Hilfe durch Cochlea-Implantat

Implantat hilft Christian Lilienweihs: „Endlich höre ich wieder Musik“

+
Christian Lilienweihs hat sich auf beiden Ohren ein sogenanntes Cochlea-Implantat einsetzen lassen.

Westeresch - Von Heinz Goldstein. „Ich habe vor Freude hemmungslos geweint. Für mich war das ein unbeschreibliches Glücksgefühl.“ Christian Lilienweihs schildert den Moment, als er im August vergangenen Jahres das erste Mal das Klavierspielen seines Sohnes akustisch wahrnehmen konnte.

Nach mehr als 40 Jahren an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit hat der 50-jährige Mann aus Westeresch pro Ohr ein sogenanntes Cochlea-Implantat eingesetzt bekommen. Danach, sagt er, habe sich seine Lebensqualität zum Besseren verändert. Auch seine Aussprache habe sich verbessert und sei wesentlich deutlicher geworden. Das hätten die Menschen in seinem Umfeld festgestellt.

Im Gespräch mit unserer Zeitung beschreibt Lilienweihs, was er als Hörgeschädigter (nur noch 20 Prozent akustische Wahrnehmung) so erlebt hat. Der Software-Designer bei SAP in Hamburg möchte mit seiner eigenen Lebensgeschichte jenen Menschen, die mit ähnlichen Hörstörungen leben müssen, Mut machen. „Es besteht in vielen Fällen die Möglichkeit, einen Weg aus der Schwerhörigkeit durch das operative Einsetzen eines Implantates zu finden“, weiß der Westerescher. Er selbst habe den entscheidenden Schritt aber erst gewagt, als ihm sein behandelnder HNO-Facharzt, Dr. Felix Aschern aus Rotenburg, zu dieser nicht einfachen Operation geraten hatte. „Ich hatte Angst vor einer OP, zumal ich als Kind nicht die besten Erfahrungen mit einem Krankenhausaufenthalt gehabt hatte.“

Zudem habe er sich bei Menschen, die auch solche Implantate eingesetzt bekommen haben, erkundigt, wie diese mit der Hör-Technik zurechtkämen und ob sie damit zufrieden seien. Die Antworten seien durchweg positiv ausgefallen. „Sie haben mich in der Absicht bestärkt, den Schritt zu wagen.“ Am Ende habe ihm aber niemand voraussagen können, ob der chirurgische Eingriff eine große Verbesserung für ihn bringen wird.

Das hat er aber tatsächlich. „Laut Messungen habe ich nach der Operation in einer Klinik in Hannover an beiden Ohren ein Sprachverständnis von 96 Prozent erzielt. Beim Zahlenverständnis waren es sogar 100 Prozent. Selbst bei einsilbigen Wörtern habe ich immerhin 70 Prozent Verständnis erreicht.“ Lilienweihs ist überglücklich, dass für ihn alles so perfekt gelaufen ist - und das auf beiden Ohren.

Ohne Hörstörung geboren

Nicht immer ist der heute 50-Jährige nahezu taub gewesen: „Ich bin ohne Hörstörung auf die Welt gekommen. Bis zu meinem siebten Lebensjahr konnte ich ganz normal hören. Dann kam der schwere Schicksalsschlag nach einer Mandeloperation.“ Zunächst sei nach dem Eingriff eine leichte Innenohrstörung eingetreten. Dieser Zustand habe sich im Laufe der darauffolgenden Jahre rapide verschlechtert. „Letztendlich musste ich ab dem Alter von elf Jahren Hörgeräte benutzen“. Als Teenager hatte er dann schon einen Gehörverlust von mehr als 80 Prozent. „Für mich bedeutete das praktisch, dass ich erst ab 100 Dezibel - das entspricht der Lautstärke in einer lauten Disco - etwas hören konnte“, macht er deutlich. „Ohne Hörgeräte war ich quasi taub.“ Aber auch die Technik hätte nur wenig an seinem Hörvermögen geändert. Weil seine akustischen Wahrnehmungen weiterhin schleichend abnahmen, habe er automatisch das Lippenablesen gelernt. Telefonieren war damals für ihn nicht mehr möglich. Gespräche im Dunkeln seien ebenfalls hoffnungslos gewesen.

Und wie sah es mit der Schule aus? „Bis zur neunten Klasse habe ich ein Gymnasium in meiner Heimatstadt Münster besucht. Weil es nicht mehr ging, wechselte ich zur Gehörlosenrealschule nach Dortmund.“ Mit Beginn der zehnten Klasse ist er in Essen weiter zur Schule gegangen und hatte dort sein Abitur gemacht. Anschließend studierte Christian Lilienweihs Kommunikationswissenschaft an einer „normalen“ Universität in Essen. Am Ende des Studiums hat er im Jahr 2000 als Freiberufler in der Software-Branche zu arbeiten begonnen und ist seit 2016 bei der Firma SAP als Mitarbeiter in seinem Beruf tätig.

Endlich wieder zum Telefonhörer greifen

„Es ist wunderbar für mich. Seit August kann ich wieder zum Telefonhörer greifen. „Ich vergesse nie die Momente, als ich mit meiner Frau und meiner Mutter das erste Mal telefoniert habe“, erinnert er sich überglücklich. „Auch für die Familie ist die Kommunikation im Alltag wesentlich leichter geworden - und endlich wieder Musik hören zu können, das ist ein weiterer großer Segen für mich.“

Hintergrund

Cochlea-Implantate übertragen Audiosignale vom Innenohr an das Gehirn

Ein Cochlea-Implantat ist ein elektronisches medizintechnisches Gerät, das die Funktion des beschädigten Innenohrs wahrnimmt. Bei vielen schwerhörigen, fast tauben Menschen ist der Hörverlust auf eine Schädigung der Haarzellen im Innenohr zurückzuführen. Das Implantat wird während einer Operation hinter der Ohrmuschel eingesetzt. Durch Umwandlung des Schalls werden elektrische Impulse erzeugt, die den Hörnerv direkt stimulieren und so werden die defekten Haarzellen umgangen. Die Impulse werden dann an das Gehirn weitergeleitet und so die Audiosignale für den Träger der Implantate hörbar gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Drogenboss "El Chapo" muss lebenslang ins Gefängnis

Drogenboss "El Chapo" muss lebenslang ins Gefängnis

Fotostrecke: So lief das Werder-Training am Mittwoch

Fotostrecke: So lief das Werder-Training am Mittwoch

Scheuer für härteres Durchgreifen bei E-Tretrollern

Scheuer für härteres Durchgreifen bei E-Tretrollern

„Württemberg-Cup“: Ristedter Fußball-Turnier geht weiter 

„Württemberg-Cup“: Ristedter Fußball-Turnier geht weiter 

Meistgelesene Artikel

Zu viele Fundkatzen

Zu viele Fundkatzen

Interview: Herausforderungen beim Internationalen Beeke-Festival

Interview: Herausforderungen beim Internationalen Beeke-Festival

Sanierung in der Beekeschule: Sommerzeit ist Bauzeit

Sanierung in der Beekeschule: Sommerzeit ist Bauzeit

Tierschau auf der Tarmstedter Ausstellung: Ein Vergnügen für alle

Tierschau auf der Tarmstedter Ausstellung: Ein Vergnügen für alle

Kommentare