Von der Kirche zum Veerser Weg

Die Scheeßeler Friedhöfe verraten viel über die Entwicklung des Kirchspiels

Die Karte vom Scheeßeler Friedhof ist ein Original aus dem Jahr 1772.
+
Die Karte vom Scheeßeler Friedhof ist ein Original aus dem Jahr 1772.

Scheeßel – Bei Erdarbeiten für einen Anbau am Scheeßeler Rathaus sind die Arbeiter kürzlich auf menschliche Gebeine gestoßen. Der Fund ließ sich aber schnell aufklären: Im Bereich des Rathauses und auf dem Parkgelände dahinter hat sich bis 1885 ein Friedhof befunden. Es war die zweite in Scheeßel eingerichtete Begräbnisstätte.

Der „Plan des Scheesler Kirchhofes, wie solcher nach Verhältniß der Hauß-Stellen, durch die punctirten Linien, unter die gantze Gemeinde ist vertheilet worden“ zeigt den ersten Friedhof Scheeßels im Jahr 1772. Er hat uns viel über die Menschen, ihr Verhältnis zum Tod und über die Geschichte von Kirchspiel und Gemeinde Scheeßel zu erzählen.

Die Kirche steht bis heute im Zentrum Scheeßels und die Toten begrub man um sie herum, auf dem Kirchhof eben. Kirche und Gestorbene gehörten wie selbstverständlich zum Leben dazu. Beim sonntäglichen Gottesdienst konnte man immer auch Zwiesprache mit den eigenen Vorfahren halten. Dass der Tod zum Leben gehört, war allen Menschen bewusst, lag doch die Kindersterblichkeit noch weit bis in das 19. Jahrhundert bei 50 Prozent. Die Bewohner unserer Region lebten fast ausnahmslos von der Landwirtschaft und wussten nur zu genau, dass sie weder ihr Leben noch ihre wirtschaftliche Existenz in den eigenen Händen hielten. Sie waren fest überzeugt, dass sie höheren Beistands bedurften. Die Hausinschriften an älteren Bauernhäusern erbitten diesen Beistand und legen Zeugnis davon ab.

Der Plan vermittelt eindrucksvoll, welche Ausmaße das Kirchspiel Scheeßel damals und noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hatte. Vahlde gehört heute zur Kirche in Fintel, Lauenbrück bildet mit Helvesiek, Stemmen, Riepe, Huhnhorn, Griemshop, Rehr und Appel ein eigenes Kirchspiel.

Was nahmen die Menschen an Wegen auf sich, wenn sie sich zum sonntäglichen Gottesdienst nach Scheeßel aufmachten! Dem Plan können wir auch die damalige Größe der einzelnen Dörfer nachempfinden, weil die auf dem Friedhof für die einzelnen Dörfer reservierten Flächen sich nach der Zahl der Hausstellen richtete. Scheeßel hatte 41, Westervesede 30, Stemmen und Lauenbrück je 23. Insgesamt wurde Platz für 290 Hausstellen ausgewiesen bei einer Einwohnerzahl von 1 500 bis 2 000.

Der Zeit entsprechend spiegelt der Plan gesellschaftliche Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. Die Grafen Bothmer haben eine große eigene Grabstätte. Auch für den Organisten, den Gastwirt Stoltzen sowie den Scheeßeler Müller werden Plätze vorgehalten. Mit eigenen Ständen tauchen sie auch innerhalb der 1758 eingeweihten neuen Kirche auf. Man vermisst einen Begräbnisplatz für den Pastor. Der wurde bis 1797 in der Kirche beigesetzt. Pastor, Organist und Amtsvogt hatten übrigens auch ihren eigenen Zugang zum Kirchhof.

Auf einer Kopie der Karte ist eingezeichnet, welche Grabstellen welcher Ortschaft zugeordnet werden. Auch Familien hatten zum Teil größere Grabstellen.

Auffällig ist die Bezeichnung „Todten Thor“. Es war der Hauptzugang zur Kirche und spielte bei Beerdigungen eine besondere Rolle. War auf irgendeinem Hof des Kirchspiels jemand gestorben, dann wurde sein Leichnam auf dem Flett des Hauses vor dem Herdfeuer aufgebahrt. Dort nahmen die Bewohner des Dorfes Abschied. Der Lehrer würdigte das Leben des Gestorbenen. Danach bewegte sich der Trauerzug hinter dem Sarg auf einem Leiterwagen nach Scheeßel. Am Totentor empfing der Pastor den Zug und führte ihn zur Grabstätte auf dem Kirchhof. Nach Vaterunser und Segen wurde der Sarg in die Erde gelassen. Eine anschließende Predigt in der Kirche leisteten sich nur Wohlhabendere, denn dem Pastor stand eine Vergütung dafür zu.

Als im Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Bevölkerungszahl anstieg, wurde es eng auf dem Kirchhof. Pastor Johann Christoph Ungewitter schlug für einen neuen Kirchhof 1806 einen Platz im Bereich der heutigen Grundschule vor, stieß damit jedoch auf Ablehnung bei Amtsvogt Crome, dem höchsten staatlichen Beamten in Scheeßel. Der Streit eskalierte. Ungewitter behauptet, dass Crome aus privaten Interessen ablehne. Er wolle den vorgesehenen Platz selbst nutzen. Unterstützt würde er wohl durch seinen Schwager, den Kammerherren Oehlrichs in Hannover. In der folgenden unruhigen Zeit französischer Besetzung passiert nichts. Erst als 1839 die Amtsvogtei im heutigen Rathauspark abbrennt, kommt wieder Bewegung in die Friedhofsangelegenheit. Die Amtsvogtei wird in die Mühlenstraße verlegt und 1847 der neue Friedhof auf dem Gelände der alten Vogtei eingeweiht.

Auch hier reicht der Platz nicht lang. Bereits 1877 erwirbt die Gemeinde an Veerser Weg und Peterstraße ein Grundstück, das seit 1885 als dritter und nach wie vor bestehender Friedhof dient. Und obwohl von 1912 bis 1928 Friedhöfe in Lauenbrück, Stemmen, Helvesiek, Vahlde, Ostervesede und Westervesede entstehen, muss bereits 1931 der heutige Friedhof am Leehopweg eingerichtet werden. Heute haben alle elf zum Kirchspiel und zur politischen Gemeinde Scheeßel gehörenden Dörfer ihre eigenen Friedhöfe. Trauerzüge zur Kirche in Scheeßel sind Vergangenheit. Und ausreichend Platz dürfte auch deshalb vorhanden sein, weil sich Bestattungsgewohnheiten mit Urnenbestattungen und Friedwäldern geändert haben.

Bestattungsriten haben sich über Zeiten und Kulturen hinweg oft geändert. Möge ihr Kern erhalten bleiben, das Bewusstsein, dass der Tod zum Leben gehört.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Meistgelesene Artikel

Kommentare