„Raus aus der Schockstarre“

Klima-Experte mit trauriger Prognose: „Es könnte längst zu spät sein“

Christian Wolf warnt eindringlich vor dem fortschreitenden Klimawandel. Im Interview erklärt er, was jetzt noch möglich ist, um diesen Aufzuhalten.

Scheeßel – Mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ steuerte er wochenlang durch die eisige Antarktis. Er sammelte auf der Expedition Belege für immer schneller fließende Gletscher und schoss aufrüttelnde Bilder der dramatisch tauenden Eisdecke. Christian Wolf, früher Polarforscher, heute Klimaschutzmanager in einer mittelgroßen Stadt, hat die Warnsignale des Klimawandels im ewigen Eis schon hautnah erlebt. Darüber und was wir gegen die Entwicklung tun können, wird der 41-Jährige am Samstag in Scheeßel einen Vortrag halten. Vorab haben wir uns mit ihm unterhalten.

Herr Wolf, was waren die nachhaltigsten Erlebnisse auf Ihrer Expedition in die Antarktis?

Als ich ankam und dieses ganze Eis mit eigenen Augen sah, war das für mich schon sehr beeindruckend. Ich erinnere mich noch gut an einen Helikopterflug über die Küste und daran, wie die Sahara auf mich gewirkt hat – nur eben in Weiß. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was mit dem Meeresspiegel passieren würde, sollten diese Massen einmal alle schmelzen. Was mich auch noch fasziniert hat: In der Antarktis gibt es ja keinen Humus. Als wir mit der „Polarstern“ wieder in Südamerika angekommen waren, stieg einem gleich dieser starke Geruch von Erde in die Nase – das ist unglaublich gewesen.

Christian Wolf an Bord der „Polarstern“: Zehn Wochen lang war er mit dem Forschungsschiff in der Antarktis unterwegs, um den Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels auf den Grund zu gehen.

Was ist in der Antarktis, aber natürlich auch in der Arktis die größte Gefahr?

Die größte Gefahr, was wir auch merken, ist die Meereisschmelze in der Arktis. Gerade im Sommer erleben wir bei der Meereisausdehnung beinahe jährlich ein neues Maximum an Minimum. Das heißt, es gibt immer weniger Meereis und das beeinträchtigt natürlich das ganze Ökosystem. In den vergangenen zehn, 15 Jahren hat diese Wandlung rasant zugenommen, es gibt einen Rekord nach dem anderen.

Wieso passiert das dort in einem so rasanten Tempo?

Ganz einfach: Weißes Eis reflektiert ja viel Sonnenstrahlung, es bleibt also dort kühl. Nur wenn das Meereis zurückgeht, kommt dunkler Ozean zum Vorschein. Und der absorbiert im Unkehrschluss mehr Wärme. Durch diesen sogenannten Albedo-Effekt erwärmt es sich dort noch schneller – und das ist gerade das große Problem. Es gibt aber auch noch einen zweiten Effekt: Gerade wenn sich in kalten Regionen wie den Polargebieten die Luft am Boden erwärmt, kann sie schlecht nach oben hin über die kühleren Schichten entweichen – sie ist quasi dort gefangen. Deswegen ist der Klimawandel dort, im Unterschied zu den Tropen, auch so rasant.

Die Klimakatastrophe schreitet voran. Die Aufnahme zeigt einen Gletscher auf Grönland.

Was war für Sie persönlich die wichtigste neue Erkenntnis?

Dass man selbst eigentlich ganz klein ist. Der Natur ist es völlig egal, ob es zum Beispiel in der Arktis Eisbären gibt oder nicht. Sie ändert sich eben, wird immer bestehen. Dann kommen irgendwann andere Arten. Für mich ist die Klimakrise auch und vor allem eine Menschenkrise. Wie leben wir? Wo leben wir? Woher bekommen wir unsere Nahrung her? Der Natur, die natürlich möglichst von uns bewahrt werden sollte, ist das wurscht. Wir sind auf sie angewiesen, sie nicht von uns.

Haben Sie auch Hoffnungsvolles erlebt?

Natürlich ist es nicht gerade hoffnungsvoll, wenn man sieht, wie wir das ganze Ökosystem verändern. Auf der anderen Seite: Wenn man auf so einer Expedition verschiedene Nationen sieht, die daran forschen, die das ganze System verstehen wollen und anderen Leuten ebenso helfen möchten, es zu verstehen, dann stimmt das doch auch wieder hoffnungsvoll. Vor allem deshalb, weil man in den vergangenen Jahren gemerkt hat, dass das Thema schon auch in den Köpfen angekommen ist. Was fehlt, ist noch das Handeln. Aber die Akzeptanz ist größer geworden – wir müssen es einfach jetzt noch beschleunigen.

