Eichenschulleiter Christian Birnbaum über die Einführung von I-Pads an dem Scheeßeler Privatgymnasium

„Wir müssen Schüler qualifizieren“

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Auch im eigenen Alltag hat das I-Pad bei Schulleiter Christian Birnbaum längst Einzug gehalten.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Der Gong zum Stundenbeginn ertönt, wie selbstverständlich greifen die Schüler zu ihren Tablet-Computern statt zu Block und Stift: Mit der Einführung von I-Pads an der Eichenschule Scheeßel lernen die Jugendlichen mobil. Was es mit der digitalen Revolution im Klassenzimmer auf sich hat, darüber sprachen wir mit Schulleiter Christian Birnbaum.

Herr Birnbaum, Sie führen demnächst in der achten Klassenstufe I-Pads ein. Warum so spät?

Christian Birnbaum: Wieso spät?

Man möchte doch meinen, dass eine Schule in freier Trägerschaft mehr Gestaltungsspielraum hat und daher innovativer sein kann. Die Fintauschule hat I-Pads vor eineinhalb Jahren eingeführt.

Birnbaum: Es geht nicht in erster Linie darum, innovativ zu sein. Wir haben uns immer um digitale Bildung bemüht. Wir haben vor Jahren ein Konzept entwickelt, wie der informationstechnische Grundunterricht sinnvoll und anwenderorientiert hier eingebunden werden kann und haben das in den Wahlpflichtbereich integriert. Dieser Unterricht wurde projektorientiert gemacht. Wir waren schon seit längerem unzufrieden damit, wie das läuft. Wir haben mit 216 PCs zwar schon recht viele, aber bei 1100 Schülern kann man sich ausrechnen, wie viel Zeit für den einzelnen Schüler am PC effektiv zur Verfügung steht, zumal, wenn die Schüler erst in separate Räume gehen und sie hochfahren müssen. Wir waren schon lange auf der Suche nach einem für den Unterricht passenden Gerät, das jedem Schüler zur Verfügung steht – Laptops und Netbooks waren teuer und schwer. Mit Tablets haben wir zum ersten Mal das Gefühl: Damit können wir den Schülern ein Gerät zum Lernen an die Hand geben, das leicht, präsent und für das Arbeiten sofort verfügbar ist. Und nach fünf Jahren auf dem Markt gibt es auch genügend Erfahrungen in punkto Haltbarkeit, Laufzeiten, Updates durch den Hersteller. Immerhin wollen wir ja jahrgangsweise einführen, da will man auch technisch auf der sicheren Seite sein. Ich habe im Herbst 2013 den Anstoß gegeben, über die Einführung von Tablet-Computern nachzudenken und bin im Kollegium auf viele offene Ohren gestoßen. Trotzdem hat es dann noch mehr als zwei Jahre bis zum endgültigen Entschluss gedauert. Wir haben im Januar 2014 die Schülervertretungen, Schulelternrat und Kollegium informiert, eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich intensiv mit dem Für und Wider auseinandergesetzt und mit möglichen Modellen beschäftigt hat. Das ist in einem Antrag für die Gesamtkonferenz gemündet, den wir eigentlich im September schon entscheiden wollten. Im Vorfeld haben wir Elterninformationsabende abgehalten und dort die Rückmeldung von einigen Eltern bekommen: Das geht uns alles viel zu schnell! Denn es ist natürlich so, Geräte in dieser Größenordnung können wir als Schule nicht anschaffen, das muten wir unseren Eltern zu. Und wir brauchen nicht drum herum zu reden: Die sind nicht billig! Deshalb war es uns wichtig, hinzuhören, die Kritik der Eltern ernst zu nehmen. Aus diesem Grund haben wir den Entscheidungsprozess verlängert und noch weitere Informationsabende gemacht. Und erst jetzt im Februar haben in der Gesamtkonferenz abgestimmt, als wir den Eindruck hatten: Jetzt sind alle Informationen gegeben, alle Argumente ausgetauscht und jeder konnte sich mit seinen Hoffnungen, Erwartungen und Sorgen einbringen. Das braucht eben länger – in diesem Fall war uns der Diskussions- und Entscheidungsprozess wichtiger als eine schnelle Entscheidung. Wenn wir unseren Eltern die Anschaffung eines so teuren Gerätes zumuten, brauchen wir dafür auch die breite Zustimmung.

