Serie „Zukunft der Dörfer“ (Folge 4)

Dr. Karsten Müller-Scheeßel zu Besuch in Sothel

Sothel - Von Karsten Müller-Scheeßel. Wie gehen die Menschen mit sinkenden Einwohnerzahlen in ihrem Dorf um? In einer lockeren Serie stellen wir Ortschaften in der Gemeinde Scheeßel vor, die auf höchst unterschiedliche Art und Weise vom demografischen Wandel betroffen sind und sich dieser Entwicklung stellen.

In der neusten Folge widmet sich Gemeindearchivar Dr. Karsten Müller-Scheeßel einer Ortschaft, die nicht einmal 200 Einwohner hat und am nördlichen Rand der Einheitsgemeinde liegt: Sothel.

Egon Funke, 2011 verstorbener Sotheler Naturfreund und Jäger, machte seinem Dorf eine gereimte Liebeserklärung:
Sothel – lütt Dörp –
in di lett siek’t leben,
Büst inromt von Ackerland, Moor, Wischen und Weiden,
dat Gras is so grön – so geel de Botterblomen dortwüschen,
so witt de Barken in’t Moor, keen Moler künn Farben beeter mischen…
Un wenn de Wind öber dat Korn hinweiht, dann ward mi eegen, ick
kannt nich beschrieben, ick föhl blos mien Hart ward so warm, un ick
weit, hier müch ick blieben.

Machte Liebe auch Egon Funke blind? Ist Sothel tatsächlich eine Idylle, eine heile Welt, in der es sich zu leben lohnt? Ortsvorsteher Günter Bassen, mit dem ich mich im Gasthof „Zur grünen Eiche“ in der Dorfmitte getroffen habe, ist da deutlich nüchterner: „Sothel ist weiß Gott nicht der Nabel der Welt.“ Das sei aber nicht schlimm, weil Nabel der Welt zu sein, nicht unbedingt Zufriedenheit auslöse. Aus den gegebenen Bedingungen das Beste für die Menschen im Dorf zu machen, darauf komme es an. „Verliebt“ ist er ebenso wie der Dichter.

Sothel von oben: Das kleine Dorf zählt 195 Einwohner. Von denen sind 150 im Schützenverein.

„Lütt Dörp“ heißt es im Gedicht, und das ist Sothel tatsächlich. Mit zurzeit 195 Einwohnern ist es mit Abstand das kleinste unter den elf zur Einheitsgemeinde Scheeßel gehörenden Dörfern. Nur in Ostervesede ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung mit 47 Jahren genauso hoch wie hier (Bundesschnitt: 44). Der Anteil von Kindern und Jugendlichen von 0 bis 18 Jahren liegt bei etwa 15 Prozent (Bundesschnitt: circa 17,5). Kein Wunder, dass Sothel angesichts dieser Situation weder Sportverein noch Kindergarten oder sogar eine Schule hat.

Dafür hat es einen Schützenverein, der mit gut 150 mehr Mitglieder hat als der Verein in Scheeßel. Es hat einen Gasthof mit Platz für bis zu 100 Menschen, der sowohl Dorfkneipe wie beliebter Anlaufpunkt für Gäste weit über Sothel hinaus ist. Vier landwirtschaftliche Voll- und zwei Nebenerwerbsbetriebe prägen den Dorfcharakter. Und auch gewerbliche Betriebe fehlen nicht: Neben einem Betrieb für Lüftungstechnik genießen der Maurerbetrieb Tietjen mit 17 und die Hausschlachterei Miesner mit gut 20 Mitarbeitern einen guten Ruf über Sothel hinaus. Sothel liegt zwar für sich, aber keineswegs in der Pampa: Nach Scheeßel und Sittensen sind es acht Kilometer, zu den Autobahnauffahrten nach Hamburg (Sittensen) und Bremen (Elsdorf) nicht mehr.

