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Erst die Stürme, jetzt der Käfer: Die Wälder leiden weiter

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Von: Ann-Christin Beims

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In den Wäldern ist noch Vorsicht geboten: Infolge der starken Stürme zuletzt sind viele Bäume entwurzelt und überall liegen abgebrochene Äste herum.
In den Wäldern ist noch Vorsicht geboten: Infolge der starken Stürme zuletzt sind viele Bäume entwurzelt und überall liegen abgebrochene Äste herum. © -

Die Stürme der vergangenen Wochen haben in den Wäldern einiges zerstört. Bevor die Temperaturen im Frühling klettern und sich der Borkenkäfer auf umgefallene Fichten stürzt, müssen die weggeräumt sein – eine Herausforderung für die Forstverantwortlichen.

Scheeßel – Würde der Mensch nicht eingreifen, würden heute in Mitteleuropa vermutlich hauptsächlich Buchenwälder stehen, erklärt Scheeßels Oberforstinspektor Ulf Wahlers. Denn die Rotbuche ist einer der häufigsten Laubbäume. „Sie ist sehr konkurrenzstark, sie überwächst und verdrängt alles andere“, so Wahlers bei einem kleinen Rundgang durch ein Waldstück des Scheeßeler Realverbandes. Jetzt ist die Buche zum Baum des Jahres 2022 gekürt worden.

Früher wurden Buchen vor allem für Brennholz entnommen. Eichen hingegen konnten stehenbleiben für die Schweinemast – so konnten die Tiere sich von den Eicheln ernähren. Wären die Buchen nicht entnommen worden, hätten sie die Eichen irgendwann verdrängt. „Reine alte Buchenbestände gibt es ohnehin kaum noch“, merkt der Bezirksförster an.

Teils sind auch Flächen verschwunden, um Nadelnutzholz zu produzieren. „Nadelholz ist unser Haupt-Bauholz, da wurden viele Flächen umgenutzt.“ Doch weil die Forstwirtschaft seit Langem weiß, dass Monokulturen Probleme mit sich bringen, soll bei Neuanpflanzungen gezielt gemischt werden. So soll das Gleichgewicht erhalten bleiben. Zwischen Fichte und Kiefer „gibt es immer noch einzelne Laubholzinseln, auch, weil es dazu gehört“, sagt der 36-Jährige.

Doch die Buche leidet, wie so viele andere Bäume auch, unter dem Klimawandel. Der macht den Wäldern stark zu schaffen – zumal die Veränderungen schneller voranschreiten, als mal angenommen, weiß Wahlers. Viele große, alte Buchen sind flächenweise einfach vertrocknet in den vergangenen Jahren. Hinzu kommt der gravierende Schädlingsbefall in den Wäldern: Borkenkäfer geben Bäumen dann den Rest. „Dieser befällt nur Bäume, die eine Vorschädigung haben“, erklärt Wahlers. Grundsätzlich nicht verkehrt, weil kranke Bäume auf diese Weise entnommen werden und gesunde mehr Platz haben. Das Totholz ist zudem ein wichtiges Habitat. „Aber wenn der Käfer in Massen auftritt, bringt er auch gesunde Bäume zum Absterben.“

Manche Bäume leiden unter Pilzbefall: Das Holz ist weich wie ein Schwamm.
Manche Bäume leiden unter Pilzbefall: Das Holz ist weich wie ein Schwamm. © Beims

So wird es auch in diesem Waldstück plötzlich sehr licht: eine große, kahle Fläche zeigt sich mittendrin, nur ein wenig Fichten-Naturverjüngung ist zu sehen. Der Borkenkäfer hat in den sehr heißen Sommermonaten der vergangenen Jahre deutlich seine Spuren hinterlassen. Hat ein Baum genügend Harz oder Saftstrom, kann er sich „wehren“ und ertränkt so den Käfer, der sich reinbohren möchte. Durch lange Trockenheit sind die Bäume aber „vorgeschwächt und haben keine Abwehrkräfte“, so Wahlers.

Kalamitäten, so nennen Förster Großschadenereignisse. Solche mit Borkenkäfern hat es schon immer gegeben. „Aber der Umfang und die Dynamik, die es jetzt angenommen hat, war verheerend.“ Nach heißen Jahren folgte oft der Ausgleich durch mildere Jahre – doch der fehlte zuletzt völlig.

Die starken Regenfälle der vergangenen Wochen sind nur bedingt eine Hilfe. Denn ist alles überschwemmt, können die Forstarbeiter nichts anpflanzen, weil sie nicht auf die Flächen kommen. Regnet es zum Frühjahr dann mehrere Wochen nicht, ist auch das fatal: Trocknen die Oberböden wieder aus, gelingt es nicht, neue Kulturen anzulegen. „Da können die jungen Bäume nicht reinwurzeln“, sagt er.

Dabei müssten gerade jetzt die befallenen Flächen neu bewaldet werden. Die Wetterprognose verheißt aber noch ein paar trockene Wochen. „Die Zeitfenster in der Pflanzperiode werden immer kleiner. Wir wollen hin zu mehr Mischbeständen, dafür müssen wir aktiv pflanzen“, sagt Wahlers und zeigt auf die jungen Fichten am Waldboden. „Wenn wir das nicht können, kommen wir irgendwann nicht mehr hinterher.“

Deswegen gehen die Forst-arbeiter immer mehr von Frühjahrspflanzungen weg und fangen schon im Herbst damit an. „Das Frühjahr zeigt mittlerweile zu viele Unsicherheiten.“

Dennoch hat der Regen dafür gesorgt, dass der Grundwasserspiegel wieder angestiegen ist und so alte Bäume wieder die Chance haben, an das Wasser zu reichen. Die Wälder haben über den Herbst und Winter eine „Atempause“ gehabt, sagt der 36-Jährige. Doch den jüngeren Bäumen bringt das nichts, da ihre Wurzeln nicht so tief reichen, ihre Versorgung ist nicht gewährleistet. Folgen zudem nach den Regenfällen nicht nur trockene Wochen, sondern Monate, sinkt der Grundwasserspiegel auch schnell wieder ab.

Ulf Wahlers kontrolliert die Bestände.
Ulf Wahlers kontrolliert die Bestände. © -

Die geballten Regenschauer haben aber auch für neue Probleme gesorgt: Die drei starken Stürme „Zeynep“, „Antonia“ und „Ylenia“ haben viele Bäume einfach entwurzelt. „Wären die Böden nicht so wassergesättigt gewesen, wäre wahrscheinlich nur die Hälfte gefallen“, mutmaßt Wahlers.

Vor allem die Fichten müssten nun zeitnah entnommen werden, um dem Borkenkäfer keine Brutstätten zu bieten, sagt Wahlers. „Deswegen liegt beim Aufräumen da unser Augenmerk, die müssen raus.“ Doch ob das rechtzeitig zu schaffen ist, weiß er nicht. „In der Borkenkäfer-Bekämpfung ist so ein später Frühjahrssturm fatal.“ Im schlimmsten Fall gibt es dann in den kommenden warmen Monaten wieder einen starken Befall. „Ein gestresster Baum riecht anders als ein gesunder – das riechen die Käfer.“ Und die Tiere entwickeln sich weiter, weiß der Lauenbrücker: In einigen Fällen haben sie schon Kiefer und Douglasie befallen. „Das hätte früher nie einer geglaubt.“

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