Eichenschüler besuchen mit englischen Jugendlichen Auschwitz und Birkenau

Begegnung statt Betroffenheitstourismus

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Die Schüler am Ort des Schreckens: Geführt wurden sie auch durch das Stammlager Auschwitz.

Scheeßel/Krakau - Von Ulla Heyne. Emotionale Momente, ein Dialog der Kulturen im Angesicht des Holocaust-Schreckens und Jugendliche aus drei Ländern, die ihre Sicht der Flüchtlingsproblematik erörtern – eine „ganz normale“ Kursunternehmung war die knapp einwöchige Studienfahrt von acht Eichenschülern wohl kaum. Fünf Tage lang waren die Zwölftklässler dreier Geschichtsleistungskurse mit Schulleiter Christian Birnbaum und Geschichtslehrer John Cramer in Krakau. Auf dem Programm: Stadtbesichtigung, Judenviertel, Auschwitz. So weit, so gewöhnlich? Mitnichten.

Die Besichtigungen wurden gemeinsam mit englischen Jugendlichen durchgeführt, auch eine polnische Schule war bei dem internationalen Projekt mit im Boot. Den Kontakt zum organisierenden College in Colchester hatte Kursteilnehmerin Mara Twesten über eine englische Freundin hergestellt. Dort suchte man kurzfristig eine Ersatzschule für das jährliche Holocaust-Programm, bei dem 40 Jugendliche aus England und Deutschland gemeinsam der jüngeren europäischen Geschichte nachspüren, aber auch aktuelle Fragen Europas gemeinsam diskutieren.

Für die Eichenschule ein Glück: „So intensive Momente, bei denen nicht nur die Distanz zwischen Lehrern und Schülern überbrückt wurde, sondern auch zwischen den Nationen, habe ich in meiner Laufbahn selten erlebt“, erklärt Schulleiter Christian Birnbaum noch sichtlich berührt.

Das teilt er mit seinen Schülern: Als Matthis Janssen sich in Auschwitz bei der Übertragung von O-Tönen von Nazis zur Judenfrage mit hebräischen Übersetzungen inmitten einer Gruppe Israelis wiederfand, musste er den Raum vor lauter Beklemmung irgendwann verlassen: „Ich konnte den Hass förmlich spüren – und das waren meine Vorfahren!“

Um geschichtliche Verantwortung, aber auch in heutigen Zeiten geht es denn auch, wie Cramer erläutert: „Neben unserer geschichtlichen Verantwortung als Nachfolgegeneration eines Tätervolks wollten wir auch den Bogen spannen zu unserem Handeln heute: Wie treten wir jetzt Verfolgten gegenüber?“

Diese Frage stand auch im Zentrum von Diskussionen mit den englischen Fahrtteilnehmern, aber auch polnischen Schülern. Die Ergebnisse der Diskussionen in Kleingruppen seien ganz unterschiedlich ausgefallen. Viele polnische Jugendliche hätten der Aufnahme von Flüchtlingen kritisch gegenüberstanden: „Die haben ihre eigenen Probleme: Gut ausgebildete junge Fachkräfte bekommen dort keine Jobs – und das schürt Ängste“, hat Iris Kamil beobachtet. Auch viele der englischen Jugendlichen würden die offiziellen britische Regierungspolitik durchaus sehr kritisch sehen, haben Matthis Janssen und Till Petersen bemerkt.

Beide haben während der fünf Tage – wie viele ihre Mitschüler – ihre Eindrücke in einem auf der Eichenschul-Website veröffentlichten Blog festgehalten, Petersen auch in beeindruckenden Fotos. „Jeder hat die Eindrücke auf seine Weise verarbeitet. Bei mir war das vielleicht sogar noch leichter“, meint der ambitionierte Hobbyfotograf. „So richtig gesackt ist die Betroffenheit erst nach einigen Tagen“, meint Matthis Janssen, der die gemeinsame Gedenkfeier in Birkenau, aber auch den Stadtbummel mit den polnischen Jugendlichen als „unglaubliches Gruppengefühl, auch danach“ beschreibt. So bestehe zu den Engländern noch reger Kontakt. Sein stärkster Eindruck: „Der Sonnenuntergang und das leuchtende Herbstlaub, dazu das Eingangstor vom KZ in Auschwitz mit dem „Arbeit macht frei“-Schriftzug: Diese Schönheit am Ort des Schreckens – es war grotesk!“

