„Dann haben wir geweint“

Vor 25 Jahren: Eichenschüler Stefan Jahr wird ermordet in den Verdener Dünen gefunden

Das Bild, mit dem die Polizei 1992 nach Stefan Jahr suchte.

Scheeßel - Von Michael Krüger. Ein paar Kinderstimmen der „Eichenwichtel“ flirren bis auf den Hof, ein Mann schiebt sein Rad zur Flüchtlingsunterkunft der Gemeinde Scheeßel im hinteren Bereich des Areals am Helvesieker Weg. Ein Hund bellt. Ansonsten ist es ruhig auf dem ehemaligen Internatsgelände der Eichenschule, auch im Haus G, wo während der Saison die Bundesliga-Basketballerinen ihre ausländischen Spielerinnen unterbringen. Von hier verschwand am 31. März 1992 der damals 13-jährige Stefan Jahr.

Vor 25 Jahren, am 3. Mai, wurde er tot in den Verdener Dünen gefunden; das Werk des Maskenmanns Martin N., wie seit dessen Verurteilung vor fünf Jahren offiziell feststeht.

Karsten Müller-Scheeßel steht an diesem kühlen Dienstagmittag auf dem Platz auf der Rückseite des Saals, den die Eichenschule noch für Theatervorführungen nutzt, bis der Neubau am Schulstandort ein paar Straßen weiter steht. Schon bald könnten hier die Abrissbagger anrollen, ideale Wohnlage, Blick ins Grüne. 

Internat sollte eine Chance sein 

Mitte der 1970er-Jahre, der spätere Schulleiter Müller-Scheeßel war Internatsleiter, lebten hier 200 Jungen und Mädchen, fast die Hälfte der damaligen Eichenschul-Schülerschaft. Als Stefan Jahrs Vater Ulrich vorschlägt, den Sohn aufs Internat zu schicken, wohnen noch rund 50 Schüler dort. Ein Auslaufmodell, aber die Jahrs wollen den schlechter werdenden Noten ihres Sohnes Stefan entgegenwirken. 

Vom schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe geht es nach Scheeßel, eine neue Umgebung für den Jungen, der nicht Klassenkasper sein sollte. Mutter Petra kennt die Gegend, ist in Rotenburg aufgewachsen. Ein Jahr später ist ihr Sohn tot.

Nicht das einzige Opfer des Maskenmanns

Stefan Jahr ist das erste Opfer des als „Maskenmann“ bekannt gewordenen Martin N. Maskiert schlich er sich nachts in Norddeutschland an die Betten Dutzender kleiner Jungen und missbrauchte sie. Drei von ihnen erwürgte er. 1995 wird der achtjährige Dennis Rostel Opfer von N., 2001 der neunjährige Dennis Klein. Nur mühevoll konnten die Ermittler das Puzzle zusammensetzen, am 13. April 2011 wird der Pädagoge N. in Hamburg festgenommen. Die Befürchtung steht im Raum, dass er noch für viel mehr Taten verantwortlich ist. 

N. hütet nach wie vor Passwörter einer Festplatte, die trotz Hilfe von IT-Experten bislang nicht entschlüsselt werden konnten. Die Ermittler vermuten Daten, die Hinweise auf weitere Straftaten geben könnten. Vor Jahren hatte der geständige Martin N. nicht ausgeschlossen, irgendwann einmal seine Passwörter zu nennen. Bislang hat er es nicht getan. Die Soko „Dennis“ in Verden arbeitet immer noch anlassbezogen an dem Fall. „Es gibt unregelmäßig Gespräche mit dem Inhaftierten“, sagt Jürgen Menzel, der frühere Pressesprecher der Soko. Am 27. Februar 2012 war N. im Landgericht Stade zu lebenslanger Haft mit Sicherungsverwahrung wegen dreifachen Mordes verurteilt worden.

Nebenkläger im Prozess: Ulrich (l.), Petra und Oliver Jahr. Im Hintergrund Missbrauchsopfer Martin Wichmann und dessen Anwalt.