Sothel stellt sich den gegebenen Bedingungen und macht daraus das Beste. Seiner Einwohnerzahl wegen hat es bewusst auf die Bildung eines Ortsrats verzichtet und hat als Mittler zwischen dem Rathaus in Scheeßel und den Menschen im Dorf „nur“ einen Ortsvorsteher, der gleichzeitig zusammen mit Artur Lempert von den Grünen Ratsherr der Einheitsgemeinde Scheeßel ist. Zweimal im Jahr, im Februar zu Lichtmess und im Oktober, lädt Ortsvorsteher Bassen zu Einwohnerversammlungen in die „Grüne Eiche“ ein. Dazu sollte, so sein Ziel, je Briefkasten im Dorf mindestens ein Vertreter erscheinen.

Der Gasthof „Zur grünen Eiche“ ist Dreh- und Angelpunkt des Sotheler Dorfgeschehens und zieht auch Menschen von außerhalb an.

Und das klappt: 60 bis 70 Einwohner jeweils lassen sich die Chance, ihre Anliegen vorzubringen und basisdemokratisch mitzubestimmen, nicht entgehen. Aus dem vermeintlichen Nachteil einer niedrigen Bevölkerungszahl macht man so politisch gesehen einen Vorteil. Um unvorhergesehene Fragen und Probleme nicht allein beantworten und lösen zu müssen, hat Ortsvorsteher Bassen einen kleinen und durch die Einwohnerversammlung gewählten Personenkreis um sich geschart.

So wie man politisch anstehende Aufgaben und Fragen gemeinsam zu lösen versucht, so setzt man auch sonst in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt, auf die Gemeinschaft. Wer neu ins Dorf kommt, sollte, wenn er dazugehören will, in irgendeiner Weise mitmachen. Es wird respektiert, wenn jemand nicht dazu bereit ist. Er isoliert sich eher selbst, als dass er ausgeschlossen wird, wie das in früheren Zeiten hätte sein können, in denen die soziale Kontrolle in kleinen, abgelegenen Dörfern groß und die Mobilität gering war.

Wer in Sothel dazugehören möchte, kommt um den Schützenverein kaum herum. Das geht schon aus dessen Mitgliederzahl von gut 150 bei nur 195 Einwohnern hervor. Vom Alter von zehn Jahren an kann man in den Verein eintreten und fast jeder tut es. Sothel ist sozusagen ein einziger großer Schützenverein. Kaum etwas im Ort geht ohne und schon gar nicht gegen ihn. Den Laternenumzug für die Kinder und das Osterfeuer organisiert die Feuerwehr, Dorffest und den offenen Adventskalender alle Bürger.

Das Schützenfest am ersten Wochenende im Juli und das Erntefest im September sind die Veranstaltungshöhepunkte des Jahres, an denen bis heute das gesamte Dorf beteiligt ist. Für die nicht wenig aufwendige Organisation des Dorffestes im September hat man übrigens eine sehr vernünftige Regelung gefunden. Ein von Jahr zu Jahr anderer Straßenzug ist verantwortlicher Ausrichter. Das sorgt auch für neue Ideen. Und neben den Schützen gibt es vereinsähnlich nur noch die Feuerwehr, die mit gut 40 Mitgliedern, von denen 35 aktive Feuerwehrleute sind, in Relation zur Einwohnerzahl hervorragend dasteht.

