Blick zurück: „Ein Stück Freiheit“

Ehemalige Siedler erinnern an die Gründung der Scheeßeler Ostlandsiedlung vor 70 Jahren

Manfred Conrad und Karola Lünzmann, zwei Kinder der ursprünglich 22 „Siedler“-Familien, fühlen sich noch immer in der Ostlandsiedlung wohl.
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Manfred Conrad und Karola Lünzmann, zwei Kinder der ursprünglich 22 „Siedler“-Familien, fühlen sich noch immer in der Ostlandsiedlung wohl.

Scheeßel – Wer heute vom Neubaugebiet in Scheeßel jenseits der L 130 spricht, nennt das Gebiet „Fuhrenkamp“ oder „Eulenkammer“. Da, wo der Ort heute in nordöstlicher Richtung zuwächst, begann fast auf den Tag genau vor 70 Jahren die Besiedelung.

Ein Zeitensprung, zurück ins Jahr 1951. Der Schauplatz: ein Acker vom damaligen Imker Fehling. Die nächsten Häuser: am Kohlhofweg, in knappen zwei Kilometern Entfernung vom Ort. Die Käufer: Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, die es während des Zweiten Weltkrieges oder kurz danach in den Beeke-Ort verschlagen hatte und die hier bei den Einheimischen einquartiert worden waren.

99 Pfennige kostete der Quadratmeter Land, erinnert sich Karola Lünsmann, in Scheeßel besser als „die Fischfrau“ bekannt. Sie war im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder mit dem letzten Verwundetentransport über Berlin und Sottrum gekommen. Nach der Kriegsgefangenschaft 1949 stieß der Vater zur Familie. Als er als einer von 22 „Neusiedlern“ im Rahmen des vom amerikanischen Marshall-Plan finanzierten Vorhabens ein Stück Bauland erwarb, habe die Mutter ihn gleich wieder zurück zum Amt geschickt, um den Vertrag rückgängig zu machen: „Bist du narrisch, hast ja nicht mal ein Hemd überm A ...“. Gut, dass er auf dem Weg zum Amt den Vater von Manfred Conrad traf, der ihn wieder umstimmte, sodass der Hausbau doch noch zustande kam. Für ihn wie auch die drei Jahre ältere Lünsmann war die „Ostlandsiedlung“, wie sie seit ihrer Einweihung am 1. September 1951 offiziell heißt, ein Stück Paradies für die Kinder, und nach den beengten Verhältnissen vorher „ein Stück Freiheit“, wie die 78-Jährige es ausdrückt.

Das Straßenschild aus Holz von 1951 wurde Manfred Conrad bei der Erneuerung der Straßenschilder gerettet und aufbewahrt.

Vor den Bewohnern zogen allerdings die Hühner und Schweine – bei Conrads sogar eine Kuh – ein, denn die Grundstücke wurden nur an Selbstversorger verkauft – sie sollten der Gemeinde nicht zur Last fallen. „Wir hatten gar kein Land, das hat uns Bauer Gerken vom Meyerhof netterweise verpachtet“, so Lünsmann. So gut das Angebot auch sein mochte – jede Familie bekam zwischen 10 000 und 15 000 Mark für den Grunderwerb der 1000 bis 1300 Quadratmeter großen Grundstücke und den Bau, der von den meisten in Eigenregie und mit viel Nachbarschaftshilfe geleistet wurde – so hoch waren die Abträge: Ein Wochenlohn war monatlich fällig, erinnert sich die geborene Ost-Preußin, also mit 25 Prozent des Verdientes nicht gerade ein Schnäppchen. Finanzieren ließ sich dies oft nur durch Untervermietung. Die Grundstücke wurden ausgelost – nur der Kaufmann bekam für seinen Tante-Emma-Laden einen zentralen Bauplatz auf dem bald auch „Klein-Korea“ genannten „schlechtesten Acker“, wie Lünsmann konstatiert. Conrad mutmaßt, dass der nicht zufällig so weit draußen gelegen habe. Denn trotz der Güte einzelner Einheimischer wären die Vertriebenen zuweilen wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden. Etwa in der Kirche, wo sie sich nur hinsetzen durften, wenn noch Plätze frei waren. Anerkannt war, wer anpacken konnte und hart arbeitete.

Wenn irgendwo etwas weggekommen war, standen nach den Herumtreibern die Vertriebenen unter Zentralverdacht. 

Manfred Conrad

Die Ostlandsiedlung sollte sich mit den blühenden Gärten der an harte Arbeit und Selbstversorgung gewöhnten Flüchtlinge zu einem eigenen kleinen Kosmos mit einem Laden und sogar einer Kneipe entwickeln. Gemeinschaft, so erinnern sich die beiden, sei groß geschrieben worden, Man lieh sich Kaffee. Nach der Hausschlachtung fiel Grützwurst für die Nachbarn ab. Man feierte und trauerte zusammen, hielt das Abendmahl ab, auch Ehen wurden geschlossen. Eine schöne Kindheit sei das gewesen, mit Schwimmen lernen in der Wümme, Äpfelklau auf dem Schulweg, Herumstromern bis zum Bach bei Varel – er war die Grenze der kindlichen Freiheit. Das zog auch die Mitschüler aus Scheeßel an. Ganz ungetrübt war das Verhältnis der Alt-Eingesessenen zu den „Neusiedlern“ jedoch nicht. Vor allem die Ostpreußen seien ob ihres breiten östlichen Dialekts als „Polacken“ beschimpft worden. „Wenn irgendwo etwas weggekommen war, standen gleich nach den Herumtreibern die Vertriebenen unter Zentralverdacht“, meint Conrad, und Lünzmann ergänzt: „Besonders die reichen Bauern hatten Angst, etwas abgeben zu müssen.“

Vom Geist und Zusammenhalt ist heute nicht mehr viel übrig, bedauern die beiden Zeitzeugen. Gerade mal sechs der 22 Häuser sind noch in der Hand der zweiten Generation der Siedler. Wurden das 30- und das 50-jährige Bestehen der Siedlung noch mit einer Chronik und einem Fest mit Reden, Tanz und Musik für mehr als 150 Personen gefeiert, vergeht das 70. sang- und klanglos. „Die Leute hier haben einfach keinen Bezug mehr zu den Anfängen“, erklärt sich der 75-Jährige dies.

Was ihn jedoch freut, ist, dass nach Jahren des Wegzugs von Familien, wieder neues Leben in der Ostlandsiedlung Einzug hält. Zu Anfangszeiten waren es 22 Familien mit 60 Kindern, Tendenz steigend. Heute bevölkern immerhin schon wieder acht Kinder eine der letzten Privatstraßen und wohl eine der geschichtsträchtigsten von Scheeßel.

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