„Dann war da niemand mehr“

Interview: Dominik Bloh über seine Zeit auf der Straße

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Der Lionsclubvorstand hat Dominik Bloh zur Lesung eingeladen: Sven Borstelmann (v.l.), Tilo Helmschmied, Jan Gerlach´und Rainer Windler.

Scheeßel - Mehr als zehn Jahre hat Dominik Bloh auf der Straße gelebt. Wie er sich aus der Obdachlosigkeit gekämpft hat, darüber berichtet der Hamburger am Donnerstag, 24. Oktober, ab 19.30 Uhr in der Aula der Beekeschule. Der Lionsclub Scheeßel hat ihn zu einer Benefizlesung eingeladen. Sein Buch „Palmen aus Stahl“, das er an dem Abend mitbringt, hat sich zu einem Bestseller entwickelt. Im Interview spricht er darüber, wieso er obdachlos geworden ist und warum Menschen auf der Straße vor allem in Großstädten leben.

Herr Bloh, welche Gründe sind es überhaupt, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben?

Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Jeder hat eine eigene Geschichte, und jeder geht damit anders um, sodass es viele verschiedene Formen annehmen kann von ganz unten. Bei manchen ist es Obdachlosigkeit. Aber die Gründe sind so vielfältig, dass man Tausende aufzählen könnte. Aber es ist immer wichtig, zu sagen, dass die Umstände oft schuldfrei sind. Die Menschen sind Opfer ihrer Lebenssituation.

Wie war es bei Ihnen?

Bei mir war es sehr ähnlich. Ich hatte auch keine großen Anteile daran, auf der Straße zu landen. Das hat meine Mutter entschieden, die sehr krank geworden ist und dann ihre Vormundschaft abgelegt hat. Das bedeutet, dass ich ab dem Moment keinen gesetzlichen Elternvertreter mehr hatte, und sie hat mich mit zwei Koffern vor die Tür gesetzt. Dann war da einfach niemand mehr. Ich war 16 Jahre jung und auf der Straße. Und dann merkt man ganz schnell, dass vieles im Leben passiert, ohne das man es groß beeinflussen kann.

Vor allem in Großstädten leben viele Menschen auf der Straße und finden dort auch entsprechende Hilfsangebote. In kleineren Städten und Orte sieht das anders aus. Ist es ein Großstadtthema?

Man kann auf dem Dorf oder in Kleinstädten kaum überleben. Das ist wahrscheinlich das Thema. Man muss von dem Müll, den Menschen in Tonnen werfen, leben, man sammelt Pfand und geht schnorren. Dazu braucht man Menschen um sich herum, und wenn irgendwo in einer Kleinstadt ab 19 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt sind, dann kann man nichts mehr tun. Deshalb verlagert sich das oft in Großstädte. Menschen werden überall obdachlos, aber oft ist es so, dass sie an andere Orte kommen. Auch in der Großstadt ist es so: Die Menschen sind nicht im Speckgürtel oder in den Randbezirken, sondern halten sich immer sehr zentral, etwa im Bahnhofsviertel, auf.

Haben Sie selbst auf der Straße Menschen kennengelernt, die aus kleineren Orten in die Großstadt gekommen sind?

Ja, genau. Es ist immer eine Wanderung. Wenn man in diese Situation kommt, dann ist da meistens niemand, der dir erklärt, wie das funktioniert. Du bist auf der Straße und erst mal da, wo du vorher gelebt hast. Da merkst du aber schnell, dass du dich da nicht aufhalten kannst. Dann beginnen die Wege, und die führen dann zu genau diesen Orten in großen Städten.

Wie war ihr Weg von der Straße runter?

Das war auch ein schöner Weg. Ich hab angefangen zu helfen, als 2015 ganz viele Geflüchtete in Hamburg ankamen. Ich hab gesehen, wie die zu der Zeit gelebt haben auf Isomatten und Schlafsäcken am Hauptbahnhof. Genau da, wo sich mein Alltag und Leben auch abgespielt hat. Ich konnte das quasi durch diese Menschen widergespiegelt sehen. Und ich hab gedacht: Krass, die können die Sprache nicht, haben eine schlimme Vergangenheit hinter sich gebracht und dann noch die Flucht. Und sind angekommen mit der Ungewissheit, wie es weitergeht. Da wollte ich etwas tun. Ich hab ihnen geholfen und dadurch wiederum Menschen kennengelernt, die das beeindruckend fanden, dass ich anderen geholfen hab, obwohl ich wenig hatte. Sie wollten mir die Chance geben, das zu ändern. Dadurch habe ich meine Wohnung bekommen.

Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über die Zeit der Obdachlosigkeit zu schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Auch als ich noch draußen war, hab ich geschrieben bis die Hände gezittert haben, weil es so kalt wurde nachts. Es war auch eine Form von Therapie.

Setzen Sie sich heute noch für Menschen, die auf der Straße leben, ein?

Ja, das mache ich. Wir haben ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet, das heißt „GoBanyo“, das ist der Duschbus für Obdachlose. Weil Waschen Würde ist und jeder sollte den Zugang zu sanitären Anlagen haben, das Recht auf Duschen, weil Aussehen das erste Unterscheidungsmerkmal ist. Deshalb wird es diesen Duschbus geben mit drei voll ausgestatteten Badezimmern, der Ende des Jahres auf der Straße fährt und die Duschen dahin bringt, wo sie gebraucht werden.

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