„Kein Tag ist wie der andere“

Ehemaliger Westerholzer ist Skipper auf dem einzigen Viermaster in den Niederlanden

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Arbeitsplatz und Zuhause in einem: Jonathan Wahlers an Bord der „Summertime“.

Von Lars Warnecke Westerholz/Kampen  - Sanft gleitet die „Summertime“ durch das Wasser. Der Blick geht zum Mast und zu den Segeln, die ideal im Wind stehen. Es weht eine ordentliche Brise, das Schiff macht gute Fahrt. In Momenten wie diesen fühlt sich Jonathan Wahlers eins mit der Natur und den Elementen – draußen auf dem Ijsselmeer, dem größten See der Niederlande. Vor ein paar Jahren entschied sich der gebürtige Westerholzer dazu, auf dem Charterschiff anzuheuern. Heute ist der 22-Jährige dessen Skipper.

Herr Wahlers, Kapitän zu sein, ist für viele ein Kindheitstraum. War es das für Sie auch? 

Jonathan Wahlers: Nein, damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Überhaupt hatte ich nie eine genaue Vorstellung von meiner Zukunft. Ich habe viel auf mich zukommen lassen, und letztendlich hat sich alles so ergeben. 

Aber zum Wasser haben Sie sich doch sicher schon früh hingezogen gefühlt, oder? 

Wahlers: Ja, ganz bestimmt! Wasser hat mich schon immer fasziniert. 

Wann sind Sie zum ersten Mal an Bord eines Schiffes gegangen? 

Wahlers: Gute Frage. Ich glaube in der Grundschule auf Klassenfahrt nach Amrum, aber vielleicht erinnern sich meine Eltern besser. 

Jetzt ist die „Summertime“ Ihre schwimmende Arbeitsstätte. Wie ist es dazu gekommen? 

Zur Person: Jonathan Wahlers (22) stammt gebürtig aus Westerholz. Heute lebt der ehemalige Eichenschüler in Kampen östlich des Ijsselmeeres. Nach dem Abitur im Jahr 2013 fiel ganz spontan die Entscheidung: Wahlers heuerte als Matrose auf der „Summertime“ an, ging zur Seefahrtsschule in den Niederlanden – und heute ist der leidenschaftliche Windsurfer und Globetrotter Chef auf dem 50 Meter langen und fast sieben Meter breiten Großsegler.

Wahlers: In der neunten Klasse war ich auf dem Ijsselmeer auf Klassenfahrt segeln. Die Woche hat mich so gepackt, dass ich damals schon gesagt habe, dass ich nach der Schule auch mal segeln will. Gesagt, getan. Einen Job zu finden war einfacher als gedacht, und so konnte ich direkt nach dem Abitur auf der „Summertime“ als Matrose anfangen zu arbeiten. Es hat natürlich einige Zeit gedauert, bis man die Handgriffe gelernt hat und schon schnell habe ich mich entschieden, noch eine zweite Saison auf dem Schiff zu bleiben. Nach ewigem Hin und Her habe ich die Pläne eines Studiums in Deutschland verworfen und mich im Winter 2014/15 für die Seefahrtschule in Enkhuizen eingeschrieben. Das war gar nicht so einfach, aber nach meinem dritten Jahr als Matrose hatte ich genug Fahrzeit gesammelt und meine Skipperpapiere bekommen. Und da zur gleichen Zeit die Stelle als Skipper auf der „Summertime“ frei wurde, konnte ich direkt übernehmen. 

Was mussten Sie denn überhaupt mitbringen, um Skipper zu werden? 

Wahlers: In den ersten Jahren gute Laune, Motivation und keine Angst vor Saisonarbeit. Später war vor allem die Bereitschaft, eine große Verantwortung zu übernehmen.

Erzählen Sie uns etwas über das Schiff und seine Geschichte ...

Wahlers: Die „Summertime“ ist als einziger Viermaster der Niederlande auf dem Ijsselmeer als Traditionssegler unterwegs. Wir fahren vom Frühjahr bis Herbst mit bis zu 40 Schlafgästen aus Kampen raus, auch auf die niederländischen Wattenseeinseln. Das Schiff wurde schon 1937 als Motorfrachtschiff für die Fahrt auf dem Rhein gebaut. Im Zweiten Weltkrieg sogar gesunken, wurde es im Laufe der Jahre mehrmals verkauft, verlängert und schließlich im Jahr 2000 vor der Verschrottung bewahrt. Der jetzige Eigner hat die Schönheit des Rumpfes erkannt und so aus dem Frachtschiff in zwölf Monaten ein Segelschiff mit traditioneller Takelage gebaut.

