Roger Willemsen spricht im Interview vor seiner Lesung in Scheeßel über Weltenden und Sprachlosigkeit

„Der Reisende kommt nie an“

Eigene Dummheit, Rücksichtslosigkeit und Brutalität machen Roger Willemsen manchmal sprachlos.

Scheeßel - Von Ulla Heyne und Pascal Faltermann · Kann Scheeßel für Roger Willemsen das Ende der Welt sein? Wenn ja, welches? Und wie viele gibt es eigentlich davon auf der Welt?

So ungefähr könnte der 55-jährige Publizist, Philosoph und Autor auch am morgigen Freitag in seine Lesung aus seinem neuesten Buch „Die Enden der Welt“ in der Aula der Scheeßeler Grundschule (19.30 Uhr) starten. Im Exklusivinterview mit der Rotenburger Kreiszeitung / Visselhöveder Nachrichten spricht der Honorarprofessor über Bordelle, 1000 unveröffentlichte Manuskripte, Sichtweisen und Sprachlosigkeit.

Herr Willemsen, Sie lesen zum ersten Mal in Scheeßel. Wie würden Sie merken, wenn es sich dabei um eines der „Enden der Welt“ handeln würde?

Scheeßel gehört tatsächlich zu den wenigen Orten, an denen ich noch nicht gewesen bin. Dann würde ich so eine bestimmte Existenzstimmung verspüren, die mir sagen würde, dass ich mich auf der Rückseite einer Landschaft befinde, die wüst und unbehauen ist, mich zum Umdrehen anhält und mir sagt: ‚Geh wieder heim‘.

Wenn Sie mit der Bahn ankommen, könnte das passieren…

Nein, ich werde von Julia Westlake (Anm. d. Red.: Moderatorin der Veranstaltung) mitgenommen.

Wie viele Enden hat die Welt?

So viele, wie Sie in sich finden werden. Objektiv sind das die Spitze Südamerikas, der Nordpol oder Timbuktu – am Rand der Todeszone der Sahara hat man das deutliche Gefühl: Hier geht es nicht mehr weiter. Die anderen sind vielfach subjektiver Natur: Da sitzen Sie plötzlich in einem Bordellflur in Bombay und sehen sich der trostlosesten Klasse der Menschen gegenüber und sagen sich: Tiefer geht’s nicht mehr.

Zur Entstehung des Buches: Haben Sie Enden der Welt zufällig bei Ihren Reisen der vergangen drei Jahrzehnte gefunden, oder war es die bewusste Suche nach dem Nichts?

Beides. Ich war schon immer fasziniert von wüsten Landschaften, wo der Mensch in der Defensive und die Natur in der Offensive ist, wie dem Grenzfluss in Afghanistan. Da ich Notizen statt Fotos mache, konnte ich insgesamt auf Tausende von Seiten Manuskripten zurückgreifen, die ich nie verwendet habe. Dann habe ich speziell für dieses Buch einen Schub weiterer Reisen gemacht, wie nach Patagonien oder Ostsibirien, die sich unter dem Begriff „Weltenden“ subsumieren lassen.

Am Anfang Ihrer Reisen stand die Neugier auf die Welt, nun haben Sie ihr Ende gesucht – ein Paradoxon?

Das ist tatsächlich so, dass man zuerst in die Welt will und dann darüber hinaus. Der Reisende kommt ja nie an. Der ist von einem Hunger besessen, der ihn über jede Grenze hinweg treibt. Er fragt sich: Was ist jenseits der nächsten Hügellinie, wäre ich da, wer könnte ich sein. Insofern kommt die Reise nie an ein Ende. Am Anfang reist man um die Welt mit so einem Kinderhunger auf alles, was wirklich ist, und man will sich in dieser Welt behaupten. Und die späteren Reisen sind eher so, als wollte man erlöschen, verschwinden, die Welt so sehen wie sie ist, wenn man selbst nicht da ist. Da muss man keine Spur mehr hinterlassen, auf niemanden mehr wirken. Das ist schon eine grundsätzliche Veränderung.

