Arthur Lempert aus Sothel engagiert sich ehrenamtlich in der Hamburger Aids-Hilfe

Im Einsatz gegen die Unwissenheit

Verstehen sich auch außerhalb ihrer Arbeit bei der Aids-Hilfe gut: der Ehrenamtler Arthur Lempert und die feste Mitarbeiterin Doreen Friebe. - Foto: Warnecke

Sothel/Hamburg - Von Lars Warnecke. Arthur Lempert hat es eilig. In gut einer Stunde erwartet ihn eine Schulklasse. Über die Autobahn geht es schnurstracks in Richtung Hamburg, genauer nach St. Georg. Sein Ziel: die Hamburger Aids-Hilfe. Dort hilft der 52-Jährige heute als sogenannter Youthworker (zu deutsch: Jugendarbeiter) aus – ehrenamtlich, wie auch weitere Tätigkeiten, die er für den Verein leistet. Dem Sotheler ist seine Aufklärungsarbeit in Sachen HIV und Aids eine Herzensangelegenheit.

Lempert eilt das Treppenhaus hinauf. Gerade noch rechtzeitig. „Mensch Arthur, gibt's dich auch noch“, begrüßt ihn Patrick, einer der hauptamtlichen Mitarbeiter. Der Sotheler ist nicht mehr so oft hier. Früher, sagt er, war das anders. Seit zehn Jahren steht Lempert in den Diensten der Aids-Hilfe Hamburg. In der Regel trifft man den ausgebildeten Krankenpfleger an Info- und Aktionsständen des Vereins – zum Beispiel beim Hafengeburtstag oder dem Christopher Street Day. Immer mit dabei: die Aids-Teddys mit der berühmten roten Schleife. Die haben auch schon in vielen Scheeßeler Kinderzimmern einen Platz gefunden, seitdem Lempert die Stofftiere über die Beeke- und die Sonnen-Apotheke verkaufen lässt. Der Erlös komme wiederum zu 100 Prozent der Aids-Hilfe zugute, betont der Sotheler.

Dass Lempert, der offen seine Homosexualität auslebt, nur noch sporadisch als Youthworker unterwegs ist – und zwar immer dann, wenn seine Mitstreiter gerade einmal nicht zur Verfügung stehen –, hat er für sich selbst entschieden. „Wenn man morgens nach Hamburg rein will und im Stau steht, kann es schon einmal passieren, dass man nicht pünktlich ankommt.“ Ihm sei das durchaus schon passiert. „Ehrenamt ist halt auch immer von zeitlichen Ressourcen abhängig.“

Heute läuft alles reibungslos. Was ihn in den nächsten zweieinhalb Stunden im Rahmen des Youthworker-Projektes erwartet: Eine 28-köpfige Realschulklasse mit 13- bis 14-jährigen Heranwachsenden, die mehr erfahren will über die Liebe und das Leben, HIV und Safer Sex. Eine Aufklärungsarbeit, die ganz ohne erhobenen Zeigefinger stattfinden würde, betont Lempert.

Als er sich Ende der 1980er-Jahre das erste Mal gegen Aids engagierte, lebte er noch in Berlin. „Die Immunschwächekrankheit war gerade aufgekommen, betraf damals vor allem Leute aus meiner Community – da stand für mich fest: Ich möchte mit anpacken.“ Heute arbeitet Lempert parallel auch als sogenannter Health-Supporter – in einem von der Deutschen Aids-Hilfe angebotenen Internetportal auf der Plattform Planetromeo. „Das ist ein niederschwelliges, anonymes Info- und Beratungsangebot für schwule Männer“, erklärt er.

Für die Schüler wird es an diesem Morgen nun ernst. Damit sie keine Hemmungen haben, werden Jungen und Mädchen erst einmal voneinander getrennt. Lempert übernimmt die männliche Gruppe, eine Kollegin die weibliche. „Auf diese Weise ist auch die Atmosphäre gleich viel lockerer“, hat er die Erfahrung gemacht. Immerhin sei es nicht einfach, über Aids und damit auch über Sex zu sprechen – gerade in Gegenwart des anderen Geschlechts.

Und die Lehrer? Die müssen im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür bleiben, werden stattdessen erst einmal ins benachbarte Café geschickt. Denn: „Auch auf diese Weise reden die Teenager wesentlich offener“, sagt Doreen Friebe. Während ihrer Schulzeit sei sie noch gemeinsam mit den Jungs der Klasse aufgeklärt worden, erinnert sich die hauptamtliche Projektkoordinatorin beim Hamburger Verein. „Das war derart peinlich, dass niemand etwas gefragt hat.“

Bei den Youthworkern ist das anders: Hier sind alle Fragen erlaubt – „und sogar erwünscht“, sagt sie. Und es sei „schon erstaunlich, wie unzureichend die Jugendlichen informiert sind“. Ihren Worten nach führe das Totschweigen dazu, dass sie immer unbesorgter mit dem Thema umgehen würden. „So laufen sie aber Gefahr, auf Gummis zu verzichten und durch riskantes Sexualverhalten eine HIV-Infektion zu riskieren“, meint Friebe. Nicht zuletzt läge die Unwissenheit auch an der fehlenden Fachkompetenz und Bereitschaft der Lehrer, sich des Themas anzunehmen.

