Zum Lesefreude-Benefizfest

Schirmherrin: „Ein Vorbild sein, kann nicht schaden“

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Kinder brauchen Geschichten und Bücher. Und sie brauchen Erwachsene, die ihnen so oft wie möglich vorlesen und erzählen.

Lauenbrück - Von Lars Warnecke. Am Sonntag startet im Landpark Lauenbrück das zweite Lesefreude-Benefizfest. Bei dem Literaturtag sollen Kinder fürs Lesen begeistert und durch verschiedene Mitmach-Aktionen in die Welt des Lesens und der Buchstaben mitgenommen werden.

Schirmherrin der Veranstaltung ist die erfolgreiche Kinderbuchautorin und Illustratorin Meike Haberstock (41), die an dem Tag auch selbst aus ihrem Erstlingswerk „Anton hat Zeit“ vorlesen wird. Im Interview spricht sie über die Entstehung kindlicher Leselust und darüber, warum es so wichtig ist, dass man Kindern vorliest.

Frau Haberstock, wie viele Bücher lesen Sie im Jahr?

Meike Haberstock: Um die 35 bis 40, schätze ich. Gezählt habe ich sie allerdings noch nie. Ich lese für mich gerne Krimis, mit meinen Kindern natürlich Kinderbücher aller Art.

Mit so vielen gelesenen Büchern gehören Sie zur Minderheit: Laut Studien liest nur jeder fünfte Deutsche regelmäßig ein Buch. Bis zu 20 Prozent lesen keins. Stirbt die Leselust aus?

Haberstock: Nein, das glaube ich nicht. Der Buchmarkt ist seit Jahren relativ stabil – inklusive kleinerer Höhen und Tiefen. Im Jahr 2015 zum Beispiel gab es knapp 90 000 Neuerscheinungen – mehr als 9 000 davon waren Kinderbücher. Beachtliche Werte, finde ich. Aber natürlich muss sich das Buch an sich heutzutage ganz neuen Herausforderungen stellen. Es gibt so viele andere Dinge, die natürlich sehr verlockend sind. Fernsehprogramme ohne Ende, Computerspiele, Handys – das ist eine echte Herausforderung.

Inwiefern profitieren Kinder von einer guten Lesefähigkeit?

Haberstock: Erst einmal muss man sich ein Buch ja erarbeiten – egal, in welchem Alter. Die Inhalte sind nicht so schnell konsumierbar wie bei anderen Medien. Die Texte sind länger, als Leseanfänger muss man die Buchstaben mühsam entziffern, es blinkt nichts und eventuell tauchen in der Geschichte Worte auf, die man beim ersten Mal lesen gar nicht versteht. Schließlich muss man sich auch noch alles selber vorstellen, die Bilder zur Geschichte also selbst erschaffen.

Da kann man sich natürlich schon fragen: „Warum sollte ich mir das antun?“

Haberstock: Darum geht es ja! Kinder sind unendlich stolz, wenn sie ihre ersten Bücher wirklich alleine durchgeackert haben. Das ist eine großartige Leistung. Lesen trainiert nicht nur die Fantasie, es fördert die Konzentrationsfähigkeit, erweitert den Wortschatz und bildet quasi ganz nebenbei – ganz abgesehen vom Spaß! Je mehr man liest oder vorgelesen bekommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man ein Leben lang ein Bücherfreund bleibt, denke ich. Wer als Kind viel liest, liest gut – und wer gut liest, liest höchstwahrscheinlich auch gern. Allerdings habe ich keine Ahnung, ob das statistisch bewiesen ist.

Wie führt man Kinder ans Lesen heran?

Haberstock: Ein Vorbild zu sein, kann nicht schaden. Dabei ist es egal, ob man Zeitschriften, Bücher, die Tageszeitung oder auch mal Inhalte im Internet liest. Wenn in meinem Haushalt allerdings das einzige Printmedium der Flyer vom Pizzadienst ist, kann ich von meinen Kindern nicht erwarten, dass sie Bücherwürmer werden. Kinder sollten nicht unbedingt erst in der ersten Klasse mit Büchern in Kontakt kommen, sondern so früh es geht. Mit den Kindern kuscheln, eine Viertelstunde ruhig beisammen sitzen, Bilderbücher anschauen, Bilder erklären, Tiergeräusche nachmachen, eigene kleine Geschichten erfinden – das klappt sogar schon bei sehr kleinen Kindern.

