Kirstin Knispel aus Scheeßel zeigt mit ihrem Geschäft mehr als nur Flagge

Die ganze Welt unter einem Dach

„Ohne den Einsatz von Beachflaggen geht in der Geschäftswelt heutzutage kaum noch etwas“, weiß Kirstin Knispel um den Werbeeffekt.
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„Ohne den Einsatz von Beachflaggen geht in der Geschäftswelt heutzutage kaum noch etwas“, weiß Kirstin Knispel um den Werbeeffekt.

Scheeßel – Kirstin Knispel sitzt in ihrem Büro am Schwarzen Kamp in Scheeßel. Hinter ihr fällt eine Schrankwand ins Auge, bestückt mit unzähligen Aktenordnern. Darin abgeheftet sind Aufträge aus 42 Jahren Firmengeschichte. Eben erst ist wieder eine neue Bestellung reingekommen: Ein Reederei-Kunde aus den USA hat einen Schwung neuer Tischflaggen geordert. „Die Amerikaner sind an denen immer sehr interessiert“, sagt die 55-Jährige, schließlich seien solche Flaggen, bei denen das weiche Material schlaff am Mast hängt, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht sehr weit verbreitet. Und gerade in der Schifffahrt, weiß Knispel, würden die handlichen Teile oft und gerne als Giveaway verschenkt.

Schifffahrt ist denn auch das Stichwort, denn zu der, berichtet die Inhaberin von „Maris Flaggen“, habe Fritz Wahlers, ihr mittlerweile verstorbener Vater, schon immer einen Hang gehabt. „Ursprünglich kam er aus der Schiffstechnik, war in Hamburg und Bremen in den Häfen beschäftigt“, erzählt Knispel. Irgendwann sei er auf die Idee gekommen, Flaggen für Schiffe, die alten Traditionen folgend diese in Gastländern hissen (grundsätzlich ist es so, dass Schiffe einen Satz Flaggen der Länder an Bord haben, die zu ihrer Route gehören), selbst herzustellen. „Die Kontakte zu den Abnehmern hatte er ja schon – und so gründete er 1978 in einer Garage an der Zevener Straße seine eigene Firma“, blickt die Tochter, selbst Mutter von zwei Kindern, auf die Anfänge zurück.

Und das Geschäft mit den maritimen Flaggen florierte. So sehr, dass Wahlers den Betrieb schon alsbald erweitern musste. Nach einer Zeit in Büschelskamp ging es vor 25 Jahren schließlich an den Schwarzen Kamp in Scheeßeler Ortsrandlage. „Hier ist es inzwischen auch schon ziemlich eng geworden“, sagt Knispel und führt durch das Schifffahrtslager, in dem sie in kunterbunter Vielfalt zu finden sind: die aus reißfestem Polyester bestehenden Flaggen aus allen Herren Ländern, alphabetisch feinsäuberlich sortiert von A wie Albanien bis Z wie Zypern. „Wenn die Reedereien bestellen, muss das innerhalb eines Tages raus, weil die Schiffe im Hafen liegen“, erläutert die Geschäftsfrau. „Ansonsten zahlen die irre viel Strafe, wenn die ihre Flaggen nicht haben.“

Zypern ist auch jenes Land, das Knispel von ihrem ursprünglichen Plan, Landschaftsbau zu studieren, indirekt abbringen sollte. „Mein Vater hatte dort Geschäftskunden und ich habe ihn eine Woche lang begleitet“, erinnert sich die Scheeßelerin, die seinerzeit schon in einer Baumschule gelernt hatte und dort auch ihre Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau machte. „Eigentlich wollte ich für einen Sommer auf der Insel bleiben, und mir bis zum Studium als Kellnerin ein bisschen Geld dazuzuverdienen – ein Kunde meinte aber, ich könne auch bei ihm in der Schifffahrt arbeiten, was ich dann auch getan habe.“ Ein Jahr lang habe sie so in Zypern verbracht, bis sie von einer norwegischen Bank abgeworben wurde und in Hamburg sesshaft geworden sei.

Warum sie trotzdem wieder in ihre alte Heimat zurückkam? „Ganz einfach: Meine Schwester, die eigentlich das Geschäft übernehmen wollte, wurde schwanger und ich habe sie eine Zeit lang vertreten“, erinnert sich die Mittfünfzigerin. „Der Job in der Bank war jedenfalls nicht das Richtige für mich.“ Die Schwester sei in ihrer Mutterrolle schließlich derart aufgegangen, dass Knispel im elterlichen Betrieb geblieben sei. „Anfangs war ich noch hin- und hergerissen, es war ja etwas ganz anderes, als ich eigentlich machen wollte – heute bin ich aber mit allem rundum zufrieden.“

Das darf sie auch sein. Längst zählt „Maris Flaggen“ („Maris“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „aus dem Meer kommend“) bundesweit zu den Marktführern, was das ganz und gar krisensichere Flaggengeschäft betrifft. Ein Großteil wird dabei inzwischen online abgewickelt. Neben der Schifffahrt sind es auch Vereine und Kommunen, die zwecks Beflaggung auf das Angebot zurückgreifen. Und auch Privatleute, die sich eine Fahne in den Garten stellen möchten, zählt Knispel zu ihrem Kundenkreis. „Viele denken, dass wir noch selbst produzieren – bei der Herstellung arbeiten wir aber schon lange mit Partnern zusammen, konzentrieren uns hier im Betrieb auf die Auftragsabwicklung und den Versand“, klärt sie auf. Wir – das sind neben der Chefin noch ihr Partner Andreas Wulf und Bernhard Schulz, der Disponent. Ein eingespieltes Team, das sich neben klassischen Flaggen und Fahnenmasten auch auf sogenannte Beachflaggen und Bauzaunbanner spezialisiert hat, die im Handel und in der Industrie zum Einsatz kommen. „Eigentlich kümmern wir uns um alle Werbetextilien, die sich bedrucken lassen.“ Und natürlich würden die individuell nach Kundenwunsch gefertigt – ein Prozess, den die 55-Jährige besonders schätzen würde. „Es macht unheimlich viel Spaß, die von der Klientel vorgelegten Layouts mit ihr in engem Kontakt gemeinsam zu erarbeiten“, schwärmt sie über den kreativen Aspekt ihrer Arbeit.

Dass bei aller Professionalität hin und wieder auch mal Fehler passieren können, macht Knispel an einem Banner fest, das eine der Bürowände schmückt und einen Eisbären in frostiger Umgebung abbildet. „Das Motiv hat bei uns mal eine große Reisegesellschaft zu Werbezwecken für Expeditionen in die Antarktis in Auftrag gegeben – nur war selbst nach dem Druck noch keinem aufgefallen, dass Eisbären in der Antarktis gar nicht vorkommen“, schmunzelt sie. Also hätten die 500 Banner dann wohl oder übel noch einmal gedruckt werden müssen – diesmal ohne das Tier.

Seit beinahe 30 Jahren ist Kirstin Knispel nun schon die „Flaggen-Frau“ von Scheeßel. Ob das Familienunternehmen irgendwann in die dritte Generation übergehen wird, bleibt abzuwarten. „Meine beiden Töchter machen momentan noch ganz was anderes, aber wer weiß, wie es in fünf Jahren aussieht“, hat sie die Hoffnung noch nicht ganz verloren. Sie selbst, bemerkt sie augenzwinkernd, habe ja auch erst über Umwege in den elterlichen Betrieb zurückgefunden.

In den Schubfächern im Schiffffahrtslager schlummern die Nationalflaggen aus allen Herren Ländern.

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