Was ist Ihr Lieblingsziel? 

Wahlers: Die wunderschönen Wattenseeinseln! Oft bleiben wir einen Tag liegen und dann hat man ein bisschen Zeit für einen Strandtag oder zum Makrelen-Angeln auf der Nordsee.

Was machen Sie an Bord genau? 

Wahlers: Die Arbeit ist sehr vielfältig. Mein Tag beginnt immer mit dem Checken der Maschinenkammern, das ist Routine. Danach ist jeder Tag anders. Natürlich ist man viel draußen, plant wetterabhängig in enger Absprache mit den Gästen die Routen, navigiert und steuert. Neben dem täglichen Segeln ist man auch Gastherr und probiert jeder Gruppe eine unvergessliche Zeit auf dem Wasser zu bieten. Auch der Unterhalt des Schiffes erfordert viel Zeit – neben alltäglichen Reparaturen wird vor allem im Frühjahr und Winter ordentlich gepinselt und gelackt. In den Niederlanden gibt es das Sprichwort „Koop een boot, werk je dood“. Da ist schon etwas dran: Wenn man vorne fertig ist, kann man hinten wieder anfangen. 

Haben Sie auch mal Heimaturlaub?

Wahlers: In der Hauptsaison von Mai bis September gibt‘s nur für echt wichtige Sachen mal einen Tag frei. Zum Glück werde ich oft von Familie und Freunden besucht. Die angesammelten Urlaubstage werden im Winter dann verbraucht, dann geht’s auch mal länger weg auf Reisen. 

Die „Summertime“ ist der letzte Viermaster, der unter niederländischer Flagge segelt.

Was ist für Sie das ultimative Segelgefühl? 

Wahlers: Wenn aus einer Gruppe, die ohne Vorkenntnisse an Bord kommt, nach ein paar Tagen ein richtiges Team wird und alle mit anpacken. Das ist ein tolles Gefühl, einer Gruppe wirklich etwas mitgeben zu können. Segeln geht nur im Team, alleine ist das unmöglich. 

Säßen Sie statt auf einem Segelschiff auch mal gern auf einem richtig dicken Pott, beispielsweise auf der Brücke eines Kreuzfahrtschiffes? 

Wahlers: Um mal zu gucken wie das so ist – na klar, warum nicht. Aber sehr unwahrscheinlich dass ich dort länger bleiben würde. 

Haben Sie einen Lieblingsplatz auf der „Summertime“? 

Wahlers: Ganz viele! Auf dem Hinterdeck ist es schon besonders schön, aber auch oben im Mast hat man eine unglaubliche Aussicht. 

Was empfehlen Sie jemandem, der mit dem Segeln beginnen oder sich weiter entwickeln möchte? 

Wahlers: Einfach mal im Urlaub, wenn man am Meer ist, eine ganz kleine Jolle mieten für einen halben Tag. Das macht Riesenspaß und man lernt ganz schnell das Prinzip vom Segeln. 

Hat man als Skipper eigentlich einen besonderen Schlag bei Frauen? 

Wahlers: (lacht) Nein, ich trage ja auch keine schicke Uniform ... 

Wenn Geld keine Rolle spielte, wie sähe Ihre seglerische Zukunft aus? 

Wahlers: Dann würde ich ein eigenes Schiff bauen und damit die Welt erkunden. Skandinavien und Richtung Arktis, das ist ein wunderschönes Fahrgebiet.

Kapitän oder Skipper?

Im englischen Sprachraum werden beide Begriffe gleich gehandelt. Im deutschen Raum sind Skipper eher in der Sportschifffahrt angesiedelt. Ähnlich wie in der professionellen See- und Binnenschifffahrt der Kapitän, ist auf dem Segelboot oder der Yacht ein Skipper der verantwortliche Mann an Bord. Er übernimmt die gesamte Verantwortung für das Boot und die Crew und haftet im Notfall auch zivil- und strafrechtlich. Er führt das Logbuch, die Crewliste und die Bordkasse. Er organisiert den technischen Ablauf. Oberste Priorität hat für den Skipper also der Punkt Sicherheit, auch wenn das Spektrum der Aufgabenstellung außerordentlich vielfältig ist.

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