„Dekomäuse“ schaffen Mehrwert

Umgesehen: So läuft der Second-Hand-Laden „Tweede Hand“ in Scheeßel nach einem Jahr Bestehen

Inge Hesse (r.), Edeltraud Lieder (2.v.l.) und ihre Mitstreiterinnen schreiben seit einem Jahr mit ihrer Second-Hand-Boutique Erfolgsgeschichte.
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Inge Hesse (r.), Edeltraud Lieder (2.v.l.) und ihre Mitstreiterinnen schreiben seit einem Jahr mit ihrer Second-Hand-Boutique Erfolgsgeschichte.

Scheeßel – Sektkorken werden am Montag nicht knallen, wenn die „Tweede Hand“ am Helvesieker Weg ihr einjähriges Bestehen feiert. Über einen Prosecco aufs Haus dürfen sich treue Kunden dennoch freuen, „aber ganz Corona-konform aus der Dose“, verrät Edeltraud Lieder. Bei der Erfolgsgeschichte, die das achtköpfige Team seit einem Jahr schreibt, spielte die Pandemie immer eine große Rolle.

Drei Mal in zwölf Monaten war die erste (und einzige) Adresse im Beekeort für Qualitätskleidung aus zweiter Hand geschlossen; Kunden ohne Maske haben die ehrenamtlich tätigen Damen noch nicht einziges Mal begrüßen dürfen; die Zettel zur Kontaktverfolgung gehörten lange Zeit zum täglichen – oder besser: wöchentlichen – Geschäft, denn bis auf Sonderöffnungstermine zum Saisonwechsel hat das Geschäft im ehemaligen Internat bislang nur Montagsnachmittags geöffnet.

Das Wagnis, ausgerechnet während der Pandemie einen Second-Hand-Laden zu eröffnen – eine Schnapsidee? „Vielleicht“, sagen Lieder und ihre Mitstreiterin Inge Hesse, „aber eine, die funktioniert hat.“ Die Idee, die Lücke im Ort zu schließen und hochwertige Kleidung einem guten Zweck zuzuführen, datierte schon länger, die Gespräche mit der Eichenschule als Vermieter waren abgeschlossen, bei Lieder türmte sich bereits aussortierte Kleidung aus dem Bekannten- und Mitstreiterinnenkreis. Mögliche Kooperationspartner wurden nicht gefunden, „also mussten wir selbst einen Verein gründen“, so Hesse. Im Nachhinein ein Segen: „So können wir selbst entscheiden, an welche Zwecke wir die Gelder spenden.“ Stolze 2 000 Euro sind bisher paritätisch an Institutionen für Jüngere und Ältere im Beekeort wie Jugendfeuerwehr oder Bürgerbus geflossen – „ein Wahnsinnsumschlag, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel ein Marken-T-Shirt bei uns gerade mal zwei Euro kostet“, meint Hesse, und Lieder fügt hinzu: „Man mag sich gar nicht vorstellen, wo die Sachen, an denen zum Teil sogar noch das Preisschild dran ist, sonst landen würden.“

Man mag sich gar nicht vorstellen, wo die Sachen, an denen zum Teil sogar noch das Preisschild dran ist, sonst landen würden.

Edeltraud Lieder

Vom ursprünglichen Plan, auch Kommissionsverkäufe anzubieten, rückte man schnell ab: zu viel Verwaltungsaufwand, „außerdem haben uns eh fast alle ihre Kleidung geschenkt“, so Hesse. Anfänglich habe man die Ware noch säckeweise angenommen; mittlerweile wird handverlesen. Auch mal Nein zu sagen, wenn der Zustand oder die Saison nicht passt, habe man erst mal lernen müssen, „aber die meisten Kunden sind sehr verständnisvoll“, hat Lieder festgestellt. Eine Kooperation mit dem Kaufhaus Karo in puncto Brautkleidverleih hat sich – nicht verwunderlich in diesen Zeiten – nicht manifestiert, dafür ist das Rotenburger Sozialkaufhaus mittlerweile dankbarer Abnehmer von Kleidung, die in Scheeßel die Grenzen des Machbaren sprengen würden.

Denn die ansprechende Präsentation steht für die Damen an oberster Stelle; ein überladener Laden ist ein No Go. Die Lust am Dekorieren, sie ist neben dem Nachhaltigkeitsgedanken eine der Antriebsfedern für die Damen, die wissen, dass der Aufwand kaum im Verhältnis zu den Erträgen steht. „Wir sind so Dekoriermäuse“, gibt Lieder zu – die Sommerdeko eines von Heide Holst gespendeten Badestegs mit Badehäuschen spricht Bände. Überhaupt habe man große Unterstützung durch lokale Gewerbetreibende erfahren: Aus der Auflösung des Ladenverkaufs von Avides in Hemsbünde stammen die massiven Ständer, Versicherungsmakler Jörn Klee übernahm den ersten Beitrag für die Unfallversicherung der Mitarbeiterinnen.

Der zwischenzeitlich geträumte Traum von einer Dependance in einem anderen Ort ist inzwischen vom Tisch. Genügend Ware wäre da und sicherlich auch ein Bedarf ähnlich wie in Scheeßel, allein: „Es mangelt an Personal“, konstatiert Hesse. Derzeit denkt man über eine zweite Öffnungszeit zusätzlich zum Montagnachmittag nach, „dann aber nur mit einem zweiten Team“. Wie es nach dem „Einjährigen“ weitergeht? Erst mal wie bisher – dass nach dem Abverkauf der Sommerware zum halben Preis eine Herbstdeko her muss und die vielen Schaufensterpuppen einen anderen Look bekommen müssen, schreckt die fünf aktiven Damen um die 60 nicht – ganz im Gegenteil. Nur für das Fensterputzen des nahezu gläsernen vorderen Verkaufsraums habe man sich einen Profi geholt: „Irgendwo gibt es Grenzen.“  

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