wir dank einiger technischer Probleme sowie eines nicht enden wollenden Grenzübertritts von Russland nach Estland zum hinteren Drittel. Das haben wir dann aber schnell wieder bereinigt. Rouven Stieghahn: Sightseeing gab es aber natürlich auch. Nicht nur das Klassische, also St. Petersburg und unsere neue heimliche Liebe, Riga, auch die wunderschönen Landschaften in Schweden, Norwegen und Polen haben wir unter Sightseeing verbuchen können. Am Ende war es aber sicher ein Hybrid, bei dem doch das Wettrennen überwog.

Mitgemacht haben 250 Teams. Nicht alle sind angekommen ...

Stieghahn: Es gab doch so einige technische Ausfälle. Am Ende vermute ich so etwa 20 bis 30. Im Rahmen der Rallye-Whatsapp-Gruppe konnte man die Hilferufe der Kollegen stetig mitbekommen, wer denn nun wieder wo mit Reifen- oder gar Motorschaden liegen geblieben ist. Aber so ist es eben, wenn man mit gut 20 Jahre alten Autos eine solche Rallye bestreitet. Und ganz ehrlich macht es das ja auch aus. Mit Neuwagen wäre es ja nur halb so spannend. Siegmund: Am Ende gab es natürlich auch einen Sieger nach Punkten. Dies war ein Team aus Süddeutschland, das recht kreativ mit einem amerikanischen Polizei-Ranger-Jeep unterwegs war. Die Kreativpunkte gingen auf jeden Fall an das Team, obwohl sie ihre Blaulichter gleich nach dem Start in Hamburg bereits der dortigen Polizei übergeben mussten. Unter die ersten Drei haben wir es leider nicht geschafft. Dazu ließen unsere zwar wenigen, aber trotzdem zeitraubenden Pannen so manche Challenge nicht zu. Die weiteren Platzierungen wurden nicht ausgewertet, sondern es erhielten alle den vierten Platz. Im Vergleich mit den anderen Teams und unserer erreichten Punktzahl sind wir aber auch ungefähr im ersten Drittel gelandet.

Wie war denn der Umgang mit den anderen Teilnehmern?

Siegmund: Der Zusammenhalt unter den Teams ist wirklich etwas, das wir am meisten und besten erinnern. Es war eine derart unterschiedliche Gemeinschaft an Leuten, egal ob Alter, lokale oder berufliche Herkunft, was die gesamte Rallye so besonders machte. Egal, ob beim Helfen an der Straße – niemals ist auch nur ein Auto an einem anderen liegen gebliebenen Wagen vorbeigefahren – oder auch beim geselligen Beisammensein beim Wildcamping oder den beiden organisierten Zusammenkünften zum Mittsommer auf den Lofoten beziehungsweise bei Talinn in Estland. Es war ein enormer Zusammenhalt, der uns verbunden hat

Welche Aufgaben hatten Sie unterwegs denn zu bewältigen?

Stieghahn: Eine stetig in Erinnerung bleibende Aufgabe war sicher das Mitführen einer geöffneten Dose Surströmmming. Das ist ein durch Säuerung konservierter Hering. Und dies über 200 Kilometer im Fahrzeug. So etwas haben wir wirklich noch nie gerochen! Aber auch andere Challenges wie das Auffinden des ersten Abba-Tourbusses in Schweden auf einem Autofriedhof oder auch ein Foto von einem durch uns hochgehobenen Polizisten konnten wir meistern. Eine Ziege haben wir dagegen nicht hinter unser Lenkrad gelassen. Die Challenges waren eine schöne Bereicherung der langen Fahrten, sollten aber auch, so die Ansage der Rennleitung, nicht so bierernst genommen werden.

Wie viel haben Sie von den anderen Teilnehmern mitbekommen?

Stieghahn: Interessant und vielleicht von einem Soziologen besser zu beurteilen, war, dass wir von 250 Teams manche überhaupt nicht getroffen haben, aber immer wieder unabgesprochen mit einer Gruppe der gleichen 15 bis 20 Teams zusammengekommen sind. Irgendwie scheinen bestimmte Stereotypen da zu funktionieren. Wir selbst sind auch ab dem zweiten Tag mit einem Team aus Hamburg zusammen gefahren, da es zum einen sehr gut zwischen uns passte und auch von der Rennleitung empfohlen wurde, sich wenigstens zu zweit zusammen zu tun bei den langen Fahrten durch Schweden, Norwegen, Finnland und Russland.

Gab es unterwegs auch brenzlige Situationen?

