„Ein unerträglicher Zustand“

Feuerengel-Musiker fürchten in der Corona-Krise um die Existenz der Rammstein-Tribute-Band

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Band Feuerengel mit Holger Sommer (r.) und Boris Delic (Mitte, stehend) im vergangenen Dezember bei einem ihrer umjubelten Auftritte in Schwerin.
+
Ein Bild aus besseren Tagen: Die Band Feuerengel mit Holger Sommer (r.) und Boris Delic (Mitte, stehend) im vergangenen Dezember bei einem ihrer umjubelten Auftritte in Schwerin.
  • Lars Warnecke
    vonLars Warnecke
    schließen

Scheeßel/Griemshop – Keine Live-Auftritte mit Fans, verschobene Konzerte, Blick in eine ungewisse Zukunft – die Corona-Krise stellt auch Musiker vor Herausforderungen. Was sich seit der Krise für die sechs Mitglieder der europaweit erfolgreichen Rammstein-Tribute-Band Feuerengel geändert hat, erzählen uns Bassist Holger Sommer (52) aus Scheeßel und Boris Delic (44), der in Griemshop lebende Sänger.

Vermissen Sie und ihre Bandkollegen schon die Bühne?

Holger Sommer: Selbstverständlich juckt es uns in den Fingern, wieder live vor unseren Fans spielen zu können. Der letzte Feuerengel-Auftritt, unser Livestream-Konzert ausgenommen, liegt ja auch schon wieder viereinhalb Monate zurück.

Wie hat es sich angefühlt, im Internet ein Konzert zu geben?

Boris Delic: Das war schon merkwürdig, weil wir ein solches Format in 23 Jahren Bandgeschichte auch noch nie gemacht haben. Beim Auftritt mit Publikum bekommt man ja auch etwas zurück. Man kann in die Gesichter der Leute gucken, statt nur in eine Videokamera. So aber konnte man zwischen den Songs eine Stecknadel zu Boden fallen hören, weil der Applaus fehlt. Etwas ungewöhnlich für uns alles, nach drei, vier Lieder war das Eis aber gebrochen. Was wir nachher an Zuschauern und Reichweite hatten, das hätten wir uns im Vorfeld nicht annähernd vorstellen können. Und es war wirklich schön, mit den Jungs nach so langer Zeit in den vertrauten Kulissen, die wir in unserem Lager aufgestellt hatten, mal wieder zusammenzuspielen.

Und das ohne die übliche Pyroshow...

Delic: Ja, auf die mussten wir als Einziges verzichten, was angesichts der Resonanz auf den Stream offenbar aber niemanden gestört hat. Es zeigte ja auch, das Feuerengel nicht ausschließlich von Feuereffekten lebt, sondern die Leute das mögen, was wir tun. Man konnte im Rahmen des Konzerts auch ein digitales Trinkgeld überweisen. Anfangs haben wir noch gedacht, wir machen das alles für lau – wir wussten nicht, ob jemand für einen Stream Geld geben würde. Am Ende sind wir auf den Kosten aber nicht sitzen geblieben, wofür wir sehr dankbar sind. Unsere Fans stehen weiterhin hinter uns – ein tolles Gefühl!

Wie vertreiben Sie sich die Zeit ohne Live-Auftritte?

Sommer: Ja, wie verbringt man so die Zeit? Natürlich hat man jetzt die Möglichkeit, sich mehr mit der Familie zu beschäftigen, sich überhaupt mit Dingen zu beschäftigen, für die man sonst wenig keine Zeit hatte. Und so geht es an den Wochenenden, an denen wir sonst gespielt hätten, auch schon mal kurz an die See, man schaut sich wie ich in Ruhe ein Fußballspiel an oder liest ein gutes Buch – was auch immer. Nichtsdestotrotz läuft es hinter den Kulissen auch mit der Band irgendwie weiter.

Inwiefern das?

