„Zukunft der Dörfer“

Hetzwege/Abbendorf: Eine kommunale Einheit

Beim Aufstellen der Begrüßungstafel packten nicht nur die erwachsenen Hetzweger mit an, sondern auch die jungen Bürger.

Hetzwege/Abbendorf - Von Karsten Müller-Scheeßel. Es ist Halbzeit in unserer Serie über die Dörfer Scheeßels und deren Zukunftsfähigkeit. Zeit auch für ein kurzes Zwischenfazit. Ob in Wohlsdorf, Wittkopsbostel, Jeersdorf, Sothel oder Westeresch, überall sind es einzelne Menschen, die in unterschiedlichen Funktionen oder auch als einfache Bürger dafür sorgen, dass ihre Dörfer lebendig bleiben.

Ja, es gibt sie noch die Menschen, die frei nach John F. Kennedy nicht fragen, was der Staat für sie, sondern was sie für die Gemeinschaft, in der sie leben, tun können. Nirgendwo haben wir bisher Bemühungen erlebt, die alles so erhalten wollen, wie es einmal war. Wie könnte es auch, denn überall sind die sich rasch verändernden dörflichen Strukturen für jedermann sichtbar.

Die Zahl der landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetriebe geht dramatisch zurück; die Dorfschulen sind bis auf eine in Hetzwege längst geschlossen; die Zahl der Kinder ist trotz eines momentanen „Zwischenhochs“ rückläufig; „Tante Emma Läden“ gibt es nur noch in Ausnahmefällen und die Existenz des Dorfgasthofes ist häufig gefährdet; die allgemeine Mobilität erschwert den Zusammenhalt auf den Dörfern. Das Leben in den Dörfern trotzdem lebendig zu erhalten, ist eine große Herausforderung, der sich erfreulich viele Bürgerinnen und Bürger fantasievoll stellen.

Einwohnerzahlen sind stabil

Obwohl die Dörfer in der Regel nur wenige Arbeitsplätze vorhalten, sind die Einwohnerzahlen unserer Dörfer stabil. Und das liegt nicht nur daran, dass Baugrundstücke, wenn sie denn zur Verfügung stehen, preiswert sind und sich ausreichend Arbeitsplätze in erreichbarer Nähe befinden. Man kann also problemlos pendeln. 

Dr. Karsten Müller-Scheeßel

Frühere Generationen saßen schon der mangelnden Mobilität wegen in ihren Dörfern weitestgehend fest und empfanden die dörfliche Enge und die mit ihr einhergehende soziale Kontrolle nicht selten als Last. Wer heute im Dorf bleibt oder dorthin zurückkehrt, hat sich freiwillig entschieden für ein Leben in einem überschaubaren Umfeld mit gelebter Nachbarschaft und gelingender Dorfgemeinschaft.

Hetzwege und Abbendorf bilden seit der Gemeindereform der 1970er Jahre eine kommunale Einheit mit einem Ortsbürgermeister an der Spitze. Für je einen Bürgermeister in beiden Dörfern reichten die Einwohnerzahlen von weniger als 500 nicht aus. So schlossen sich die nur zwei Kilometer auseinander liegenden Dörfer zusammen. Zum 30.9.2017 hatten 284 Personen in Abbendorf und 381 in Hetzwege ihren Hauptwohnsitz. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag bei 44 Jahren.

Ein Alleinstellungsmerkmal unter den Scheeßeler Dörfern hat Hetzwege mit seiner Grundschule. Ihre Existenz war vor wenigen Jahren aufgrund rückläufiger Schülerzahlen extrem gefährdet. Zwar ist sie heute „nur“ noch eine Außenstelle der Scheeßeler Grundschule, aber das interessiert Eltern und Schüler eher wenig. 

Es gibt sie noch, und das ist wichtig. Während Schulverwaltungen und Kommunalparlamente sich zunächst an Zahlen zu orientieren haben und glaubten, die Schließung der Schule nicht verhindern zu können, dachten Eltern und Schulleiterin darüber nach, wie man sie trotzdem retten könnte. Ihr Konzept überzeugte die Damen und Herren des Scheeßeler Gemeinderats parteiübergreifend.

Hetzweger Schule mit guten Ideen

Die Hetzweger Schulleiterin Maike Nerding-Ehlbeck hatte inzwischen die Leitung in Scheeßel übernommen und konnte so ihre geliebte kleine Schule als Außenstelle von Scheeßel aus weiter leiten. Und Eltern und Schulleiterin hatten eine weitere gute Idee. Die kleine Schule in Hetzwege darf heute auch von Kindern, die nicht aus ihrem eigentlichen Einzugsbereich mit den Nachbardörfern Wittkopsbostel und Sothel stammen und sich in der großen Scheeßeler Grundschule nicht wohlfühlen, besucht werden. 

Zurzeit machen Eltern von einem Viertel der 60 Hetzweger Schüler von dieser Möglichkeit Gebrauch. Andererseits können Hetzweger Kinder, die ganztägig beschult werden sollen, nach Scheeßel gehen (zurzeit sieben), und auch die Theater-AG in Scheeßel steht den Hetzweger Kindern offen. Den zusätzlichen Arbeitsaufwand nehmen die zwischen Scheeßel und Hetzwege pendelnden Lehrkräfte der guten Sache wegen in Kauf.

Der Hetzweger Grundschule angeschlossen ist ein Kindergarten, der Krümeltreff, mit 25 Plätzen, die zurzeit bis auf einen alle besetzt sind.