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Was glauben Sie: Wie wirkt sich der Klimawandel in der Arktis schon jetzt auf unser Wetter in Europa aus?

Man merkt es jetzt gerade wieder: Der Jetstream, der seine Kraft durch den großen Temperaturunterschied zwischen der Arktis und den mittlereren Breiten bei uns generiert, schwächt sich immer öfter ab, weil sich eben in der Arktis die Luft so erwärmt. Normalerweise schiebt der ein Hoch und Tief nacheinander von West nach Ost. Wenn sich jetzt aber die Temperatur dort oben an die in den mittleren Bereichen angleicht, wird der Jetstream schwächer. Dann wirkt er nicht mehr wie ein Pfeil, sondern es bilden sich Schlingen, in denen Hochs und Tiefs quasi gefangen sind. Gerade jetzt hatten wir wieder viele Tiefs, deswegen gab es auch bisher so einen verregneten Sommer. Woanders, in Kanada und im Mittelmeerraum etwa, haben sich die ganzen Hochs festgesetzt. Deswegen gab und gibt es dort diese extreme Hitze und auch die Waldbrände. Durch den schwachen Jetstream werden wir immer häufiger solche stationären Wetterlagen erleben.

Ist diese dramatische Entwicklung überhaupt noch aufzuhalten beziehungsweise rückgängig zu machen?

Das ist natürlich schwer vorherzusagen. Was die Wissenschaft weiß: Jedes Zehntelgrad an Erderwärmung bringt noch mehr Extreme mit sich, wird häufiger und noch stärkere Wetterereignisse nach sich ziehen. Ein Grad Lufterwärmung kann etwa sieben Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Sprich: Wenn sich die Luft über dem Meer erwärmt und mehr Feuchtigkeit aufnimmt, hat sie auch viel mehr Energie. Daher haben wir es ja auch unter anderem mit diesen heftigeren Starkregenereignissen zu tun. Irgendwann kommen dann die sogenannten Kippelemente ins Spiel, von denen zehn bis zwölf bekannt sind. Wann die kippen, weiß die Wissenschaft aber auch nicht so genau. Man sagt, wenn man bei zwei Grad Erderwärmung bleibt, ist die Wahrscheinlichkeit noch groß, dass nichts passiert. Sollte es aber darüber hinaus gehen, ist ebenso nicht bekannt, ob es dann einen Dominoeffekt gibt, ob ein kippendes Element das nächste begünstigt oder nicht. Deswegen ist es besser, das gar nicht erst herauszufinden.

Selbst wenn wir morgen klimaneutral wären, würde sich an der Entwicklung erstmal nichts ändern?

Richtig, denn das Klima reagiert träge, es würde sich weiter erwärmen und die Gletscher würden zunächst weiter schmelzen. Es würde dauern, bis sich wieder ein Gleichgewicht einstellt. Dann könnte es aber trotzdem passieren, dass man noch Kippelemente erreicht. Es könne also schon längst zu spät sein.

Ihr Vortrag im Scheeßeler Hof ist unter die Überschrift „Auswege aus der Klimakrise – Utopien jetzt leben“ gestellt. Was ist darunter genau zu verstehen?

Um es mit den Worten meiner ehemaligen Chefin vom Alfred-Wegener-Institut zu sagen: „Ich wünsche mir, wir könnten uns den Weg zu einer klima- und umweltschützenden Zukunft einfach als eine enorme Chance vorstellen.“ Und sie hat recht. Ich denke, wir müssen einfach endlich raus aus dieser Schockstarre. Klar, wenn man klipp und klar sagt, wie es aussehen könnte mit unserer Welt, wenn wir nicht ausreichend handeln, dann ist das ein Horrorszenario. Aber man sollte keineswegs nur Schwarzmalerei betrieben, sondern endlich gucken, was wir machen können. Die Krise nämlich als Chance sehen, es besser zu machen. Deswegen der Begriff Utopien. Wir dürfen auch nicht unbedingt darauf warten, bis die Politik groß handelt. Die meisten Politiker sind eh immer nur auf Wählerstimmen aus, die wollen gar nicht groß etwas ändern. Dabei könnte man schon mit so einfachen Mitteln es wirklich besser machen. Veränderung ist ja auch gut, das hat man auch bei Corona gesehen, wo es für viele zur Entschleunigung gekommen ist.

Sie sprachen es gerade an: Was könnte jeder von uns denn tun, um einen Beitrag für mehr Klimaschutz zu leisten?