Delic: Als es hieß, dass Großveranstaltungen nicht stattfinden können, war für uns klar, dass wir erst mal alles verschieben und absagen. Das bedeutete für mich viel Arbeit binnen kurzer Zeit, weil man dazu wissen muss, dass wir 2020 das erfolgreiche Feuerengel-Jahr gefahren hätten, was die Anzahl der Auftritte und der Höhe der Gagen betrifft. Von Mitte März bis Ende Mai wären wir jedes Wochenende durchgehend auf Tour gewesen – diese Shows, rund 20 dürften es sein, mussten entweder abgesagt, in den Herbst/Winter oder gar ins nächste Jahr verschoben werden. Im Endeffekt hätten wir so 2021 schon 39 Shows auf dem Zettel, was eigentlich viel zu viel ist, weil wir eigentlich nur 30 pro Jahr spielen wollen.

War bei der Planung schon der 31. Oktober berücksichtigt? Ursprünglich hieß es ja, Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August untersagt.

Delic: Im September und Oktober wollten wir eigentlich schon jene Shows nachholen, die im März hätten stattfinden sollen. Das betrifft zum Beispiel auch zwei Auftritte in der Schweiz, für die wir schon im letzten Jahr die Flüge gebucht hatten. Die haben wir zwar für Oktober umbuchen können, Geld hat es aber uns trotzdem gekostet. Sprich: Wir haben jetzt schon locker über 1000 Euro für Flüge ausgegeben, die wir im Oktober wahrscheinlich auch nicht werden antreten können. Mittlerweile habe ich mich schon damit abgefunden, dass dieses Jahr gar nichts mehr stattfinden wird. Und ehrlich gesagt habe ich auch wenig Hoffnung, dass es im Januar ganz normal weitergeht. Man wird ja auch durch die Medien verunsichert, wo gesagt wird, dass keine Großveranstaltungen möglich seien, solange es keinen Impfstoff gibt. Man hängt wie alle anderen Künstler also komplett in der Schwebe, was ein unterträglicher Zustand ist.

Und dann sind da ja sicher auch die finanziellen Einbußen.

Delic: Natürlich, es ist ja nicht so, dass wir, wenn wir von März bis Mai gespielt hätten, keine Gelder generiert hätten. Das ist alles von heute auf morgen gekippt, es kommt nichts rein. Wir sind ja auch nur eine ganz normale Firma, die laufende Kosten hat – für unser Lager zum Beispiel oder für die Versicherung.

Nicht zu vergessen die Techniker, die für Feuerengel arbeiten...

Delic: Übrigens nicht nur für uns, sondern auch für diverse andere namhafte Künstler, die ihre Touren verschieben mussten. Unsere Crew-Mitglieder leben davon, dass sie von einer Tour zur nächsten hechten, das ganze Jahr ist für sie quasi durchgetaktet, wann sie wo für welchen Künstler arbeiten. Da bricht für sie von jetzt auf gleich das ganze Einkommen weg – das macht mir natürlich große Sorge, weil man sich mit diesen Leuten, mit denen man teilweise schon seit 23 Jahren zusammenarbeitet, tief verbunden fühlt. Teilweise betrifft das aber auch unsere Band, in der es Berufsmusiker gibt, die zwar nicht ausschließlich von Feuerengel leben, für die die Band aber einen großen Teil ihres Einkommens darstellt. Nein, die Entwicklung der letzten Monate ist natürlich nicht sehr rosig, um es noch nett auszudrücken. Ich für meinen Teil habe ja noch ein normales Einkommen, weil ich noch einen normalen Job habe und Feuerengel nebenbei mache. Bei einigen anderen aus unserer Truppe sind es da schon viel ernster aus.

Können Sie die Entscheidung der Regierung nachvollziehen, die Frist um weitere zwei Monate zu verlängern?

Sommer: Natürlich ist es extrem ärgerlich, dass diese Maßnahme bis Ende Oktober verlängert worden ist. Andererseits sind wir uns innerhalb der Band einig, dass die Gesundheit vorgeht und sich niemand mit dem Mist infiziert. Wir sind da in der Gruppe auch nicht ganz unbelastet, was das Thema Risikogruppe angeht.

Schon heute sind in Hamburg Veranstaltungen mit bis zu 1 000 Personen unter Auflagen wieder erlaubt ...