In welche Richtung gingen denn die Bedenken der Eltern?

Birnbaum: Einige haben grundsätzlich etwas gegen Apple. Bei einer Schule dieser Größenordnung können wir jedoch keine Systemdiskussion führen; da muss man der Arbeitsgruppe vertrauen, dass sie das passende System ausgesucht hat. Dann gab es grundsätzliche Bedenken, eine Haltung bei den Eltern, die sagen: Unsere Kinder werden schon viel zu viel mit digitalen Medien konfrontiert, das wollen wir nicht auch noch in der Schule. Es gab das Argument, das sei nicht angemessen und viel zu teuer. Andere monierten, auch aus der Lehrerschaft, dass ein umfassendes Medienkonzept fehle. Das wird auch noch entwickelt, allerdings erst nach der Entscheidung. Ich kann nicht von Kollegen erwarten, neben ihrer Arbeit etwas so Umfassendes zu erstellen, um hinterher festzustellen, bei einem negativen Votum, das die Arbeit umsonst war.

Sie hatten sich auch externe fachliche Unterstützung geholt?

Birnbaum: Ja, unter anderem bei der Fintauschule, in Celle und Göttingen und bei Christian Lenz, Schulleiter aus Hamburg, der eine Modellschule für Tablets leitet. Dieser war mehrmals bei der Arbeitsgruppe zu Gast, und hat der Gesamtkonferenz in Workshops mit einigen seiner Schülern gezeigt, wie die Arbeit konkret aussehen kann. Wir hatten Herrn Hofmann von der Waldschule Hatten hier, der für die Landesregierungen als Multiplikator unterwegs ist.

Konnten die Bedenken der Eltern zerstreut werden – oder muss man mit einem gewissen Prozentsatz Nicht-Konsens leben?

Birnbaum: Ja, wir haben eine Elternbefragung gemacht in Klasse sieben und acht. Das Ergebnis war: In Klasse 8 hatten wir über 80 Prozent Zustimmung, in Klasse 7 gab es eine Dreiviertelmehrheit. Und trotzdem haben wir gesagt, dass eine Viertel wollen wir ernst nehmen und haben den Antrag auf Einführung im achten Jahrgang geändert. Das Ergebnis in der Gesamtkonferenz war sehr positiv: 74 Prozent Zustimmung, 13 Prozent Enthaltungen (auch von Fünftklässlern, von denen ich das ganz verantwortungsbewusst fand) und tatsächlich nur 13 Prozent Nein-Stimmen – ein überzeugendes Ergebnis, mit dem wir gut leben können. Ich kann nicht jeden überzeugen. Ich finde die Angst vor digitalen Medien ist verständlich, aber wir leben ja nicht im luftleeren Raum. Unsere Schüler haben alle Smartphones. Was gewinnen wir, wenn wir uns nicht um dieses Thema kümmern? Unsere Schüler müssen lernen, die Geräte als Instrument zu benutzen, einen kritischen Umgang – und das geht nur durch Benutzung. Unsere eigenen Erfahrungen decken sich mit Studien: Die Schüler haben die Wahrnehmung, dass sie alles können, tatsächlich können sie chatten, Videos und Fotos machen und hochladen, sie können „WhatsApp“ bedienen, und dann hört es auf. Sie können kein vernünftiges Text- oder Tabellenkalkulationsprogramm bedienen, sie können nicht präsentieren, sie können nicht richtig recherchieren. Aber genau das sind die Anforderungen, die heute an den Hochschulen vorausgesetzt werden! Wir müssen nicht die Schüler vor den digitalen Medien schützen, sondern sie qualifizieren.

Ketzerisch gefragt: Wer soll ihnen das denn beibringen – haben die Lehrer dazu überhaupt die Kompetenz?

