Alexander Bychok erzählt Leidensgeschichte

Einer der letzten lebenden KZ-Häftlinge von Buchenwald

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Alexander Bychok aus der Ukraine erinnerte daran, wie eng sein Schicksal mit dem NS-Konzentrationslager Buchenwald, in dem er drei Jahre litt, verbunden sei.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Wenn Alexander Bychok in Schulstunden geht und als einer der letzte noch lebenden Überlebenden des NS-Konzentrationslagers Buchenwald befragt wird, dann beschäftigen die Oberstufenschüler oft Fragen wie: Wie schrecklich war das Leben in dem Arbeitslager? Was hat ihm damals Kraft gegeben? So war es auch Montagvormittag im Oberstufenraum der Scheeßeler Eichenschule, wo Bychok vor mehr als 100 sichtlich berührten Elftklässlern seine Leidensgeschichte erzählte.

Noch immer lebensbejahend und mit wachen Augen steht der in Kiew lebende Ukrainer am Tisch. Und er bleibt stehen – trotz seiner 93 Jahre. Die ganzen zwei Schulstunden lang. Das Erstaunlichste aber ist, dass dieser kleine, schmächtige Mann angesichts eines Lebens, das ihn durch fast alle Stürme des 20. Jahrhunderts führte, auf die Frage nach dem bewegendsten Moment nicht einen Augenblick zögert. „Das war der 11. April 1945. An diesem Tag haben wir Häftlinge uns angesichts der nahenden 3. US-Armee selbst befreit.“ Als durch die sonst von qualvollen Zählappellen so verhassten Lautsprecher die Durchsage ertönte „Kameraden, wir sind frei!“ wurde aus dem Häftling mit der Nummer 2216 wieder Alexander Bychok.

Und heute? Heute tritt er in seiner damaligen Häftlingskleidung vor das junge Publikum, so als wolle er den Schülern damit die Geschichte noch lebendiger vor Augen führen. Die Jacke und die Mütze mit den Streifen – das hat er über all die Jahrzehnte aufbewahrt. „Dabei waren mir Streifen lange Zeit ein Graus“, erzählt er in gebrochenem Deutsch, immer eine Übersetzerin an seiner Seite.

Verdenken kann man es ihm angesichts seines Schicksals nicht. Im Alter von nur 16 Jahren war der Ukrainer als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert worden. Nach einem Fluchtversuch wurde er als politischer Häftling in das von 1937 bis 1945 als Straf- und Arbeitslager betriebene KZ Buchenwald eingeliefert. Dort, auf dem Ettersberg bei Weimar, wurde er drei Jahre, bis zur Befreiung, gefangen gehalten. „Anfangs habe ich noch gedacht: Blumen und Gras – das ist doch hier besser als im Zuchthaus. Ich habe mich geirrt“, sagt Bychok, der noch heute regelmäßig am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers die Gedenkstätte aufsucht.

Sklavenarbeit, Krankheiten, Hunger und Ermordung

Ja, er habe viele Menschen zu Tode kommen sehen – durch die mörderische Sklavenarbeit, Krankheiten, Hunger und Ermordung. Eindringlich, so als sei es erst gestern passiert, beschreibt er die Ereignisse vom 24. August 1944, als die amerikanische Luftwaffe das KZ bombardierte. „Die Attacke galt eigentlich Anlagen der Nazis, bei dem Beschuss wurde jedoch vor allem unser Lager getroffen.“ Mehr als 1 000 Häftlinge hätten bei dem Angriff ihr Leben verloren.

Auch auf Ilse Koch, die Frau des Lagerkommandanten, berüchtigt als Quälerin und Totschlägerin von KZ-Häftlingen, kommt Alexander Bychok zu sprechen. Es sind erschütternde Ausführungen wie diese, durch die die Schüler ein ganz anderes Gefühl für die Zeit des Nationalsozialismus bekommen als aus dem Geschichtsbuch.

Freundschaften machten Hoffnung

Was ihm während seiner Internierung Hoffnung gegeben habe, will ein Schüler wissen. „Die Freundschaft zu anderen Häftlingen“, sagt Bychok, „und die damit verbundene Hilfe untereinander.“ Auf die Frage, ob die für all die Gräueltaten Verantwortlichen bei den Nürnberger Prozessen ihrer gerechten Strafe zugeführt worden seien, sagt er nur: „Was sie verdient haben, das haben sie auch bekommen.“

Für ihn sei es ein Geschenk, heute vor jungen Menschen über seine Vergangenheit reden zu können. Sein Wunsch: „Ihr dürft eure Geschichte nicht vergessen.“ Und bevor er sich in seiner Sprache mit einem „Spasibo!“ (zu Deutsch: „Dankeschön“) von den Eichenschülern verabschiedet, hat er für sie doch noch einen ermutigenden Tipp parat: „Lebt in euren Träumen, macht, was ihr euch wünscht – ihr habt ein gutes Vaterland.“

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