Delic: Ja schon, aber ich sehe trotzdem keine Möglichkeit für uns, angesichts der einzuhaltenden Mindestabstände ein Konzert zu spielen. Ich nehme mal das Beispiel Berlin, wo wir im März mit 900 Leuten ausverkauft gewesen wären. Wenn ich diese Zahl in einen 1 000er-Club reinstelle, wäre das mit dem Abstand doch schwer einzuhalten. Man müsste die Hälfte reinlassen, was Blödsinn wäre, da es sich wirtschaftlich nicht rechnet. Und wie bitteschön soll man bei einer ausverkauften Show bestimmen, wer von den 900 Leuten rein darf und wer nicht? Ich sehe da keinen Sinn.

Befürchten Sie, dass die Existenz Ihrer Band akut in Gefahr ist?

Delic: Ja, inzwischen ist das wirklich so. Anfangs habe ich der Band und der Crew noch immer mitgeteilt, dass wir dieses Jahr auch ganz ohne Auftritte über die Runden kommen werden, weil aus Rücklagen, die wir für Notfälle vorgesehen haben, die laufenden Kosten noch gedeckt werden können. Wenn wir aber im nächsten Jahr nicht wieder anfangen können zu spielen, dann wird auch bei uns die Luft dünn, weil die finanziellen Mitteln aufgebraucht sein werden. Dann wird man gucken müssen, ob und wie es mit unserer Firma weitergeht. Dann stellt sich mit Blick auf die Shows im nächsten Jahr ja auch noch die Frage, welche Veranstalter überhaupt noch auf dem Markt sein werden. Einige werden gehen, weil sie die Krise nicht überstanden haben. Erst neulich habe ich mit einem gesprochen, der jetzt Hartz IV beantragt hat.

Zurück zum Livestream-Konzert. Wäre eine Wiederholung denkbar?

Delic: Natürlich wollen wir nicht auf diese Weise im großen Stil weiter Musik machen – so etwas ist ja auch nur eine Notlösung als Überbrückung für das normale Tagesgeschäft. Aber vielleicht könnte es doch noch mal zu einem solchen Auftritt kommen. Die Nachfrage ist jedenfalls enorm. Jetzt gerade ist da aber noch nichts geplant. Worauf wir uns aktuell vorbereiten, ist ein Autokino-Konzert auf der Bremer Bürgerwiede, das am 8. August stattfinden wird. Darauf sind wir schon sehr gespannt, weil wir so etwas natürlich auch noch nie vorher gemacht habe. Es ist Neuland, und wenigstens ist es ein bisschen persönlicher, als bei einem Livestream, wo man während des Konzertes überhaupt kein Feedback bekommt. Ich hoffe ja, dass es an dem Abend überhaupt zu irgendeiner Reaktionen aus unserem Publikum kommen wird, denn Hupen wird wegen den Anwohnern nicht möglich sein. Wer weiß, vielleicht gefällt einem das ja und kann das in diesem Format fortsetzen. Wir schauen mal, wie da so ankommt.

Verlosung

Für das Feuerengel-Konzert am Samstag, 8. August, ab 21.30 Uhr im XXL Autokino Bremen auf der Bürgerweide verlosen wir Karten für zwei Autos. Und so geht‘s: Einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Feuerengel“ und einer Telefonnummer an unsere Adresse redaktion.rotenburg@kreiszeitung.de schicken. Einsendeschluss ist der 5. Juli. Die Gewinner werden telefonisch von uns benachrichtigt. Viel Glück!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Der Audi E-Tron S kämpft gegen Kräfte der Physik

Der Audi E-Tron S kämpft gegen Kräfte der Physik

Schüsse vor Weißem Haus: Trump unterbricht Pressekonferenz

Schüsse vor Weißem Haus: Trump unterbricht Pressekonferenz

Heiß und gewittrig: Deutschland schwitzt weiter

Heiß und gewittrig: Deutschland schwitzt weiter

Acht Teams, acht Köpfe: Auflauf der Superstars in Lissabon

Acht Teams, acht Köpfe: Auflauf der Superstars in Lissabon

Meistgelesene Artikel

Sottrumer Umspannwerk: Alles ist verbunden

Sottrumer Umspannwerk: Alles ist verbunden

„Es fehlten nur wenige Millimeter“

„Es fehlten nur wenige Millimeter“

Erkenntnisse vom Eichhörnchen

Erkenntnisse vom Eichhörnchen

Die Rose im Eichenwald

Die Rose im Eichenwald

Kommentare