Hat sich das Gefühl der Resignation beim Reisen schon in Ihrem Projekt von 2002, der Deutschlandreise, angedeutet?

Die Deutschlandreise hat mich tatsächlich damals überrascht: Nach drei Jahren England hatte ich mir Deutschland nicht so auf Konsum hochgerüstet vorgestellt und war in der Zeit des Reisens stärker vereinsamt als gedacht. Afghanistan war da ganz anders – da war ich ein Augenzeuge, der fernab der Medienberichterstattung nach Geschichten sucht. Die Verarbeitung geschah eher literarisch als journalistisch. Bangkok wiederum war eher geprägt von Gerüchen, Atmosphäre. So hat sich bei jeder der Reisen auch mein Blick verändert.

Künstlerportraits, Bordelle der Welt, nebenbei „Willemsen legt auf“ – Sie beschäftigen sich mit einer großen Bandbreite an Themen. Gibt es auch Themen, die Sie nicht angehen?

Es gibt Menge von Dingen, von denen ich nichts verstehe – Wissenschaft, Historie. Aber es stimmt: Ich kann mich für viele Dinge begeistern oder Leidenschaft entwickeln, und dann kann ich auch darüber schreiben. Ich möchte gern die Dinge machen, die ich für sinnvoll und richtig halte, und die finden dann ihre eigene Öffentlichkeit. An meiner Massenwirkung zu arbeiten, liegt mir fern.

Wenn man Sie googelt, erscheinen unter den zehn meistgesuchten Begriffen „privat, schwul, Freundin und verheiratet“. Fühlen Sie sich da in Ihrem Schaffen von der Masse überhaupt ernst genommen?

(lacht). Das ist ja lustig. Tatsächlich? Ich habe keinerlei Ehrgeiz, in der Öffentlichkeit als der genommen zu werden, der ich bin. Je diffuser das Bild von mir ist, desto lieber ist es mir eigentlich. Wenn ich schwul wäre, wäre ich der erste, der mit seinem Freund auf der Straße öffentlich knutscht. Schon aus aufklärerischen Gründen – damit man das normal findet. Ich finde diese Gerüchtewelt bizarr. Verheiratet bin ich nicht, weil ich schwer vermittelbar bin, und man kann auch mit 55 sehr glücklich alleine sein, zumindest mit gutem Milieu an Freunden und Verwandten. Wenn ich ständig nur versuchen würde, auf mein Bild in der Öffentlichkeit Einfluss nehmen zu wollen, würde ich ja nie erwachsen!

Sie gelten als einer der eloquentesten Köpfe der deutschen Medienlandschaft. Gibt es Dinge, die Sie sprachlos machen?

Meine eigene Verlegenheit, eigene Dummheit, Brutalität manchmal, auch breitbeiniges Agieren von Leuten, die den Luftraum für sich in Anspruch nehmen. Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit in vielen Formen. Es gibt viele Situationen, in denen ich verlegen bin, ratlos, kein Verhalten weiß. Das gilt auch beim Reisen: Plötzlich ist Kommunikation wichtiger, man muss sich fragen: Wie überbrücke ich Abgründe, wie finde ich einen Weg, zwischen mir und einer muslimischen Frau zu vermitteln oder einem Taliban. Wie erkenne ich, welche Werte den treiben. Generell wird man toleranter, wenn einem die kulturellen Unterschiede bewusst sind. So sind die Heilungschancen auf Tonga größer, wenn die Leute ihren kleinen Finger opfern. Daran merkt man, wie präsent in anderen Ländern ist, was für uns archaisch wirkt.

Apropos Inseln: Welche CDs würden Sie, als musikalischer Weltenbummler, mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen?

Bill Evans „The complete Verve Recordings“, das sind wenigstens schon mal 20 Platten perfekte Klaviermusik. Dann noch die beiden Klavierkonzerte von Brahms zur Erinnerung an alles, was in Deutschland brütend ist und romantisch und zart und brachial zugleich, und schließlich vielleicht Bach für die Ordnung.

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