Karsten Müller-Scheeßel

Fast selbstverständlich gehören die jungen Leute im Dorf bei allen Veranstaltungen und Festen dazu. Sie organisieren darüber hinaus eigene Kohl- und Boßeltouren, helfen den Friedhof zu pflegen, pflanzen Pfingstbäume für die Selbstständigen und Meister im Dorf. Vorkonfirmanden und Konfirmanden besuchen in der Adventszeit als „kleine Weihnachtsmänner“ verkleidet die Lütten und erkundigen sich bei ihnen, ob sie denn das Jahr über artig waren, um den „großen Weihnachtsmann“ berichten zu können. Der geringen Zahl von Kindern und Jugendlichen wegen müssen Bildungs- und Vereinsangebote außerhalb wahrgenommen werden. Daran ist man in Sothel seit langer Zeit gewöhnt. Kindergarten und Grundschule werden im fünf Kilometer entfernten Hetzwege, weiterführende Schulen in Scheeßel besucht. Vereinsangebote werden vornehmlich in Scheeßel, aber auch in anderen Dörfern wahrgenommen. Aber nicht nur die jungen Leute orientieren sich bei allem Eingebundensein in die dörfliche Gemeinschaft bewusst über Sothel hinaus. Sogar der Schützenverein ist sich selbst nicht genug. Im Rahmen der insgesamt sieben Bruchdörfer pflegt man den Zusammenhalt mit den dortigen Vereinen. 2016 schloss das Dorf eine Partnerschaft mit der 1. Kompanie des Jägerbataillons 91 in Rotenburg, um die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft zu würdigen, Freundschaften entstehen zu lassen und den Sothelern direkte Einblicke zu ermöglichen. Landwirt Hilmer Vajen ist Vorsitzender des besonders mit seinen Fortbildungsangeboten rührigen landwirtschaftlichen Vereins Scheeßel. Sein Berufskollege Kester Mahnken ist Aufsichtsrat des Vereins zur Förderung der bäuerlichen Veredelungswirtschaft (VzF) mit seinem Hauptsitz in Uelzen. Das Baugeschäft Tietjen, die Hausschlachterei Miesner und der Gasthof „Zur grünen Eiche“ müssen schon zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen Existenz ihren Blick über das Dorf hinaus richten.

In einer Zeit, in der der Beruf des Hausschlachters so gut wie ausgestorben ist, ist der Miesnersche Betrieb ein Unikat in zeitgemäßem Gewand. Zwar kann man auch ein selbst aufgezogenes Schwein in Sothel schlachten lassen, leben kann Bernd Miesner davon jedoch nicht. Er kauft vielmehr Schweine und Rinder in ausgewählten Betrieben der Region und füttert sie in seinen eigenen Ställen bis zur Schlachtreife. Neu ist ein Automat, in dem für jeweils 24 Stunden ein Teil seines Angebots frisch bezogen werden kann. Man muss sich eben etwas einfallen lassen, wenn man auch ab vom Schuss zurechtkommen will.

Im Gasthof „Zur grünen Eiche“ findet so gut wie alles statt, was es im Dorf zu feiern gibt. Man mag sich nicht ausdenken, wenn es diesen Dorfmittelpunkt nicht gäbe. Die Schützenhalle und „Garbers Hus“, ein von Hans-Dieter Gerken eingerichtetes Fachwerkhaus, das er der Dorfgemeinschaft und besonders den jungen Leuten für Treffen zur Verfügung stellt, könnten den Gasthof nicht ersetzen. Von selbst und allein aus dem Dorf heraus hätte die „Grüne Eiche“ keine Zukunft gehabt. Wichtigste Investition von Seniorchef Johann Miesner war der Anbau eines Raumes für bis zu 100 Menschen, bestens geeignet für Familienfeiern aller Art. Der zieht Gesellschaften weit über Sothel hinaus an, sichert die Existenz der Inhaber und erhält dem Dorf seinen Gasthof.

Für die Erhaltung des Naturraumes um Sothel herum fielen in den vergangenen Jahren wichtige Entscheidungen. Die kanadische Erdölfirma PRD Energy, die in der Gemarkung Sothel bohren wollte, hat sich aus Deutschland zurückgezogen. Eine mögliche Abtorfung des Sotheler Moores wurde endgültig aufgegeben. Problem bleibt die Stromtrasse „Suedlink“. Wie weit sie Sothel betreffen wird, ist noch nicht endgültig entschieden.

Die Herausforderungen, vor denen Sothel steht, sind deutlich erkannt. Man ist optimistisch, sie erfolgreich bestehen zu können, damit es in Sothel weiter so bleiben kann, wie Ortsvorsteher Günter Bassen es sich wünscht: „Eine Gemeinschaft, die respektvoll miteinander umgeht, die sich nach außen präsentiert und viele Kontakte und Freundschaften in der Region pflegt und dort angesehen und anerkannt ist. Ein Dorf, in dem jeder gebraucht wird – die Kinder, die Jugendlichen, die Erwachsenen, wo ich auch noch geachtet werde, wenn ich alt und gebrechlich bin.“

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