Birnbaum: Das war auch eine Sorge der Eltern. Die Lehrer haben natürlich die Kompetenz, den Schülern einen kritischen Umgang beizubringen, vernünftige Recherche. Was wir alle miteinander lernen müssen, ist der Umgang mit dem ganz konkreten Gerät. Und da zeigen die Lehrer eine für mich ganz herausragende Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Schon vor der Abstimmung haben sich ganz viele Geräte privat angeschafft; im Lehrerzimmer sieht man immer wieder Gruppen zusammensitzen, die sich gegenseitig etwas zeigen. Und es hat bereits entsprechende Fortbildungen gegeben. Was hinzukommt: Es gibt Dinge, die unsere Schüler besser können als wir. An diesem Rollentausch ist überhaupt nichts Schlimmes. Da gewinnt ja auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis eine neue Dimension. Einige Kollegen spüren eine Unsicherheit – man möchte den Schülern immer einen Schritt voraus sein, das ist auch legitim. Ich für mich brauche das nicht. Ich kann mir auch mal von einem Schüler was zeigen lassen – und dem Schüler tut das auch gut!

Und die Schüler – die haben doch bestimmt gleich alle „Hurra“ geschrien?

Birnbaum: Nein, ganz und gar nicht! Wir hatten am Anfang eine große Skepsis in der Schülervertretung. Es gab zwei Argumentationsschienen, beide sehr realistisch. Die eine war: „Oh mein Gott, wir sollen damit ja auch richtig arbeiten!“, die zweite: „Verleitet uns Schüler das nicht zum Daddeln im Unterricht, verlieren wir da nicht die Konzentration?“ Das fand ich eine interessante und sehr reife Auseinandersetzung mit der Thematik. Inzwischen sind die Schüler mehrheitlich dafür.

Wie lassen sich Konzentrationsverlust oder Daddelei denn unterbinden?

Birnbaum: Ich habe da überhaupt keine Angst. Alle Schulen, mit denen wir gesprochen haben, sagen: Am Anfang hat es einen unglaublichen Reiz, dann wird es relativ schnell zur Selbstverständlichkeit und die Versuchung ist weg. Und: Ich kann dieses Gerät, was auf dem Tisch liegt, viel besser kontrollieren als ein Handy darunter. Und wenn ich als Lehrer sage: „Klappe zu!“, dann sind die Klappen auch zu. Ich habe als Lehrer nach wie vor die Kontrolle. Es ist letztlich nur ein Unterrichtsinstrument, ähnlich wie ein Schulbuch. Das Gerät wird leider überhöht, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Es ist weder der Heilsbringer noch der Untergang des Abendlandes. Beides ist nicht der Fall: Schüler werden weder besser durch die Benutzung, noch verlieren sie sämtliche sozialen Kompetenzen. Darum ja auch die Entscheidung genau für diese Geräte: Sie sind am besten administrierbar: Aufspielen und Löschen von Apps, Daten bereitstellen, Einfrieren von Apps, Sperren einzelner Geräte oder ganzer Räume – das ist das Wichtige, dass wir als Schule im Haus die Hoheit über die Gerätenutzung haben und unserer Verantwortung gegenüber den Eltern gerecht werden.

Aber privat dürfen die Schüler sie nutzen, wie sie wollen?

Birnbaum: Das können wir nicht verbieten, aber die Geräte werden nicht mit Sim-Karte ausgestattet. Die Schüler können die Geräte im elterlichen W-Lan benutzen und unterliegen dann der elterlichen Kontrolle.

Also lassen sich privat hochgeladene Apps in der Schule stummschalten?

Birnbaum: Das testen wir momentan, die verbalen Zusagen des Herstellers legen das nahe. Wir legen einen App-Kanon fest und die Schüler müssen die Geräte aufgeladen und mit ausreichend Speicherkapazität mitbringen. Das ist, wie einen Taschenrechner oder Zirkel mitzubringen oder Mappenführung.

Können Sie den Einsatz nicht unterrichtsrelevanter Anwendungen ausschließen?

Birnbaum: Absolut können wir das nicht. Aber zu einem Medienkonzept gehört ja auch, dass die Geräte in der Pause eben nicht genutzt werden. Das können wir gegebenenfalls sogar sperren.