Jeder sollte einfach mal seine Lebensweise hinterfragen, vor allem beim Thema Konsum. Muss es etwa jeden Tag Fleisch auf dem Teller geben? Dann gibt es diesen Wachstumsgedanken, der von der Wirtschaft natürlich ja auch schön propagiert wird. Gebrauchsgüter produzieren, kurz verwenden, dann müssen sie kaputt sein, dann neu kaufen – von diesem immensen Ressourcenverbrauch müssen wir weg. Da darf jeder mal bei sich selbst anfangen, und dann hat man auch viel mehr Zeit fürs Wesentliche.

Sie selbst arbeiten heute als Klimaschutzmanager in Garbsen bei Hannover. Warum sind solche Kräfte in Kommunalverwaltungen wichtig?

Es gibt derart viele Themen rund um den Klima- und Umweltschutz – das kann nicht irgendwer nebenher machen: Von daher wäre es schon gut, wenn jede Gemeinde oder Stadt jemanden hätte, der sich speziell darum kümmert. Gerade im Bereich Bauleitplanung. Ich selbst bin eigentlich gegen Neuversiedelung – wenn es aber schon sein muss, dann sollte man es wenigstens klimaneutral angehen. Darauf kann ein Klimaschutzmanager natürlich achten. Auch darauf, die ganze Verwaltung für das Thema zu sensibilisieren, die Mitarbeiter mitzunehmen. Enorm wichtig ist auch die Öffentlichkeitsarbeit, da auch die Kommunalverwaltungen selbst ein Vorbild für die Bürger sind, sie mitzunehmen aufzuklären und sie bei der Gebäudesanierung oder beim Thema Solar zum Beispiel zu beraten. In Garbsen hat der Bürgermeister sogar eine ganze Stabstelle mit mir und noch drei weiteren Leuten gegründet, die Klima- und Umweltschutz wirklich vorantreibt. Das ist ein gutes Beispiel. Es wird ja auch mehr mit den Klimaschutzmanagern – viele Stellen sind ausgeschrieben, viele fördern solche Stellen. Aber es sind bei Weitem noch nicht alle.

Was sagen Sie Menschen, die den Klimawandel nicht als menschengemachtes Problem begreifen?

Fakt ist: 99 Prozent der Wissenschaftler sind sich einig, dass ein menschengemachtes Problem ist, weil sie einfach keine anderen Effekte ausfindig machen können. Was ja immer gerne als Grund herangezogen wird, dass der Klimawandel mit Vulkanismus oder Solaraktivität zu tun haben könnte, kann nicht stimmen, denn sonst müsste eine Abkühlung eintreten, was aber ja nicht der Fall ist. Es gibt keine Erklärung für die Erderwärmung, außer unser CO2, was wir emittieren. Das Blöde ist: Wenn ein Prozent sagt, es sei nicht menschengemacht, findet der in den Medien mehr Gehör, als die übrigen 99 Prozent.

Juckt es Ihnen in den Fingern, noch einmal für Forschungszwecke ins ewige Eis zu reisen?

Ja, auf jeden Fall. Wobei eine solche Expedition natürlich auch immer einen CO2-Abdruck hinterlässt. Wenn man es aber für die Forschung tut, ist es auch wieder vertretbar. Es war für mich ein tolles Erlebnis damals. Heute, mit meinen Kindern, wären zehn Wochen für mich zu lang, eine kürzere Reise könnte ich mir durchaus aber vorstellen. Nur wird es wegen meines Jobs, den ich heute ausübe, dazu wohl nicht mehr kommen.

Zur Person

Christian Wolf, geboren in der Schweiz, aufgewachsen bei Ludwigshafen, hat Umweltwissenschaften studiert. Für seine Doktorarbeit hat der heute 41-Jährige am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut promoviert und zu dieser Zeit, in den Jahren 2010/11, auch an einer zehnwöchigen Forschungsreise in die Antarktis teilgenommen. Aus der Wissenschaft ist er inzwischen ausgestiegen, mittlerweile arbeitet Wolf als Klimaschutzmanager bei der Stadt Garbsen. Früher bei Bündnis 90/Die Grünen politisch engagiert, ist er heute bei der noch jungen Klimaliste aktiv. Im Juni hat er die Bundespartei mitgegründet, ist in deren Vorstand Beisitzer. Wolf ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sein Vortrag, den er am Samstag auf Einladung der Scheeßeler Bürgerliste Klima, Gesundheit, Soziales im Scheeßeler Hof halten wird, beginnt um 14 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

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