Viele Eltern klagen, dass sie keine Zeit zum Vorlesen haben ...

Haberstock: Der Alltag mit Kindern ist manchmal sehr stressig, ich weiß. Aber gerade abends finde ich Vorlesen sehr sinnvoll. Der Tag war aufregend genug, da ist es wichtig, den Tag ruhig und kuschelig ausklingen zu lassen. Auch für einen selber. Je nach Alter kann das mit einem kleinen Bilderbuch geschehen oder mit einem Kapitel pro Abend. Die Kinder sollten sich das Buch aussuchen dürfen – dann liest man es eben 18 mal in Folge. Was soll’s? Diese 15, 20 Minuten sollten abends drin sein, dann sind alle entspannt. Zubettgehen sollte Spaß machen, und das klappt meistens ganz gut, wenn man ein Leseritual hat. Alternativ kann ich auch im Wartezimmer beim Arzt vorlesen, auf der Busfahrt oder wenn die Kinder in der Wanne sitzen – kleine Lücken gibt es trotz Alltagsstress.

Dank Tablets und Smartphones gibt es heute viele Zugänge zum Vorlesen und Lesen. Wie verändern digitale Medien das Lesen?

Haberstock: Sie bieten enorme Möglichkeiten. Man hat Platz in seinem Reisekoffer, da man nicht mehr fünf Bücher einpacken muss, sondern sie einfach aufs Handy lädt. Man hat sein aktuelles Buch immer dabei und kann selbst in der Warteschlange im Supermarkt einhändig weiterlesen. Auch für Kinder ist es toll, wenn sie sich auf Tablet oder dem Handy ein Bilderbuch ansehen können. Oft sind ja auch kleine, spielerische Funktionen mit den digitalen Inhalten verknüpft. Das macht Spaß und die Schwelle, sich mit Buchstaben und Co. zu beschäftigen, sinkt wahrscheinlich auch. Aber wie so oft, geht es auch hier um die Dosis. Digitale Medien erleichtern wahrscheinlich den Zugang zu vielen Inhalten, sollten aber in jungen Jahren eher als Ergänzung zum Buch gesehen werden. Stundenlang auf einen Bildschirm zu schauen, selbst wenn man dort eine Geschichte lesen kann, halte ich nicht für sinnvoll.

Was sollten Eltern beachten, wenn ihre Kinder digital lesen?

Haberstock: Eine absolute Empfehlung kann ich da leider nicht aussprechen, da müsste man Fachleute fragen. Mein Vorschlag: elektronische Medien sind eine Ergänzung – und nicht das absolute Nonplusultra, nur weil sie eben aufregend, neu und somit verlockend sind. Warum nicht eine Geschichte als Buch kaufen oder ausleihen und gleichzeitig als eBook laden? Dann kann man immer wechseln und bleibt trotzdem in der Geschichte. Bei uns zuhause sind die Zeiten, in denen meine Kinder elektronische Medien nutzen dürfen, einfach klar begrenzt. Das diskutiere ich auch nicht immer wieder – das Gemecker muss man dann aber natürlich aushalten.

Was raten Sie Eltern, wenn das Kind trotz Vorlesens keine Lust auf Lesen hat?

Haberstock: Entspannen und Durchatmen, was auch sonst? Wer Zwang und Druck ausübt, bewirkt das Gegenteil. Ich würde immer wieder Angebote machen, mit dem Kind in den Buchladen gehen, es sich eine Geschichte aussuchen lassen. Vielleicht funkt es ja beim zehnten Versuch. Und wenn nichts hilft, dann ist es eben so. Nicht aus jedem Kind muss ein Bücherwurm werden.

Das Literaturfest für Kinder findet am kommenden Sonntag ab 12 Uhr im Landpark Lauenbrück statt. Als Benefizzweck wurde der Rotenburger Verein Simbav ausgewählt. Mehr Infos unter www.landpark.de

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