Wie kann man sich den Einsatz denn nun konkret vorstellen?

Birnbaum: Es gibt eine Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten. Der grafikfähige Rechner wird abgeschafft und durch eine App ersetzt, sodass das I-Pad im Mathematikunterricht zum Einsatz kommen kann.

Das ist aber noch nicht revolutionär...

Birnbaum: Ich fang mal bei den ganz kleinen Sachen an: Die Recherchearbeit in der Oberstufe in Politik und Geschichte – die Schüler müssen nicht mehr in einen Extra-Raum, den ich vorher anmelden muss. Ich habe sofort Zugriff auf Filme. Unser Ziel ist es, alle Klassenräume mit einem Beamer und Apple-TV auszustatten. Die Schüler können selbst kleine Lehrfilme erstellen, die sie präsentieren, oder Folien. Handschriftliche Notizen auf einem funzeligen Overheadprojektor, ohne die Möglichkeit einer Korrektur – das gibt es dann nicht mehr. Das Ergebnis können alle abspeichern, und es steht in der nächsten Stunde sofort wieder zur Verfügung. In Erdkunde Kartenarbeit, in den Naturwissenschaften Versuchsaufbau, die Schüler können die Versuche fotografieren oder filmen und wieder angucken, wenn es um die Versuchsbeschreibung geht. Im Sport Bewegungsanalysen – beispielsweise im Hochsprung sich selbst aufzunehmen und seinen Anlauf zu analysieren und Tipps zur Verbesserung zu geben. In Musik gibt es Beispiele, wo Schüler selbst komponieren, es sich gegenseitig vorspielen. Heute kann ja gar nicht jeder Schüler an einem Musikinstrument sitzen – nicht nur, weil wir nicht so viele Instrumente haben, sondern auch, weil es zu viel Krach machen würde. Mit dem I-Pad hat jeder Schüler sein eigenes Instrument zur Verfügung. Wichtig ist, dass die Schüler ihre Ergebnisse auf I-Serve zentral ablegen können und im Unterricht wieder abrufen und bei Bedarf per Beamer an die Wand werfen. Zusätzlich können wir Lerngruppen einrichten, wo wir die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern erleichtern – in den Klausurvorbereitungen mal schnell einen Text in die Kursgruppe einstellen und sagen: „Guckt Euch das mal an“.

Das geht aber auch jetzt schon in „WhatsApp“-Gruppen?

Birnbaum: „WhatsApp“-Gruppen finden wir überhaupt nicht gut, weil die überhaupt nicht kontrollierbar sind. In den so genannten „Klassenchats“ passieren ja Dinge, die wir als Schule überhaupt nicht verantworten können. Die Eltern nehmen das als etwas Schulisches wahr, obwohl es etwas Privates ist. I-Serve dagegen ist eine geschützte Kommunikation, keine unkontrollierte. Ich glaube nicht, dass dort gemobbt würde.

Die von Ihnen genannten Beispiele beziehen sich auf die konkrete, oft administrative Umgestaltung des Unterrichts. Könnten Sie sich vorstellen, dass die I-Pads langfristig die gesamte Art des Lernens revolutionieren, hin zum individualisierteren Lernen?

Birnbaum: Ich glaube, das ist keine Frage des Instruments, sondern der Unterrichtsgestaltung. Die stärkere Individualisierung und Differenzierung wird ja sogar von den Lehrplänen vorgegeben. Rechercheaufträge bekommen die Schüler schon jetzt; wir machen es ihnen und uns damit nur leichter. Daraus entsteht die Verantwortung, ihnen einen kritischen Umgang beizubringen. Es hängt nicht von den speziellen Geräten ab. Insgesamt verändern die Möglichkeiten der digitalisierten Welt das Lernen – das erleben wir ja jetzt schon. Die heutigen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung sind exponentiell gestiegen im Vergleich zu unseren Möglichkeiten damals. In unserer Generation war es doch vom Zufall abhängig, welche Eltern einen Brockhaus im Regal stehen hatten.

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