Eichenring wird am Wochenende Pilgerziel von Festivaljüngern

Dosenbier zum Martinshorn

Für diese Gruppe aus Scheeßel gehört das Hurricane zum Ferienanfang. 
Fotos: Heyne
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Für diese Gruppe aus Scheeßel gehört das Hurricane zum Ferienanfang. Fotos: Heyne
  • Ulla Heyne
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Scheeßel ��� Samstagnachmittag auf der Landstraße am Scheeßeler Eichenring: Sonne, leichte Blumenkohlwolken, angenehme 22 Grad – eigentlich das perfekte Festivalwetter. Doch der Eichenring ist verwaist, nur ein Graswender zieht seine Runden auf dem Feld, wo sonst die Zelte des Luxusressorts aufgebaut sind. Gegenüber, sonst Standort des „Scheeßeler Hügels“, lugt der Mais schon aus der Erde. Ein Bussard verjagt zwei Saatkrähen, die in seinem Revier über dem abgemähten Gras kreisen.

So weit, so idyllisch – wären da nicht die Bässe eine Boombox, die von einer Sechser-Gruppe im besten Alter gezogen wird. Kuchen, Hund, Plastikgitarre, Frikadellen und natürlich auch Flüssiges – der Trupp aus der Ostlandsiedlung ist gut gerüstet. Für Marie-Kristin Schröder-Koch und Sandra Maskus läutet das Hurricane die Urlaubsaison ein. Zumindest „einmal gucken“ wollen sie und ihre Begleiter. Später wartet der geschmückte Garten mit „Titty-Twister, VIP-Lounge und Bio-Klo“, wie die beiden gut gelaunt versichern. Sie hoffen, dass der Livestream des Veranstalters an diesem Abend technisch reibungsloser über die Bühne geht als gestern.

Sie sind beileibe nicht die einzigen, die ein wenig Festivalluft schnuppern wollen. Fahrradfahrer, Spaziergänger, Autos - zwei Familien machen mit ihren Kindern ein Picknick, Wolldecke und Reiswaffeln inklusive. „Nächstes Jahr fahr ich mit dir Samstagmittag diesen Weg“, verspricht eine Mutter ihrem schätzungsweise Fünfjährigen. „Warum nicht eher?“, will der wissen. „Da bin ich noch nicht wieder fit!“ Der Versuch, den Standort der Green Stage zu orten, scheitert. Auch auf dem Infield bleibt es nicht lange ruhig: Nach wenigen Minuten fährt eine Karawane Autos hinein; ein Gebrauchshundeverein nutzt den Platz fürs Training. Ein SUV gibt neben den Picknickern nochmal ordentlich Gas – vom Staub sollen alle etwas haben.

Detlev Kaldinski hat gerade mit dem Rad gerade das Gelände umrundet. Trauerarbeit für den ehemaligen Pressesprecher der Polizei? „Iwo – „ich bin ja schon seit ein paar Jahren raus.“ Der Livestream gestern hat ihm gut gefallen; – heute Abend läuft er wieder. Auch Rainer Bassen ist mit dem Velo unterwegs. „Wenigstens muss man dieses Jahr nicht auf 20 drosseln“, frotzelt er in Anspielung auf die von Anwohnern umstrittene Temporeduzierung.

An der Straße gegenüber dem ehrwürdigen Tor, an den jemand das Schild mit „RIP (?)“ angebracht hat, wird auffällig oft gehupt. Schuld könnte ein Banner sein: „Ihr hupt, wir trinken“, das vor einer Gruppe Jugendlicher auf Campingstühlen steht. Rund 50 Prozent der Fahrer machen den Spaß mit. Es dauert nicht lange, da halten zwei Polizeiwagen. „Endlich“, meint Julian Frey fast triumphierend“, ich habe gewettet, dass die spätestens nach 40 Minuten kommen, und nun sind wir schon viereinhalb Stunden hier!“ Er, Kay Gohr, ebenfalls 22, und vier bis sechs Mitstreiter – die Zahl variiert immer mal wieder – sind mit dem Rad aus Tostedt da, „allerdings die erste Strecke mit der Bahn“. Sie wollen hierbleiben, „bis es nicht mehr schockt oder die Rucksäcke leicht sind.“

Einer der drei Polizisten lobt die jungen Leute erst mal: „Vorbildlich, vor allem der Abstand – allerdings haben Euch gestern Abend welche die Tour versaut und ihren halben Hausstand hier gelassen.“ Neben Müll seien auch Grills und Pavillons liegen geblieben. Nachdem die Personalien je eines freiwilligen „Müllverantwortlichen“ pro Gruppe aufgenommen wurden, kommen die Beamten der Bitte der Tostedter nach und schalten kurz das Martinshorn ein – schon das Highlight dieses sonst eher ereignislosen Tages. Eben haben sie zwei Wohnmobilisten aus Lippstadt – die beiden Rentner waren schon 1973 und 1977 dabei und hatten jede Menge Geschichten im Gepäck. Die meisten Nummernschilder sind von hier – aber auch ein Mobilheim aus Aurich ist dabei – der Webergrill könnte eine ganze Meute satt machen. Daneben hat ein Pärchen es sich mit Campingtisch und Gesellschaftsspiel gemütlich gemacht.

Die Sonne steht schon tief; dies wäre eigentlich der Zeitpunkt, an dem die ersten Headliner die Grüne und Blaue Bühne rocken. Ein Quadfahrer hat seinen großen Auftritt – wieder sind die Menschen, die am Rand des Rings sitzen und mit einer Mischung aus Wehmut und Entspannung über den Zaun ins Infield schauen, im hochgewirbelten Staub nicht mehr auszumachen. Die Tostedter vereiteln eine Runde Frisbee im Mais, dafür werden schon bald die Dosen beim Flunkyball gestürzt. Die beiden Ostfriesen preisen einem anderen Besucher auf Englisch die Vorteile des Turbo-Grills an – selbst in dieser Situation werden Kontakte geknüpft. Eine letzte Sanddusche (die Gebrauchshunde haben Feierabend), jetzt nach Hause zum Livestream – aber vorher: Selfies hochladen!

Nach Aufnahme der Personalien durch die Polizei darf weitergefeiert werden.
Auch ohne Festival gibt es kreative Schilder.

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