„Zukunft der Dörfer“

Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel zu Besuch in Westerholz

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Westerholz ist es gelungen, den Kindergarten in der alten Schule mit dem Glockenturm in der Ortsmitte zu erhalten.

Westerholz - Von Karsten Müller-Scheeßel. „Unser Dorf hat Zukunft“, unter diesem Motto beteiligen sich Ortschaften an einem Wettbewerb des Landes Niedersachsen. Sie putzen sich heraus und entwickeln Konzepte, mit denen sie ihre Dörfer lebenswert und attraktiv für Einheimische und in die Region Zuziehende erhalten wollen. Aber haben unsere Dörfer tatsächlich eine Zukunft?

Am Beispiel der Einheitsgemeinde Scheeßel untersucht Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel, wie es hier um die Ortschaften bestellt ist. Nach Wohlsdorf, Wittkopsbostel, Jeersdorf, Sothel, Westeresch und Abbendorf-Hetzwege widmet sich unser Autor heute Westerholz.

Während der letzten Ortsratssitzung teilte Ortsbürgermeister Wolfgang Kirschstein mit, dass Westerholz’ Einwohnerzahl in den vergangenen zehn Jahren um 48 Personen zurückgegangen sei und mit 585 zum 31. Dezember 2017 erstmalig unter 600 liege. Dieser relativ deutliche Einwohnerverlust hat mich überrascht, weil Westerholz auf den ersten Blick eher günstige Rahmenbedingungen für seine Entwicklung zu haben scheint.

Die Wege nach Rotenburg und Scheeßel und den dortigen Bahnhöfen sind kurz. Auch zu den Autobahnauffahrten ist es nicht weit. Die Zukunft des Kindergartens dürfte längerfristig gesichert sein. Der TuS Westerholz ist Aushängeschild des Frauenfußballs im Altkreis Rotenburg. Die Vorstellungen des bereits mehr als 70 Jahre alten Theatervereins „Westerholter Eekenkring“ sind Jahr für Jahr ausverkauft. Für gesellige Veranstaltungen stehen der „Westerholter Kroog“ und die als Dorfgemeinschaftshaus genutzte Schützenhalle zur Verfügung. Und jedes Jahr am Himmelfahrtstag „wallfahrten“ Tausende Flohmarktfans in das sich an den Bullerberg schmiegende Dorf.

Der Westerholter Kroog lockt auch viele Gäste von außerhalb an.

Warum nimmt die Einwohnerzahl trotzdem ab? Die demografische Entwicklung ist nicht anders als anderswo, fünf Geburten stehen 2017 neun Todesfällen gegenüber. Es bedarf also des Zuzugs. Der aber kommt nur, wenn es die Möglichkeit zu bauen gibt. Und da genau liegen häufig die Probleme. Öffentliche Auflagen wie die Geruchsemissionsrichtlinie erschweren eine Bautätigkeit. Bauwillige gibt es durchaus. In Westerholz stehen zwölf auf einer Warteliste. Man muss in Richtung der Entscheidungsträger deutlich zum Ausdruck bringen: Wenn man lebendige Dörfer erhalten will, wie es in politischen Sonntagsreden versichert wird, dann darf das Bauen nicht behindert, sondern muss mit Augenmaß gefördert werden.

Und wie gesagt, Westerholz kann stolz sein auf ein noch weitgehend intaktes Dorfleben. Auch die jungen Leute, die sich in der etwa 50-köpfigen Landjugend im Alter zwischen 14 und 30 organisiert haben, packen mit an. Sie bilden den Nachwuchs in der Feuerwehr und in anderen Vereinen. Sie kümmern sich um das Osterfeuer und die zu Pfingsten zu pflanzenden Bäume. 

Mit einer ganz besonderen Aktion haben sie 2015 zur Verschönerung des Dorfes beigetragen. Auf dem auf dem Bullerberg stehenden Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg errichteten sie eine Aussichtsplattform. Von dort hat meinen wunderschönen Blick auf das Dorf, nach Scheeßel und Rotenburg und auf den Golfplatz in Hof Emmen. Zu Fuß oder mit dem Rad gibt es in unserer Region kaum einen schöneren Weg als den über den Bullerberg mit einem Stopp auf der Aussichtsplattform.

Weit über Westerholz hinaus ist der Flohmarkt am Himmelfahrtstag seit mehr als 20 Jahren ein Begriff und für viele Anbieter, Kauf- und Schaulustige ein Muss. Cheforganisatorin Doris Sievers ist von Anfang an dabei. Mehr als 200 Anbieter melden sich Jahr für Jahr und hoffen auf die Zuweisung günstiger Standplätze. In den Tagen vor Himmelfahrt wird im Dorf fleißig gebacken. 

Viele Hände sind es dann auch, die dafür sorgen, dass die gespendeten Kuchen an die Besucher kommen. Die örtliche Feuerwehr sorgt für nötige Absperrungen und dafür, dass der Durchgangsverkehr nicht völlig zum Stillstand kommt. Etwas chaotisch bleibt es trotzdem. Auch für Auf- und Abbau und die Reinigung der Straßen und Wege werden zahllose Hände gebraucht. Kurz, der Flohmarkt ist eine Gemeinschaftsaktion des ganzen Dorfes. Die Gewinne aus Standgebühren, Kuchen- und Getränkeverkauf fließen dafür an die Vereine des Dorfes und damit an die Dorfgemeinschaft zurück.

