Von Bothel nach Sothel

Sotheler stellt Garbers Huus Dorfgemeinschaft zur Verfügung

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Die Radfahrgruppe mit Mitgliedern aus Wittkopsbostel, Sothel und Westeresch. Sie längst nicht die einzigen Besucher, die immer wieder gerne in Garbers Huus einkehren.

Sothel - Von Lars Warnecke. Was hat Sothel mit Bothel, dem gut 25 Kilometer weit entfernten Örtchen zwischen der Wiedau und der Rodau gemeinsam? Nichts? Doch, und zwar ein mehr als 260 Jahre altes Bauernhaus. Bis 1960 stand Garbers Huus, so der Name der Hofanlage, an der Trocheler Straße in Bothel.

Danach verschwand sie aus dem Ortsbild – nicht aber aus dem Gedächtnis von Hans-Dieter Gerken und seiner Frau Inge. Nach einem halben Jahrhundert hat das Paar das Bauernhaus, in dem Inge Gerken das Licht der Welt erblickte, in Sothel, seinem Heimatort, weitestgehend originalgetreu wieder aufbauen lassen. Stein für Stein. Holzbalken für Holzbalken. Heute dient das schmucke, kleine Fachwerkhäuschen als Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft.

Der Eigentümer – Schirmmütze, Brille, grüner Pulli, Teetasse in der Hand – empfängt die Radfahrer vor dem Haus. Knapp 20 Männer sind es, die heute auf ihrer Tour in Garbers Huus zur Rast einkehren. Es ist die Seniorengruppe um Organisator Friedhelm Piech. Alle zwei Wochen treten die Herren aus Wittkopsbostel, aus Sothel und Westeresch in die Pedale – bei Wind und Wetter, immer mit einem anderen Ziel vor Augen. „Was bei unseren Ausflügen aber nie fehlen darf, ist eine Mettwurst und eine Flasche Korn“, schmunzelt Piech.

Garbers Huus gleicht einem Museum

Drinnen duftet es nach frischgebrühtem Kaffee, nach Butterkuchen und Eichenholz. Aus einem Lautsprecher dringt dezent Musik. Draußen begrüßt Hans-Dieter Gerken seine Freunde mit einer herzlichen Umarmung. Keine fünf Minuten später sitzen die Männer, niemand ist hier unter 60, auf der Diele beisammen. Es wird geklönt und gelacht, wie so oft, wenn Gerken die Tür aufschließt. Und wie so oft will auch heute jemand aus der Runde vom Hausherrn wissen: „Mensch Hans-Dieter, wo hast du das alte Schätzchen denn schon wieder her?“

Tatsächlich gleicht Garbers Huus einem Museum, einem Museum für Heimatkunde, innen wie außen: Hier steht ein alter Schrank, dort ein uriger Ofen. Gemälde des Künstlers Ernst Müller-Scheeßel schmücken die Wände, eine rustikale Kuckucksuhr zeigt an, welche Stunde geschlagen hat. Das 1753 erbaute Gemäuer, das wird einem schon beim ersten Betreten bewusst, atmet Geschichte. „Ich habe halt schon immer gerne altes Zeug gesammelt“, sagt Gerken. Dazu zählen auch ein steinerner Brunnen, Baujahr 1715, Dachdecker-stühle aus dem Nachlass des Urgroßvaters und eine antike Honigpresse – so massiv, dass sie sich von einer einzelnen Person keinen Zentimeter bewegen ließe. Sein besonderer Stolz ist in einer Glasvitrine ausgestellt: Ein Buch von 1611 über die Weltgeschichte, wie man sie sich vor 400 Jahren vorgestellt hat – nebst original Stichen von alten Landkarten.

Verbundenheit zur Tradition

Früher war der 72-Jährige mal Maurer und Bauleiter, lebt heute noch in einem riesigen Prachtbau mit weißen Spitztürmen und einer weitläufigen Gartenanlage. In Sothel und umzu ist er bekannt wie ein bunter Hund, ebenso seine inzwischen verstorbene Frau Inge, die Zeit ihres Lebens kräftig bei den Landfrauen mitmischte. Die Liebe zur Heimat und die Verbundenheit zur Tradition bewegte das Paar dazu, Garbers Huus, das sich seit dem Jahr 1900 im Besitz von Inge Gerkens Familie befand, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dazu mussten die Puzzleteile aber erst mal allesamt wieder zusammengesetzt werden, erzählt Gerken. „Meine Schwiegereltern hatten das Haus damals Stein für Stein abgetragen und alles mitsamt seinem Inventar, vom Holzpflug bis zum Trecker, in einem Wagenschauer trocken eingelagert.“ Ein Zimmermann aus Scheeßel habe dann nach Gerkens Plänen die Einzelteile so hergerichtet, dass das Bauernhaus überwiegend im ursprünglichen Zustand wieder rekonstruiert werden konnte. „Natürlich alles eine Nummer kleiner, denn die Hofanlage hatte ja gewaltige Ausmaße“, sagt der Rentner.

Eine besondere Herausforderung sei es gewesen, die fast 300 Jahre alten Steine unter Einsatz eines Sandstrahlers wieder in ihrer ursprünglichen Farbe erstrahlen zu lassen. „Die waren alle mal pechschwarz, wie das nun mal so ist bei einem jahrhundertealten Rauchhaus ohne Schornstein.“

2014 wurde Einweihung gefeiert

Freunde, Familie, Fachkräfte – sie alle packten mit an, um das Projekt „Dorfgemeinschaftshaus für Sothel“ Wirklichkeit werden zu lassen. 2014 konnte schließlich Einweihung gefeiert werden, direkt auf einer von einem Landwirt abgekauften Grundstück hinter der Gerken-Villa. „Wie schön, dass meine Frau das wenigstens noch erleben durfte“, meint der leidenschaftliche Antiquitätensammler. Seitdem steht Garbers Huus dem ganzen Ort, aber auch den umliegenden Dörfern wie Hetzwege und Wittkopsbostel zur freien Verfügung – für Kochveranstaltungen und Bastelnachmittage, aber auch für Adventsfeiern und Ausstellungen.

Und die Betonung liegt auf „frei“, denn wirtschaftlichen Profit, beteuert der 72-Jährige, wolle er aus dem Betrieb keineswegs schlagen, das sei auch nie das Ansinnen seiner Frau gewesen. „Die Leute sollen hier ruhig feiern, solange sich nicht die Balken biegen“, sagt Gerken, „und wenn ich ihnen nebenbei auch noch den ganzen alten Kram erklären kann, ist das für mich umso schöner.“

Das, gesteht er, könne er im Übrigen stundenlang. Oft sitze er abends alleine in dem wieder zum Leben erwachten Bauernhaus und stöbere in alten Dokumenten, schaue sich antike Münzen an oder denke einfach über das Leben nach. Noch heute, fast anderthalb Jahre nach dem Tod seiner Frau, sitzt die Trauer tief. Dieser Tag ist aber ein fröhlicher Tag – Hans Dieter Gerken feiert seinen Geburtstag – mit Butterkuchen, Kaffee und Würstchen vom Grill. Und mit seinen „Fahrradjungs“ befindet sich der Sotheler in denkbar allerbester Gesellschaft.

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