Siegmund: Brenzlig war es bei uns eigentlich nur im technischen Bereich. In Kem, einer Industriestadt im Norden Russlands, stellten wir fest, dass unsere Lichtmaschine defekt war – und zwar derart, dass sie nur mit größter Vorsicht zu reparieren war, da ein bestimmter Stift nicht abbrechen durfte, obwohl er reichlich vergammelt war. Unsere Reise wäre sonst dort beendet gewesen. Dies hat Rouven aber exzellent gelöst und wir konnten dann weiterfahren. Ab Lettland verabschiedete sich dann der Anlasser, aber ein neuer war dort auf die Schnelle nicht zu bekommen. Dort haben wir uns dann entschieden, das Auto die letzten vier Tage anzuschieben. Ging aber, auch dank der Hilfe unseres Hamburger Begleitteams, sehr gut. Stieghahn: Ansonsten haben wir Elche, Rentiere oder Wildschweine nur aus dem Auto oder von oben aus unserem Dachzelt gesehen. Da waren wir sicher. Auch mit den Behörden der jeweiligen Länder hatten wir keine Probleme. Der Grenzübertritt nach Russland war zwar extrem langwierig und formal geprägt, am Ende ist man uns aber immer sehr freundlich und auch interessiert begegnet – auch wenn ich meine Sachen bis auf die Tiefen meines Kulturbeutels leeren musste.

Welche Eindrücke haben Sie aus Russland mitgenommen?

Siegmund: Neben den bereits beschriebenen Erlebnissen an der Grenze sicher die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Das ohne Zweifel beeindruckende St. Petersburg, wo wir Kultur wie auch Nachtleben ausgiebig studiert haben, neigt aber auch schon stark in Richtung westeuropäischer Metropolen. Auf dem Lande und in den Industriestädten wie beispielsweise Kem oder Petrosawodsk sieht man aber auch viel aus vergangenen Sowjet-Zeiten, was natürlich auch beeindruckend ist, aber ebenso nachdenklich macht. Auf jeden Fall ist man uns überall mehr als freundlich begegnet. Die russische Gastfreundschaft ist kein Gerücht, sondern durften wir am eigenen Leib positiv erfahren.

Der nördlichste Punkt Ihrer Tour war das Nordkap. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Siegmund: Das war natürlich ein ganz besonderer Moment. Bereits das Überschreiten des Polarkreises war schon etwas Besonderes, aber die Fahrt dann durch den sieben Kilometer langen und 200 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Tunnel auf die Nordkap-Insel war schon ein Erlebnis. Als wir dann vor dem Globus standen, waren wir mächtig stolz. Da war ja ein großes Ziel erreicht. Auch wenn es dort ziemlich neblig und ebenso touristisch geprägt war, haben wir doch unsere Zeit für uns genossen und auch den Extra-Betrag, um das Auto mit zum Globus zu nehmen, gerne gezahlt. Auf dem Rückweg haben wir dann nur einige Kilometer unter dem Nordkap erst mal mit dem Rotenburger Team „Old Stars“ um Carsten Wedekind gegrillt und Champagner aus dem Rauchfang Oldenhöfen getrunken.

Was hat ihnen der etwas andere Urlaub gebracht?

Siegmund: Es ging schon in die Richtung, die wir uns auch gedacht haben. Weniger war es die erwartete Ruhe – der Rallye-Anteil hat uns schon gut auf Trab gehalten. Am Ende waren es bei uns ja auch nicht 7 500 sondern 8 400 Kilometer, das heißt, wir waren schon ordentlich unterwegs. Vielmehr war es die Erkenntnis, die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Klingt zwar sehr klischeehaft, war aber so. Ganz oft waren wir erst ganz aufgeregt, ob etwas nun so oder so funktioniert und am Ende fügte sich alles und ging seinen Weg, auch ohne unser aktives Zutun.

Die Teilnehmer der „Baltic Sea Circle“ sammeln Geld für einen guten Zweck. Welche Summe haben Sie erreicht?

Siegmund: Von der Resonanz bei den Scheeßeler Unternehmern sind wir wirklich sehr begeistert. Unser ausgewähltes Projekt „HerzCaspar e.V.“ der Familie von Schiller aus Lauenbrück erfreute sich großer Beliebtheit. So konnten wir etwa 5.000 Euro an Geld- und Sachspenden sammeln. Insgesamt haben 16 Scheeßeler Unternehmer mit den drei Hauptsponsoren Medizinisches Versorgungszentrum am Meyerhof von Dr. Tilo Helmschmied, Autohaus Brunkhorst sowie SM Metallbau von Sören Meyer uns wirklich toll unterstützt.

Für diese außergewöhnliche Rundreise haben sie mit den Umbauten am Auto und den Benzinkosten rund 9 .000 Euro ausgegeben. War es das wert?

Stieghahn: Auf jeden Fall. Zum einen ist das Fahrzeug ja nicht weg – wir überlegen noch, ob wir verkaufen oder es für eine weitere Rallye wieder herrichten. Des Weiteren haben wir wirklich tolle Erfahrungen gemacht. Das, was wir gesehen und erlebt haben, ist wirklich echt einzigartig.

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