Anja Schürmann über familiäre Rollenbilder in der Coronakrise

„Der Druck ist enorm gestiegen“

Viele Arbeitgeber haben dafür Verständnis, wenn die Mutter zu Hause bleibt, der Vater aber soll normal weiter arbeiten. Anja Schürmann findet das nicht in Ordnung.

Wittkopsbostel – Die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros Niedersachsen befürchtet, dass sich durch die Coronakrise wieder traditionelle Rollenbilder verfestigen: Die Mutter kümmert sich zu Hause um ihre Kinder, ist im Homeoffice, der Vater geht wie gewohnt zur Arbeit. Dass das Patriarchat nun wieder mehr Einzug in den Haushalten halten könnte, sieht Anja Schürmann (43) aus Wittkopsbostel mit Sorge. Wir haben uns mit der Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Scheeßel zu dem Thema unterhalten.

Frau Schürmann, früher beschrieben die drei K – Kinder, Kirche, Küche – die soziale Rolle der Frau. Sind es momentan die drei H – Homeoffice, Homeschooling, Housework?

In den Bereichen, in denen für die Frauen Homeoffice möglich ist, ja. Es sind immer noch eher die Frauen, die sich um die Hausarbeit kümmern und im Moment auch darum, dass die Kinder ihre Aufgaben machen. Allerdings arbeiten ja eher Frauen in den jetzt systemrelevanten Berufen wie Einzelhandel und Pflegeberufen. Das heißt, sie arbeiten ihre Stunden – vielleicht mehr als normalerweise, kommen nach Hause, beschulen ihre Kinder und dann kümmern sie sich auch noch um das Home Sweet Home.

Das war zuvor doch sicher schon eine hohe Belastung.

Und nun ist sie für viele noch größer geworden. Natürlich gibt es auch Familien, in denen die Eltern als Team agieren. In der sowohl das Kindervergnügen als auch das „bisschen Haushalt“ untereinander aufgeteilt ist. In denen sich beide darum bemühen, ihre Arbeitszeiten so aufzuteilen, dass niemand zu kurz kommt.

Aber hier kommt doch sicher noch jemand ins Spiel – und zwar der Arbeitgeber.

Ja, der oder die muss leider immer auch noch mitspielen. Und auch jene, bei denen es andersherum ist. Sie arbeitet Vollzeit weiter und er war sowieso schon zu Hause oder hat sich viel daheim eingebracht. Aber um die, bei denen es gut läuft, soll es heute nicht gehen.

Welche Rolle spielen Alleinerziehende in diesem Zusammenhang? Jene, die nun alles irgendwie alleine wuppen müssen – Beschulung, Arbeit oder keine Arbeit und Haushalt?

Auch wenn sie das immer schon mussten, ist natürlich auch bei ihnen der Druck beziehungsweise die Anforderung enorm gestiegen. Das darf nicht vergessen werden. Wenn dann auch noch finanzielle Sorgen dazukommen, ist das nur sehr schwer auszuhalten. Im Grunde passt diese Gruppe in das folgende Szenario: Sie arbeitet im Online- Kundendienst, er im Handwerk. Mit der einzigen Ausnahme, dass sie 24 Stunden wirklich alleine für alles die Verantwortung trägt. Die Angestellte im Online-Kundendienst kann zumindest kurzzeitig den Vater noch mit ins Boot holen.

Welche Gründe vermuten Sie hinter dem Umstand, dass viele Frauen in der Corona-Krise gleichzeitig im Homeoffice arbeiten und die Kinderbetreuung übernehmen?

Wenn denn Homeoffice überhaupt möglich ist. Gehen wir mal davon aus, der Vater arbeitet Vollzeit – zum Beispiel im Handwerk. Die Mutter arbeitet Teilzeit in einem Bekleidungsgeschäft als Verkäuferin. Zusammen haben sie zwei Kinder im Grundschulalter. Dann finde ich es logisch, dass die Mutter in normalen Zeiten sich mehr um Kinder und Haushalt kümmert als der Vater, denn sie ist ja theoretisch mehr zu Hause, hat einen geringeren Verdienst als ihr Partner. So weit so normal. Nun kommt die Krise. Er arbeitet weiter. Sie bleibt zu Hause, denn ihr Bekleidungsgeschäft musste geschlossen bleiben. Da es ja schon immer ihr Job war, sich um alles zu kümmern, tut sie das auch weiterhin. In der ersten Zeit, als sie nicht arbeiten musste, war ja auch alles gut. Nun darf sie wieder arbeiten, hat ja immer noch zwei Grundschulkinder zu Hause, die außerdem auch noch beschult werden müssen und eventuell noch betreut, wenn sie zur Arbeit geht. Das muss organisiert werden. Für ihn ändert sich gar nichts – für sie schon. Ist sie zudem noch im Homeoffice, weil sie keine Verkäuferin, sondern vielleicht im Online-Kundenservice arbeitet, ist sie die ganze Zeit zu Hause und muss versuchen, ihre Aufmerksamkeit aufzuteilen zwischen Kind eins, Kind zwei, ihrem Chef, den Online-Kunden – und ach: Essen soll es ja auch noch geben. Für ihn ändert sich wieder nichts, für sie alles..