König Fußball als Aushängeschild

Ein über die Grenzen Westerholz’ bekanntes Aushängeschild sind die Fußballerinnen und Fußballer des TuS Westerholz. In dem gut 450 Mitglieder zählenden Verein werden zwar auch andere Sportarten betrieben. König Fußball aber steht im Mittelpunkt. Doris Fitschen, seit 2009 Managerin der deutschen Frauennationalmannschaft, viermalige Europameisterin, Bronzemedaillengewinnerin, dreimalige Deutsche Meisterin und DFB-Pokalsiegerin sowie 144-malige Nationalspielerin, erhielt bei Fritz Rathjen in Westerholz von 1982 bis 1988 ihre fußballerische Grundausbildung. 

Rathjen ist zusammen mit seiner Frau Inge seit Jahrzehnten Erfolgsgarant des Mädchen- und Frauenfußballs in Westerholz. Seit geraumer Zeit schon konzentrieren sie sich auf den Nachwuchsbereich und sorgen so dafür, dass sich die Frauenmannschaft in der Landesliga halten kann. Nicht auszudenken, was passiert, wenn Rathjens sich aus Altersgründen zurückziehen. Im Nachwuchsbereich hat man sich seit einigen Jahren mit Nachbarvereinen als Antwort auf die demografische Entwicklung zu Jugendspielgemeinschaften zusammengeschlossen.

Das Durchschnittsalter der Einwohner Westerholz’ ist mit 45 Jahren relativ hoch. 84 Bewohner oder 14 Prozent der Bevölkerung sind älter als 70. Trotzdem klagen die Vereine bisher nicht über fehlenden Nachwuchs, und es spricht für sie, dass es ihnen bisher gelingt, junge Leute für den Eintritt bei ihnen zu gewinnen. Das gilt nicht nur für den TuS sondern auch für den Schützenverein, die Feuerwehr oder den „Westerholter Eekenkring“, der wie die Wohlsdorfer Speeldeel die Rollen jugendlicher Liebhaber auch mit jungen Leuten besetzen kann.

Der „Eekenkring“ kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, feierte er doch 2016 bereits sein 70-jähriges Bestehen. Aus einem 1945 von jungen Leuten gegründeten Tanzclub entstand 1946 der Theaterklub, der im gleichen Jahr seinen ersten Auftritt in Scheeßeler Tracht und Holzschuhen hatte. Und damals wie heute in plattdeutscher Sprache, deren Pflege man sich bis heute verschrieben hat. Zwei Abend- und zwei Nachmittagsvorstellungen, die letzteren mit Kaffee und Kuchen, waren auch im vergangenen Winter ausverkauft. 

Insgesamt zählt man mehr Besucher als Westerholz Einwohner hat. Veranstaltungsort ist die Schützenhalle, die Platz für bis zu 240 Personen bietet und Eigentum des Schützenvereins ist. Familien- und Vereinsfeste, für die im Westerholter Kroog nicht genügend Platz ist, feiern dort, und der Kroog übernimmt die Bewirtung. So kommen alle zu ihrem Recht. Große Feste können im Dorf gefeiert werden, der Schützenverein finanziert sich über seine Halle mit und dem Kroog entsteht keine unerwünschte Konkurrenz. Der Kroog seinerseits ist eine über Westerholz hinaus bekannte Adresse für gutbürgerliche deutsche Küche.

Nach heftigen Auseinandersetzungen zu Beginn dieses Jahrzehnts ist es gelungen, den Kindergarten in der alten Schule mit dem charakteristischen Glockenturm in der Ortsmitte zu erhalten. Obwohl 2016 nur 13 von 25 Plätzen besetzt waren, dürfte er längerfristig gesichert sein. Wollte man nur nach der Auslastung gehen, dann wären außer in Wohlsdorf zurzeit alle Kindergärten in den Dörfern Scheeßels von der Schließung bedroht. Gut, dass es sie gibt, und in Zeiten gut gefüllter Gemeindekassen sollte man sich diesen „Luxus“ für unsere Kleinen leisten.

Mit sieben ist die Zahl der landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetriebe relativ groß. In einem Realverband bewirtschaften die Landwirte 52 Hektar Wald. Kurz vor der Verwirklichung steht das Projekt eines Waldfriedhofs für die gesamte Gemeinde Scheeßel. Auch eine Reihe gewerblicher Betriebe hat ihren Standort im Dorf: der Schädlingsbekämpfungsbetrieb „S&A“, zwei Baubetriebe, zwei Tischler, ein Land- und ein Automatisierungstechnikbetrieb. 

Nur geringe wirtschaftliche Bedeutung für das Dorf hat der auf Gemeindegrund befindliche Golfplatz in Emmen. Der Großteil der berufstätigen Arbeitnehmer pendelt in die umliegenden städtischen Zentren. An der Ortsgrenze Richtung Hetzwege war lange Zeit das Gelände der ehemaligen Ziegelei ein Sorgenkind, weil dort belasteter Müll gelagert worden war. Nach vielen Diskussionen steht die Versiegelung dieses Bereiches kurz vor ihrer Fertigstellung. Auf 200 Jahre ist sie ausgelegt.

Das Jahresgeschehen im Dorf wird vom rührigen Dörpsverein in einem gut 60 Seiten starken Dörpsblatt in einer Auflage von 250 Exemplaren in Wort und Bild festgehalten. Anlässlich der Aufführungen des Eekenkrings wird es zum Kauf angeboten. Vielleicht sollte man überlegen, die Hefte an alle Haushalte gratis zu verteilen, um auch Neubürger und des Plattdeutschen nicht mächtige Bewohner mit einzubeziehen und mit dem Leben im Ort vertraut zu machen.

Denn Westerholz braucht Zuzug. Die allerbeste Werbung dafür sind Menschen, die anderen erzählen, dass es sich in Westerholz gut leben lässt. Bauen lassen muss man sie dann aber auch.

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