Autobahnauffahrt bringt für Dörfer Vorteile

Vor wenigen Jahren wurde in Elsdorf eine neue Autobahnauffahrt eingerichtet, von der beide Dörfer für Fahrten nach Bremen und Hamburg profitieren. Und es war nur eine Frage der Zeit, dass Bauanfragen in den Dörfern eingingen. Man darf gespannt sein, ob die privaten Investoren, die in Abbendorf ein Baugebiet entwickeln möchten, ihre Pläne werden umsetzen können. 

Zurzeit befindet sich die Planung in der frühzeitigen Bürgerbeteiligung. Für Abbendorf wäre das ein Quantensprung, weil sechs landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe innerörtliches Bauen der Geruchs-Emissions-Richtlinie wegen erschweren. In Hetzwege wäre es leichter, denn einen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb gibt es nicht mehr.

Ob sich auch Gewerbebetriebe der Nähe der Autobahn wegen ansiedeln werden, bleibt abzuwarten und ist im Ortsrat ähnlich wie im benachbarten Westeresch, wo man sich gegen einen Gewerbepark an der Landstraße nach Zeven ausgesprochen hat, umstritten. Einig ist man sich, dass dies, wenn überhaupt, mit Augenmaß geschehen müsse, wenn die dörfliche Struktur nicht Schaden nehmen soll. Außerdem kann sich die Zahl der Arbeitsplätze besonders im kleineren Abbendorf auch jetzt schon sehen lassen. 

Nur wenige Arbeitsplätze in den Dörfern

Mehr als 60 sind es in beiden Orten zusammen – ohne die Beschäftigten in der Landwirtschaft. Autohaus Brunckhorst, Spedition Otto Fischer, Maurerbetrieb Jürgen Willenbrock und Zimmerer Dennis Hoops in Hetzwege und die Lohnunternehmen Seedorf und Heerdt, Landmaschinen Behrens und Hoch- und Tiefbau Behrens in Abbendorf. Dazu kommt mit dem Reitstall von Jonny Hilberath in Abbendorf ein ausgesprochener Exot. 

Der ehemalige Spitzenreiter und Bundestrainer Dressur, der im benachbarten Wittkopsbostel wohnt, bildet hier mit einem größeren Team Dressurpferde aus und verkauft sie auch. Der Stall verfügt über 35 Pferdeboxen, eine Außenanlage von 30 mal 60 Meter sowie eine geräumige Reithalle.

In mehr als 40 Jahren gemeinsamer kommunaler Verwaltung sind die beiden Dörfer zu ihrem eigenen Vorteil zusammengewachsen und profitieren in vielfacher Weise davon. So gibt es mit Germania Hetzwege nur einen Sportverein, der durch die Existenz der Schulturnhalle ein für einen Dorfverein breites Angebot an Sportarten vorhalten kann.

Schützenhalle mitten im Dorf

Auch die Schützen haben sich zusammengetan und ihre mit vielen Eigenleistungen errichtete neue Schützenhalle quasi mitten zwischen die Dörfer gebaut. Das gilt gleichermaßen für das 2013 fertig gestellte und so dimensionierte Feuerwehrhaus, dass beide Wehren Platz finden und zu einer verschmelzen könnten. 

Auch die Sport- und Tennisplätze liegen zwischen den Dörfern, und es gibt sie eben nur einmal. Das ist in Zeiten von zurückgehenden Kinderzahlen vernünftig und spart viel Geld. Übrigens haben beide Orte zusammen bisher keine besonderen Probleme, Nachwuchs für den Schützenverein und die Feuerwehr zu rekrutieren. Bei den Wehren wie im Schützenverein ist das unter anderem auf eine sehr aktive Jugendarbeit zurückzuführen. Insgesamt gesehen unternehmen die Wehren der Gemeinde Scheeßel große Anstrengungen, junge Leute für ihre Arbeit zu gewinnen. Bisher werden sie für ihren Einsatz belohnt.

Relativ jung sind in beiden Dörfern die Heimatvereine, De Abbendörper und der Kulturverein Hekiswidi, der den historischen Namen des Ortes trägt. Mit ihren zusammen rund 140 Mitgliedern tragen sie zur Pflege des Dorfbildes mit der Wiedererrichtung eines alten Schafstalls oder durch Hinweisschilder auf Besonderheiten bei. Gerade Jungsenioren bringen sich hier ein.

Sorgen um gastronomisches Angebot

Selbstverständlich gibt es auch Dinge, um die man sich Sorgen machen muss. So steht es nicht gut um die Zukunft des Dorfgasthofes Dittmer, der schon jetzt nur noch auf Anfrage öffnet. Nur zum Teil könnte dieser Verlust durch das Hofcafé von Heike Wolters am Ortsausgang von Hetzwege Richtung Abbendorf aufgefangen werden. Ein Gewinn für die Dörfer ist es allemal. 

Dass Heike Wolters’ Kuchen gut sein müssen und das rustikale Ambiente der alten Diele und Schmiede ankommt, zeigt der volle Parkplatz zu den Öffnungszeiten. Die Seniorenfahrradgruppe des Dorfes, die für sich beansprucht, dass sie im Umkreis von 30 Kilometer jedes Café kenne, das am Mittwoch aufhat, hat so nun einen Anlaufpunkt im eigenen Dorf.

Ein Problem, das es nicht erst heute und nicht nur in Abbendorf und Hetzwege gibt, ist, Menschen zu finden, die bereit sind, im Ortsrat mitzuarbeiten oder gar den Posten des Ortsbürgermeisters zu übernehmen. Reinhard Frick und sein Stellvertreter Hermann Hilken setzen sich seit 1981 für ihre Dörfer ein. Deren Zukunft wird auch davon abhängen, dass sich Jüngere finden, die mit neuen Ideen ihre Dörfer lebendig und lebenswert erhalten.

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