Die neue letzte Ruhe

Die Trauerkultur verändert sich, auch in Scheeßel gibt’s eine zusätzliche Variante

Pastorin Johanna Schröder (v.l.), Renate Trau von der Friedhofsverwaltung und Kirchenvorstandsmitglied Friederike Mahnken freuen sich auf die Einweihung der nachhaltigen, naturnahen Urnenfelder.
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Pastorin Johanna Schröder (v.l.), Renate Trau von der Friedhofsverwaltung und Kirchenvorstandsmitglied Friederike Mahnken freuen sich auf die Einweihung der nachhaltigen, naturnahen Urnenfelder.

Scheeßel – Die Einstellung der Menschen zum Trauern hat sich verändert. Diesen bundesweiten Trend hat auch die Friedhofsverwaltung in Scheeßel festgestellt. „Viele Menschen gedenken eines Verstorbenen nicht mehr am Grab, sondern zuhause, an anderen Orten oder sogar virtuell im Internet“, weiß Pastorin Johanna Schröder. Mit der veränderten Trauerkultur und einer immer größeren Individualisierung, zum Beispiel bei der Gestaltung der Trauerfeier, haben sich auch die Wünsche der Menschen nach der letzten Ruhestätte verändert, die häufig proaktiv mit Vorsorgeregelungen vorgenommen werde.

„Viele wollen ihren Hinterbliebenen nicht mehr die Grabpflege aufbürden, besonders wenn sie nicht mehr in der Nähe wohnen“, hat Renate Trau von der Friedhofsverwaltung festgestellt. Urnenbestattungen sind immer gefragter; derzeit betragen sie nach Schätzung der beiden Expertinnen schon 60 bis 70 Prozent.

Die Folge der Abkehr von Erdbestattungen: Leere Flächen, sogenannte „Überhangflächen“, die jahrelang mit Rasen begrünt waren. Das sei weder für Besucher attraktiv noch nachhaltig im Sinne der Tierwelt, führt Trau aus. Bei einer Fortbildung der Landeskirche lernte sie neue, naturnahe Gestaltungsmöglichkeiten kennen, die nicht nur Besucher zum Verweilen einladen, sondern auch Insekten. Das Ergebnis, drei 25 bis 40 Quadratmeter große Urnenfelder, werden am kommenden Sonntag um 15.30 Uhr im Rahmen einer rund 30-minütigen Andacht zum Ewigkeitssonntag unter Mitwirkung des Posaunenchors eingeweiht.

Die drei Ruheinseln erinnern schon aufgrund ihrer Form und Einfassung ein bisschen an Beete. Letztere wurden nachhaltig aus den Grabsteinen aufgelassener Grabstellen geschaffen, genau wie die Stelen auf der mittleren Insel für bis zu 25 Verstorbene, deren Namen auf Bronzeblättern angebracht werden. Dies ist die halbanonyme Variante; vollständig anonym wird auf Beschluss der Landeskirche seit 2009 hier nicht mehr beerdigt.

Viele wollen ihren Hinterbliebenen nicht mehr die Grabpflege aufbürden, besonders wenn sie nicht mehr in der Nähe wohnen.

Friedhofsverwalterin Renate Trau

Warum? „Das ist eine Frage der Würde, niemand soll als namenlos verschwinden“, erklärt Schröder. Früher sei diese Version ab und an angefragt worden, berichtet Renate Trau, „wohl hauptsächlich wegen der Grabpflege“. Doch die hält sich auch bei der neuen Variante in Grenzen: „Wer will, kann eine kleine Schale aufstellen, aber keiner muss“, betont sie. Auf den beiden anderen Inseln sind – ebenfalls recycelt – kleinere Grabsteine vorgesehen. Dem Wunsch vieler nach einer Ruhestätte unter einem Baum ist man mit der Pflanzung von Amberbäumen, Rotbuchen und Hopfenbuchen nachgekommen. „So können auch Menschen zum Beispiel mit Rollatoren ohne Weiteres das Grab eines Verstorbenen besuchen, was im Ruheforst manchmal schwierig wäre“, so Trau.

Die Verwalterin empfiehlt, vor der Entscheidung für die eine oder andere Variante, das Gespräch mit den Angehörigen zu suchen. Es gibt ein bekanntes Schema. Oft wollten Eltern ihre Kinder nicht belasten, die aber würden das gern übernehmen als „Letztes, was man für die Mutter oder den Vater tun kann“.

Trau, Schröder und Friederike Mahnken vom Scheeßeler Kirchenvorstand finden es wichtig, den Friedhof als Ort der Trauer und der Begegnung attraktiv zu machen: „Gerade während des Lockdowns war das für viele die einzige Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen“, hat Mahnken festgestellt. Schröder respektiert den Wandel der Trauerkultur, der mit veränderten Bedürfnissen einhergeht. Gleichzeitig sieht sie die Relevanz dieses Schutzraums, der der Trauer im öffentlichen Raum eine Struktur gibt. Trauer solle heute allzu oft „schnell abgehandelt werden; nach vier Wochen sollen die Leute wieder fit und zurück im Job sein – dabei braucht Trauer Zeit und Raum“.

Am Ewigkeitssonntag besteht wie in den Vorjahren das Angebot zum stillen Gedenken in der Kapelle, in der zur Erinnerung ein Licht angezündet werden kann. Eine Installation von Paul Göttert lädt zum Nachdenken und Meditieren ein. Bereits am Vormittag sind die Angehörigen der im Laufe des vergangenen Jahres Verstorbenen zu einem der beiden Gottesdienste in der St.-Lucas-Kirche eingeladen.

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