In Scheeßel erinnert heute nichts mehr an die Vorfälle vor 25 Jahren. Die meisten Schüler wissen gar nicht, was sich hier einst abgespielt hat, sagt der heute 77-jährige Müller-Scheeßel. Hat die Schule denn etwas falsch gemacht? „Nein“, sagt der 2004 pensionierte Ex-Schulleiter. Ulrich Jahr sah das anders. Müller-Scheeßel sagt: „Verschwörungstheorien.“

Stefans Verschwinden aus dem Internat wird am frühen Morgen des 31. März 1992 bemerkt. Die Tür zu einem Gemeinschaftsraum steht offen, auf einem Tisch liegt Stefans Schlafanzug. Der Zimmerkollege hat aber nichts gehört, auch sonst wenig Hinweise. Verurteilt werden kann der „Maskenmann“ nur wegen seines Geständnisses. N. hat Stefan, so heißt es viele Jahre später in der Anklage, aus dem Schlafraum entführt, ihn immer wieder im Genitalbereich angefasst und dann, um nicht aufzufliegen, nach wenigen Stunden in seinem Fiat Panda auf einem Waldweg erwürgt. 

Vater Ulrich Jahr sucht Mörder

Am 3. Mai, fünf Wochen nach dem Verschwinden, entdecken zwei Spaziergängerinnen im Verdener Stadtwald in einer Sanddüne eine im Sand verscharrte, gefesselte, nur mit Socken und T-Shirt bekleidete Leiche eines Jungen. Es ist Stefan Jahr. Für Vater Ulrich beginnt ein fast 20-jähriger Kampf darum, den Täter zu finden. Für ihn arbeitet die Polizei insbesondere nach den späteren Taten, die erst allmählich zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden, nicht intensiv genug.

Für Jahr muss der Täter aus der Schule kommen: Erst beschuldigt er den Internatsleiter und die Frau des Hausleiters, später fokussieren sich Jahrs Vorwürfe auf Schulleiter Müller-Scheeßel. Am 24. Februar 1995 steht Jahr in der ersten großen Pause auf dem Schulhof der Eichenschule und drückt Schülern Flugblätter in die Hand, die den Titel „Mörderfratze hinter der Maske eines Biedermannes“ tragen. Müller-Scheeßel soll ein Verhältnis zum Hausleiter, einem seiner ehemaligen Schüler, pflegen, behauptet Jahr. 

Gefundenes Fressen für den Boulevard, der die Geschichte dankend aufnimmt. Bild am Sonntag und RTL berichten, Müller-Scheeßel wehrt sich schließlich vor Gericht – und bekommt Recht. Im Januar 1997 wird Ulrich Jahr vom Amtsgericht Rotenburg dazu verurteilt, 6000 D-Mark an die SOS Kinderdörfer zu zahlen, auch darf er seine Verdächtigungen nicht mehr öffentlich äußern. Eine Geschichte, die Müller-Scheeßel jahrelang beschäftigte, wie er rückblickend sagt. 

Am Tag, als die Polizei während einer Pressekonferenz verkündet, einen Verdächtigen gefasst zu haben, fällt eine große Last ab. Müller-Scheeßel: „Da saß ich mit meiner Frau zuhause und habe geweint.“ Mit seinem Vorgehen hätte Jahr seine Existenz vernichten können, kritisiert Müller-Scheeßel. Der wahre Täter Martin N. kannte das Internat indes auch – er war dort Gast in einem Nachbargebäude als Betreuer für die Bremer Sportjugend. Das Haus ist längst abgerissen.

Ex-Schulleiter Karsten Müller-Scheeßel vor dem Zimmer von Stefan Jahr auf dem alten Internatsgelände der Eichenschule. Opfer-Vater Jahr hatte Müller-Scheeßel lange Zeit beschuldigt. 

Zwei Wochen nach der Festnahme liegt der ehemalige Schulleiter im Krankenhaus, Hörsturz. Müller-Scheeßel muss das Erlebte intensiv verarbeiten. Bekannt ist die Geschichte von Ulrich Jahr, sie wurde bereits verfilmt: Neun Tage nach dem Urteil gegen Martin N. stirbt der damals 68-Jährige an einem Herzinfarkt bei einer Radtour

Selbst mit dem in Deutschland härtest möglichen Urteil gab sich Jahr nicht zufrieden. Ihm blieben zu viele Ungereimtheiten. Er behauptete bis zum Ende, N. sei nekrophil: „Er hat sich an den Leichen der Jungen vergangen.“ Er hoffe, „die Kreatur“ sterbe in Haft. Ulrich Jahrs Frau Petra bleibt mit Stefans jüngerem Bruder Oliver zurück. Sie will heute nicht mehr über das Geschehene sprechen: „Es sind jetzt so viele Jahre vergangen, und ich habe mich in meinem Leben eingerichtet und wüsste nicht, über was ich jetzt noch reden sollte.“

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