Ehepaar plant Gedächtnisstätte für Sternenkinder auf dem Scheeßeler Friedhof

„Es ist nie gut“

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Den Gedenkstein hat Werner Kölkes (r.) schon besorgt, jetzt müssen sich Natascha und Dirk Schumacher noch um die Finanzierung kümmern.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Ein ehrgeiziges Projekt hat sich das Ehepaar Natascha und Dirk Schumacher vorgenommen. Die Begründer von „Sternenkinderband“, einer Internet-Plattform für Eltern tot geborener oder in frühem Alter gestorbener Kinder, und selbst Betroffene wollen auf dem Scheeßeler Friedhof einen „Sternenkinderbaum“, eine Gedenkstätte zum Andenken für trauernde Angehörige einrichten. Über die Hintergründe des privaten Projekts, das mit Hilfe von Sponsoren finanziert werden soll, berichten sie im Interview mit unserer Zeitung.

Sie haben selbst vor zwei Jahren Ihr Kind verloren, das in der 19. Schwangerschaftswoche zur Welt kam und nach wenigen Stunden verstarb. Bei aller Trauer über den Verlust hört man doch auch immer wieder aus dem Umfeld: „Muss man es nicht irgendwann mal gut sein lassen?“

Natascha Schumacher: Ja, dieses Argument wird immer wieder laut. Aber es ist nie gut. Auch nach zehn oder 16 Jahren kommt der Schmerz wieder hoch. Und dann ist es gut, Menschen zu haben, mit denen man darüber sprechen kann und einen Ort zum Trauern. So lange die Gesellschaft kein Feingefühl entwickelt, dass das Kind lebt, sobald die Schwangerschaft festgestellt wurde, wird das immer ein Thema sein.

Dirk Schumacher: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste unglückliche Liebe? So etwas vergisst man ja auch nicht einfach. Aber gerade dieses Thema wird tabuisiert, von der Gesellschaft oft nicht zugelassen. Wir bekommen hunderte Anrufe von Leuten, die sich ihr Leid von der Seele reden wollen – Hilferufe über das Internet oder per Handy. So kann man mit dem Bürokollegen vielleicht nicht reden – oder auch weinen.

Wie sind Sie auf die Idee des „Sternenkinderbaums“ gekommen?

Dirk Schumacher: In vielen Orten gibt es bereits Möglichkeiten, sein Sternenkind zu beerdigen – in vielen anderen Orten im unmittelbaren Umkreis nicht. Die Eltern werden nach dem Krankenhaus oft allein gelassen, sind unsicher, wissen nicht wohin mit ihrer Trauer. Auch die Krankenschwestern haben ja der Regel keine Ausbildung in Palliativarbeit, sind überlastet oder überfordert.

Natascha Schumacher: Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man sich erinnern kann. Zum Geburtstag, zu Weihnachten, wenn die Seele danach schreit und es ein Ventil für die Trauer braucht. Man sucht sich ja in der Trauer gern schöne Bilder – den Zitronenfalter aus dem Friedwald, die Vorstellung, die Kinder wären „da oben im Himmel“. Da haben wir uns einen Ort gewünscht – nicht für uns, sondern für die Eltern der Sternenkinder hier in der Gegend, wo sie Nähe zu ihrem Kind aufbauen können, innehalten und Kraft tanken. Ähnlich wie der Besuch einer Kirche vielen Menschen Kraft gibt. Und dann haben wir uns getreu unserem Motto: „Nicht schnacken, machen!“ an die Planung gemacht.

Und wie sah die Umsetzung konkret aus?

Natascha Schumacher: Wir haben zuerst einen Pastor hier angesprochen. Nach anfänglichem Zögern haben wir bei allen, denen wir von unserem Projekt erzählt haben, viel Zuspruch gefunden. Eigentlich hatten wir uns einen öffentlichen Ort wie den Platz vor der Kirche vorgestellt, aber das wurde aus architektonischen Gründen von den Kirchenvertretern verworfen.

Dirk Schumacher: Der Platz, den die Friedhofsverwaltung vorgeschlagen hat, auf einer Grünfläche neben der Kapelle, in der Nähe einiger bestehender Kindergräber, passt auch sehr gut. Den großen Stein, der die Inschrift „Es geschieht, dass eine kleine Seele die Erde nur streift – ihr Ankommen und Gehen fallen in eins.“ tragen soll, hat Steinmetz Werner Kölkes, der uns in unserem Vorhaben von Anfang an unterstützt hat, schon besorgt. Und auch über die Gestaltung hat sich der Gärtner und Landschaftsbauer Reinhard Wahlers bereits Gedanken gemacht. Es soll ein großer Baum gepflanzt werden, und in den Rasen werden Platten eingelassen, in die Sternenkindereltern auf Wunsch den Namen ihres Kindes eingravieren lassen können. Die Planung steht – nun fehlt nur noch die Finanzierung. Wir wollen das Ganze aus Spenden von Privat- und Geschäftsleuten finanzieren, die hinter unserer Sache stehen. Da stehen wir noch ziemlich am Anfang – von den benötigten 3500 bis 4000 Euro ist erst knapp ein Zehntel abgedeckt.

Ihr Portal „Sternenkinderband.de“ hat ja nicht nur viral, sondern auch medial große Beachtung gefunden. Kürzlich hat ein Team von „Spiegel TV“ einen ganzen Tag lang mit Ihnen gedreht, um im Rahmen der Dokumentation „Trauma Fehlgeburt – das unglückliche Ende einer Schwangerschaft“ über Sie und Ihre Geschichte zu berichten. Ein Seelenstriptease vor der Kamera – warum suchen Sie trotzdem den Weg in die Öffentlichkeit?

Natascha Schumacher: Wir verstehen uns ein Stück weit als Sprachrohr der vielen Eltern, die damit nicht so offen umgehen wie wir. Wir wollen den anderen Mut machen, nicht zu verzagen – deshalb haben wir nach ersten Bedenken auch zugestimmt, dass unsere nach ihrem Sternenkind-Bruder Etienne geborene Tochter im Film gezeigt wird.

Dirk Schumacher: Wir geben im Film viel von uns preis, stellen uns bloß – aber nicht nur wir haben vor der Kamera geweint, sondern auch das Team dahinter. Wir zeigen unsere Blöße vor der Kamera und sind schonungslos ehrlich, um den Leuten Wege zu zeigen, da wieder rauszukommen. Wir haben keine Hemmungen, Tatsachen offen auszusprechen. Klare Worte tun gut – Wischiwaschi haben die meisten schon genug erfahren.

Haben Sie Bammel vor dem Film am Sonntag?

Natascha Schumacher: Ja, klar – da ist schon die Angst: Wie kommen wir rüber; ist das Ganze so geschnitten worden, dass wir unsere Geschichte und Aussage wiederfinden? Ich weiß jetzt schon, dass auch negative Rückmeldungen kommen werden.

Dirk Schumacher: Ja, es bleibt immer die Frage: War das Fernsehteam feinfühlig genug oder wird man nur lächerlich gemacht? Andererseits: Ich bin froh, meine Feinfühligkeit bewahrt zu haben, auch mal weinen zu können. Der Verlust unseres Sohnes hat unser Leben verändert – zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Ich kann mich jetzt über unsere Kinder, über jedes kleine Glück viel mehr freuen.

Die Sendetermine der Dokumentation: Spiegel-TV (RTL) 19. April - 22.55 Uhr; N-TV 20. April - 19.10 Uhr Weitere Informationen über das Projekt sind unter www.sternenkinderbaum.de zu finden.

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