Die Schüler arbeiten derzeit an einer Ausstellung über ihre Erlebnisse. Ihre Lehrer bemühen sich um eine Wiederholung dieser für alle außergewöhnlichen Studienfahrt, bei der „Begegnung statt „Betroffenheitstourismus“ im Zentrum stand, wie Birnbaum es ausdrückt.

Unsere Zeitung sprach mit einer Schülerin mit jüdischen Wurzeln, die an der Fahrt nach Auschwitz teilnahm.

Iris, warum war die Fahrt für Sie speziell?

Iris: Ich habe jüdische Wurzeln; mein Vater ist Jude. Ein Teil der Familie meines Urgroßvaters und seiner Familie, die vor dem zweiten Weltkrieg in Rumänien ansässig waren, ist so oft deportiert worden und geflohen. Der andere Zweig floh nur teilweise aus Tschechien – der Rest blieb zurück und verschwand Anfang 1944 komplett, sodass wir nie erfuhren, was mit ihnen geschah. Das habe ich erst bei der Studienfahrt in Krakau herausgefunden.

Wie das?

Iris: Ich habe in Auschwitz unter den vielen Fotos das Bild eines Cousins meines tschechischen Urgroßvaters entdeckt.

Kein Zweifel?

Iris: Sein Geburtsort ist sehr nah an dem meiner Familie und er hat denselben Nachnamen. Außerdem hat er auf dem Foto, mit dem die Insassen bei der Ankunft registriert wurden, eine Grimasse gezogen – als einziger. Das ist meine rebellische Familie. Später habe ich die Namen eines Teils der Familie dann in den langen Listen der in Auschwitz Ermordeten wieder gefunden.

Hatten Sie gezielt danach gesucht?

Iris: Ja, ich hatte das Familienstammbuch mitgenommen.

Wie war es, die Namen tatsächlich dort schwarz auf weiß zu sehen?

Iris: Irgendwie eine Erleichterung – nun wissen wir endlich, was mit ihnen passiert ist.

Und Ihre Familie, wie hat die es aufgenommen?

Iris: Ich habe meiner Schwester Fotos geschickt, die hat sie unserer Mutter gezeigt. Meine ganze Familie war emotional sehr mitgenommen.

Haben Sie je an der Entscheidung gezweifelt, sich bewusst diesem Teil Ihrer Familiengeschichte auszusetzen?

Iris: Nein. Auch wenn es schwer war. Die Konfrontation mit dem, was den Menschen dort angetan worden ist. Die Berge von Kinderschuhen, Koffern, Gebetskappen; da fühlte ich mich persönlich angegriffen. Am schlimmsten waren die Berge von Menschenhaaren, zum Teil noch ganze Zöpfe. Sich vorzustellen, dass sich Menschen 70 Jahre später meine Überreste ansehen. Aber es nutzt ja nichts vor der Geschichte wegzulaufen. Damit ändert man sie ja nicht. Dem muss man sich stellen. Die englischen Mädchen der Gruppe, mit der wir in Krakau waren, waren sehr herzlich, haben sich immer wieder erkundigt, wie es mir geht.

Wie geht man in Ihrer Familie mit der Geschichte um?

Iris: Sie ist präsent und ist immer mal wieder Thema. In Israel, wo ich auch die ersten beiden Schuljahre zur Schule gegangen bin, war es normal, dass Ältere vorbeischauen und aus ihrem Leben erzählen. Außerdem war die Großmutter einer der Freundinnen meiner Mutter auf Schindlers Liste gewesen.

hey

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