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Sabotage im Scheeßeler Hof? Pächter erlebt böse Überraschungen

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Von: Ulla Heyne

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Hinter dieser Lüftungsklappe befindet sich die Schale mit Lauge, die dem Pächter die Hand verätzte.
Hinter dieser Lüftungsklappe befindet sich die Schale mit Lauge, die dem Pächter die Hand verätzte. © Heyne

Julian Bach möchte als neuer Pächter des Scheeßeler Hofes durchstarten. Doch offenbar gönnt ihm das jemand nicht. Im Gasthaus mehren sich Sabotageakte, Bach selbst musste nach einem Lauge-Zwischenfall sogar ins Krankenhaus. Die Polizei ist eingeschaltet.

Scheeßel – Erst verkündet Julian Bach noch freudig seinen Start, im nächsten Moment erlebt er schon eine böse Überraschung: Eigentlich hatte er sich auf die kommenden Wochen gefreut – darauf, als neuer Pächter des Scheeßeler Hofs die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung Anfang Mai zu treffen. Dass diese im Krankenhaus enden würden, hätte der Koch bei seiner Zusage auf die Übernahme-Anfrage der Investoren vor einigen Wochen wohl nicht für möglich gehalten. Genauso wenig wie die bleibenden Verätzungen seiner linken Hand.

Die Pachtzusage für die Traditionsgaststätte im Kernort – sie war nicht überall gut aufgenommen worden, wie der Wahl-Scheeßeler in den vorigen Wochen feststellen musste. „In ansässigen Geschäften hieß es, man solle nicht mir zusammenarbeiten“, berichtet der nach Scheeßel wechselnde junge Hamburger Koch Julian Bach. Es seien gezielt Gerüchte gestreut worden, um potenzielle Mitarbeiter und Geschäftspartner abzuschrecken. „Das ging schon fast in Richtung Rufmord.“ Auch als er in der ihm hinterlassenen Telefonliste der offenen Aufträge „Zahlendreher“ entdeckte, konnte der 33-Jährige noch über den vermeintlichen Scherz schmunzeln: Bei einem gebuchten Catering meldete sich die Polizei, bei einem anderen ein China-Restaurant oder ein Bordell.

Im Keller hat jemand die Zuleitungen der Zapfhähne angeritzt oder sogar ganz durchtrennt.
Im Keller hat jemand die Zuleitungen der Zapfhähne angeritzt oder sogar ganz durchtrennt. © Heyne

Weniger lustig seine Entdeckung, dass einige Ventile der Zapfanlage mit Stöckchen blockiert worden waren. Der Verdacht der Sabotage liegt auf der Hand. Bach informiert die Eigentümer, für den folgenden Nachmittag wird ein Termin mit der Polizei anberaumt. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Schäden, sondern auch um die Verletzungsgefahr: „Spätestens beim Tanz in den ersten Mai wäre das dem Barkeeper um die Ohren geflogen“, erklärt Bach. Der Schock sitzt tief, der Koch redet sich sein Unbehagen im persönlichen Umfeld von der Seele.

Und er soll schon bald eine Ahnung dessen bekommen, was noch kommen soll. Aus der örtlichen Gastroszene bekommt er einen Tipp, dass die Manipulationen im Scheeßeler Hof ein viel größeres Ausmaß haben könnten, als nur die bisher entdeckten „Streiche“.

Razzia am nächsten Morgen

Die eigene Razzia am folgenden Morgen bringt traurige Gewissheit. Die Waschmaschine in der Küche ist mit Erde befüllt betrieben worden. In einem Küchenschrank versteckt entdecken er und ein Mitarbeiter Gefäße mit schon vergorener Butter und Schmalz: „Wenn jemand das Gesundheitsamt angerufen hätte – die hätten uns den Laden für drei Monate zugemacht.“ Doch es soll noch schlimmer kommen: In der Flasche für Bratkrustenentferner ist die Reinigungsflüssigkeit mit altem Frittierfett vermischt worden. „Damit wäre die Küche ruiniert gewesen.“

Als Bach dann in der Küche die Lüftungsklappe hoch über seinem Kopf öffnet, kommt ihm ein Schälchen mit einer Flüssigkeit entgegen. „Gottseidank konnte ich noch beiseite springen, so hat es nur meine Hand getroffen.“ Er wäscht sich schnell die Hände, schließlich wartet eine Besprechung zur neuen Website. Dort habe die Haut Blasen geworfen und sei aufgerissen – Bach ruft einen Krankenwagen.

Versteckte Tiegel mit vergorener Butter und Schmalz – für das Gesundheitsamt ist das ein Schließungsgrund.
Versteckte Tiegel mit vergorener Butter und Schmalz – für das Gesundheitsamt ist das ein Schließungsgrund. © Heyne

Im Krankenhaus habe man ihm bestätigt: „Verätzungen durch Lauge – das Auswaschen war in dem Fall das Falscheste, was ich hätte machen können.“ Was hätte passieren können, wenn die Flüssigkeit ins Gesicht oder gar in die Augen geraten wäre – ihm selbst, vor allem aber seiner Freundin oder Mutter, die ihm beim Aufklaren der Räumlichkeiten unterstützen, mag er sich nicht vorstellen. Der vorläufige Rest der Geschichte ist aktenkundig: Die Aufnahme des Falls durch die Polizei, später Spurensicherung durch die Kripo. Inzwischen sind auch die angeritzten Leitungen der Zapfanlage im Keller entdeckt worden. Der dringende Verdacht einer Manipulation am Gasherd wird dieser Tage durch ein Sicherheitsunternehmen geprüft, auch ein Besuch einer Reinigungsfirma steht noch aus.

Polizeisprecher Heiner van der Werp bestätigt auf Nachfrage, dass der Fall zur Anzeige gebracht worden sei: „Es ist bei uns eine Strafanzeige eingegangen; auch gibt es einen Beschuldigten, gegen den sich die Ermittlungen richten.“ Nicht bestätigen will er unter Berufung auf die noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen, dass es sich beim potenziellen Täter um eine Person aus dem Umfeld des früheren Personals des Scheeßeler Hofs handeln könne, und dass bereits ein Teilgeständnis sowie mögliche schriftliche Beweise aus einem Gruppenchatverlauf vorliegen sollen.

Das lasse ich mir von einem Einzelnen nicht kaputtmachen.

Julian Bach

Auch eine mögliche Mittäterschaft durch „Rat und Tat“-Hilfe werde im Zuge der Ermittlungen, vorerst wegen „gefährlicher Körperverletzung“, zu prüfen sein. „Wir ermitteln auch in diese Richtung, Entscheidungen werden jedoch von der Staatsanwaltschaft getroffen“, erklärt van der Werp. Auch ob die Anklage noch „aufgestockt“ werde und ob der Fall vor Gericht landet, sei Sache der Behörden.

Und der Geschädigte? Nervlich angeschlagen, würde er die Angelegenheit am liebsten so schnell wie möglich abhaken. Sein Entschluss, den Scheeßeler Hof zu übernehmen „und etwas Schönes für den Ort daraus zu machen“, steht: „Das lasse ich mir von einem Einzelnen nicht kaputtmachen“, meint er nach einigen Tagen des Zweifelns überzeugt. Ob das Gefühl im tauben Finger zurückkehrt, weiß er nicht – die Spuren auf Hand und Seele werden bleiben.

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