Handelt es sich Ihrer Meinung nach hierbei um eine mehr oder weniger offene gesellschaftliche Erwartungshaltung oder stehen finanzielle Gründe für die Familien im Vordergrund?

Beides. Wie schon erwähnt, ist es natürlich oftmals eine finanzielle Entscheidung, wer zu Hause bleibt und wer weiterarbeiten geht. Das fängt ja schon bei der Elternzeit an. Viele Väter würden sehr gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Viele sagten mir, dieser eine Monat sei der beste ihres Lebens gewesen – aber sie könnten es sich nicht leisten. Entweder spielt eine der beiden Arbeitgebenden nicht mit oder es ist von vornherein klar: Wer weniger verdient bleibt zu Hause beim Kind – Punkt!

Was können und was müssen Arbeitgeber in dieser Zeit denn tun, um im Homeoffice die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen?

Die Anforderungen senken! Wenn ich normalerweise einen Acht-Stunden-Tag habe, ist dies mit kleineren Kindern zu Hause zum Beispiel gar nicht zu bewerkstelligen. Da wird es solche und solche Tage geben. Ich denke, wenn die Arbeitgebenden Flexibilität und Gelassenheit ausstrahlen, ist schon den meisten geholfen. Und wenn sie schon einmal dabei sind, könnten sie auch gleich mal mit darüber nachdenken, jungen Eltern in Zukunft eine flexiblere Wochenstundenzahl zu ermöglichen. In den meisten Berufen ist das sehr gut umsetzbar und ich verstehe nicht, weshalb hier noch nicht weiter angesetzt und verändert wurde. Einige Firmen haben dies aber schon mit Erfolg umgesetzt.

Was würden Sie Frauen/Familien empfehlen, um diese Doppelbelastung zu reduzieren?

Durchatmen. Regeln aufstellen – und zwar Solche, die den Tag strukturieren. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Kinder schon so groß sind, dass sie dies verstehen. Mit dem Partner besprechen, was er übernehmen kann und hinnehmen, wenn er Dinge anders löst, als sie selbst. Oder klären, ob er anders arbeiten kann. Mit dem Vorgesetzten sprechen. Solche Überbelastungen sind zurzeit ja keine Einzelfälle. Das sollte jeder Vorgesetzte nachvollziehen und auch umsetzen können. Beratungsstellen in Anspruch nehmen – die Nummern gehen zurzeit ständig durchs Netz. Einen Freund oder eine Freundin anrufen. Auch mal laut zu jammern, wenn jemand zuhört, das hilft. Und das tun mehr Menschen, als man es sich vielleicht vorstellen kann. Für arbeitende Alleinerziehende sollte es zudem möglich sein, für die Kinder bei den Notbetreuungen berücksichtigt zu werden. Und zwar nicht als sogenannter Härtefall, sondern obligat.

Welche Rückmeldung zur aktuellen Situation erhalten Sie, die Gleichstellungsbeauftragte, von Frauen und Betrieben?

Oh, die sind ganz unterschiedlich. Einige freuen sich über die Zeit, die Ruhe, die sie haben. Andere fallen in ein Loch, weil der menschliche Kontakt, der Ausgleich fehlt. Sie sind gefangen in ihrer Situation, fühlen sich einsam und alleine. Einige haben mit ihren Chefs gesprochen und Lösungen gefunden. Eine hat mir besonders gefallen: Die Mutter fängt eine Stunde eher an zu arbeiten und ist eine Stunde eher zu Hause. Er macht morgens Homeoffice, während die Kinder mit am Tisch sitzen und ihre Aufgaben machen. Wenn sie zu Hause ist, fährt er los zur Arbeit. Bis auf das Kontaktverbot bleibt es hier also in diesem Fall nahezu normal. Und dann sind da noch die Ängste vor Entlassungen und Auftragsverlusten, Kurzarbeit, der ganze Papierkram – auf beiden Seiten.

Befürchten Sie, dass Betriebe aus der Corona-Krise den Schluss ziehen, dass Frauen durch die Doppelaufgabe in der Familie langfristig bei Einstellungen und Beförderungen benachteiligt werden?

Ja, ich vermute, da wo jetzt hauptsächlich Männer arbeiten und die Frauen zu Hause, werden die Frauen wieder benachteiligt. Denn die Männer waren ja da und haben zusammen mit dem Chef die Firma durch die Pandemie gesteuert.

Welche Chancen bietet die aktuelle Situation den Frauen?

Ich glaube, dass Berufe, die im Durchschnitt eher von Frauen ausgeübt werden, mehr Respekt und Anerkennung erhalten werden und somit einen höheren Verdienst. Auch gehe ich davon aus, dass sich diese Situation so, wie sie jetzt ist, noch sehr lange hinziehen wird – so schrecklich es auch klingen mag. Es ist also von allen ein Umdenken und ein schnelleres Umsetzen erforderlich. Und ich appelliere an dieser Stelle, dass bei welchen Strategiesitzungen auch immer, Frauen mit dabei sind. Und hier bin ich dann auch mal für eine Frauenquote. Wenn nur Menschen zusammensitzen und Strategien entwickeln, die alle im Durchschnitt die gleiche Herangehensweise haben, wird das Ergebnis meiner Meinung nach sehr einseitig und niemals für die meisten der Menschen um uns herum passend sein.

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