Entsprechend groß wertet die Hamburgerin den Erfolg von „Youthwork“. Die Termine seien wochenlang vorher ausgebucht, inzwischen geht die Aids-Hilfe mit ihrem Projekt auch gegen eine finanzielle Aufwandsentschädigung direkt an die Schulen. „Zwar noch nicht im Landkreis Rotenburg, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden“, sagt sie.

Korrekter Gebrauch ganz praxisnahe

Im Nachbarraum steckt Arthur Lempert inzwischen mittendrin, seinen im Stuhlkreis versammelten Schützlingen Nachhilfe in Sachen Vorbeugung zu geben. „Aids können nicht nur Schwule und Drogensüchtige bekommen, daher gilt: immer Kondome benutzen“, schärft er den Schülern ein und demonstriert an einem Plastikpenis den korrekten Gebrauch von Kondomen. Vereinzelt wird gekichert.

Aus seiner Homosexualität macht er vor den pubertierenden Schülern kein Geheimnis. „Warum auch, für sie ist es toll, wenn der Youthworker sagen kann, dass er schwul ist und – wenn das Thema HIV und Aids aufkommt – er selbst als Positiver betroffen ist und über sein Leben mit der Therapie berichten kann.“ Er selbst trägt den HI-Virus nicht in sich, aber er weiß: „In dem Moment, wo etwas ein Gesicht bekommt, wird es greifbarer – und dann haftet es auch besser.“

Wie Aids überhaupt übertragen wird, soll den Jugendlichen als nächstes ein Kartenspiel erklären. Jeder hält eine Karte in der Hand, darauf ist je ein Begriff wie „Liebe“ oder „Blut“ geschrieben. Bei Jonas steht „Treue“, er soll erklären, was der Begriff mit der Krankheit zu tun hat. „Wer dem anderen treu ist, kann sich nicht anstecken“, sagt der 13-Jährige in die Runde. „Aber davon ausgehen kannst du nicht, deine Freundin könnte ja auch fremdgehen“, entgegnet ihm Mitschüler Bastian. Man merkt: Vieles ist den Jungen wie auch den Mädchen bekannt, einiges ganz neu. Zum Beispiel, dass das Virus erst drei Monate nach einer Infektion nachweisbar ist.

Nach zweieinhalb Stunden sind alle Schüler begeistert von dem Team und von dem, was sie mit Blick auf die Verhütung des Virus, wie man sich ansteckt und wie man es vermeiden kann, gelernt haben. „Man konnte ganz normal mit Worten reden, die man aus dem Alltag kennt“, hat Lara (14) festgestellt. Dabei sei sie anfangs noch skeptisch gewesen. „Erst habe ich noch gedacht, dass wir für dieses Thema noch viel zu jung sind und dass man uns hier zum Sex verführen will.“ Andere Teilnehmer, sagt Doreen Friebe, sprechen genau das auch vor Ort aus. Ihrer Meinung nach sei das ein Ausdruck eines neuen Konservatismus, der sich unter den jungen Menschen breitmache. „Aber das Wissen über die Ansteckungsrisiken zu haben, da ist sicher keiner zu jung für“, betont sie.

Die Schüler werden von ihrer Klassenlehrerin wieder abgeholt. Für Arthur Lempert ist die Aufklärungsarbeit zu Ende. Für dieses Mal. Doch es wird, obwohl er heute nur als „Springer“ im Einsatz war, gewiss nicht das letzte Mal gewesen sein.

Sollten Schulen an dem Projekt Interesse haben, können sie sich entweder mit Lempert unter der Telefonnummer 01515 / 0586518 in Verbindung setzen oder sich direkt an die Hamburger Aids-Hilfe wenden (E-Mail: youthwork@aidshilfe-hamburg.de).

Mehr zum Thema:

CDU siegt bei Saar-Wahl - SPD profitiert nicht von Schulz

CDU siegt bei Saar-Wahl - SPD profitiert nicht von Schulz

Gewinner und Verlierer: Der Saarland-Wahltag in Bildern

Gewinner und Verlierer: Der Saarland-Wahltag in Bildern

4:1: Deutschland gelingt souveräner Sieg in Aserbaidschan

4:1: Deutschland gelingt souveräner Sieg in Aserbaidschan

Bilder und Noten: DFB-Elf holt souveränen Sieg in Aserbaidschan

Bilder und Noten: DFB-Elf holt souveränen Sieg in Aserbaidschan

Meistgelesene Artikel

Schunkeln in der St.-Lucas-Kirche

Schunkeln in der St.-Lucas-Kirche

Dachbrand in Waffensen schnell gelöscht

Dachbrand in Waffensen schnell gelöscht

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare