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Büschelweise gute Taten: Haarspende in Scheeßel

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Von: Ulla Heyne

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Vor dem Schnitt bindet Friseurin Nicole Kaldinski die einzelnen Strähnen von Ruud Ratering zusammen.
Vor dem Schnitt bindet Friseurin Nicole Kaldinski die einzelnen Strähnen von Ruud Ratering zusammen. © Heyne

Es sieht hinterher ein wenig radikal aus, doch es ist für einen guten Zweck: Ruud Ratering und seine Tochter Michaela haben ihre Haare gespendet, damit daraus Perücken für Krebspatienten hergestellt werden können. Sie hoffen, ein bisschen ein Vorbild zu sein.

Scheeßel/Unterstedt – „Einmal ratzekahl“, diesen Wunsch hört Friseurin Nicole Kaldinski nicht allzu oft – umso mehr, wenn die lockige graue Haarpracht einem Herren gehört. Noch kurioser wird es, wenn der noch seine Tochter mit einem ähnlichen Anliegen dabei hat und die Zöpfe, zu denen die Scheeßeler Geschäftsinhaberin die Haarpracht gebunden hat, feierlich gemessen werden. „25 Zentimeter, das reicht“ – im Wesseloh Haarstudio geht es nicht etwa um eine Wette, sondern um eine Haarspende.

Bei Ruud Ratering wird nicht zum ersten Mal die Schere angesetzt. „Beim ersten Mal allerdings tatsächlich nach einer Kneipenwette in bierseeliger Laune“, erinnert sich der Wahl-Unterstedter. Später habe er sich geärgert. Nicht primär wegen der Frisur, sondern, weil Haare wie diese dringend gebraucht werden: für Perücken für krebskranke Menschen. Es „wieder zu tun“, dieses Mal jedoch für den guten Zweck, diese Idee kam ihm, als er in einem Laden ein krebskrankes Kind traf. „Das hat auf meine langen Locken gestarrt“, beschreibt der 60-Jährige den auslösenden Moment.

Mit seiner guten Tat ist der Heilerzieher in guter familiärer Gesellschaft: die ältere Tochter hat bereits drei Mal Haare gespendet, für die Jüngere, die sich heute spontan entschlossen hat, den Vater an ihrem ersten Tag des Mutterschutzurlaubs nach Scheeßel zu begleiten, ist es das zweite Mal. Sie hat sich die Haare extra zu diesem Zweck zweieinhalb Jahre wieder so lang wachsen lassen; entsprechend weniger radikal fällt der Schnitt aus. Ratering, seines Zeichens Entspannungspädagoge, geht normalerweise in Rotenburg zum Friseur, „aber der hat abgewunken: zu viel Aufwand“.

Haarspende geht auch ohne Glatze: Michaela und Ruud Ratering,
Haarspende geht auch ohne Glatze: Michaela und Ruud Ratering, © -

So ist er bei Nicole Kaldinski gelandet. Sie ist die einzige in der Region, die auf der Liste der Kinderkrebshilfe Harz vermerkt ist. Der Kunde zahlt lediglich den Haarschnitt, der zeitliche Aufwand für das „Davor und danach“ geht auf ihre Kosten. Warum sie sich engagiert? Die Frage irritiert die Firmeninhaberin fast ein wenig: „Weil es schön ist, einem guten Zweck zugutekommt und die Haare für den Müll zu schade sind.“ Eine gute Viertelstunde vergeht bis zum großen Moment: Haare waschen, zu kleinen Zöpfen binden, messen – das dauert. 20 Minuten später sieht Vater Ruud von hinten aus wie ein Oktopus. Tochter Michaela, frisch geföhnt mit stylishem Bob, witzelt, Mistböcke-Stammtischbruder Heinz Gehnke, der die Aktion mit der Kamera festhält, stimmt ein. „Fasching“ und „Rokoko“ sind einige der Wortbrocken, die noch vor den Haarbüscheln fallen.

Dann geht es ganz schnell: Fünf Minuten, und vor ihm liegt ein knappes Dutzend Haarbüschel. Der gutmütige Riese setzt noch einen drauf und opfert auch seinen Kinnbart – obwohl der im Knäuel der Haare nicht ins Gewicht fällt und garantiert zu kurz ist. Die Lacher sind auf seiner Seite. „Wir machen da schon was draus“, beruhigt die Friseurmeisterin dem Mann auf dem Stuhl. Was genau, kann sie noch nicht sagen: „Mal sehen, was übrig bleibt.“ Eine Glatze möchte Ratering allerdings nicht: „Eine Glatze, um eine andere zu vermeiden – nein. Dann schon lieber teilen.“

Karikatives Denken und Spenden würden in der Familie groß geschrieben: Der Blutspendeausweis ist eine Selbstverständlichkeit, genau wie der Gang zur Altkleiderspende. Tochter Michaela hat zu Weihnachten ihre Zeit gespendet, um Kindern, die es sich sonst nicht leisten können, Reitstunden zu geben. Vater Ruud hat als Gründungsmitglied der Mistböcke in mehr als 20 Jahren Vereinsgeschichte so einige Wohltätigkeitsveranstaltungen auf die Beine gestellt: ein Mensch-ärger-dich-nicht-Turnier auf dem Rotenburger Pferdemarkt, ein Bobbycarrennen oder die große Kuscheltier-Sammelaktion.

Gern hätte er einen der ehemaligen Bürgermeister herausgefordert, „aber das hätte wohl nicht halb so viel ergeben wie bei mir“, konstatiert er schmunzelnd mit einem Blick auf die „Ausbeute“ auf dem Frisiertisch. Haare wie die des Vater-Tochter-Gespanns sind gefragt: gesund, unbehandelt – Dauerwelle ist ein No-Go, und möglichst ungefärbt. Durchschnittlich alle zwei Wochen komme jemand zum Spenden, allerdings kaum Männer. „Die Herren haben ja selten die nötige Länge“, weiß Kaldinski. Dass mehrere Personen zusammen spenden, schon häufiger: „Oft Freundinnen oder auch mal Geschwister.“ Sogar junge Mädchen hat sie ab und zu auf dem Stuhl, „dann hat das meist einen familiären Hintergrund“, erklärt sie. Die jüngste sei noch keine zehn Jahre alt gewesen, „da muss man schon mal schlucken“.

Ratering und seine Tochter hoffen, auch ein bisschen Vorbild für andere zu sein: „Bei vielen ist die Möglichkeit gar nicht so präsent.“ Eine Freundin habe die 32-Jährige schon „angesteckt“, auch Cousin und Cousine seien am Überlegen. Wenn genügend Haare zusammen gekommen sind, gehen die Perücken in spe, schön sauber und trocken, per Post auf Reisen. „Letztes Mal in einem anderen Salon musste ich das noch selbst organisieren“, begrüßt Michaela Ratering Kaldinskis Engagement. Sie muss noch einige Zeit warten, bevor sie mit dem Vater mit frischem Kurzhaarschnitt von wenigen Zentimetern Länge wieder die Heimreise nach Rotenburg antreten kann. Der hat nachher noch Dienst bei seiner Wohngruppe in Unterstedt. „Mal sehen, ob die mich dann noch erkennen – falls alle Stränge reißen, habe ich eine Mütze mit!“

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