Theaterfrühling: Achtklässler bringen Adaption von „Herr der Fliegen“ auf die Bühne

Beklemmend reduzierte Inszenierung

Am Ende des „Gesellschaftsspiels” sind die Gejagten nicht mehr nur Schweine. - Fotos Heyne

Scheeßel - Wie funktioniert eine Gemeinschaft, was hält sie zusammen, wie weit geht Mitmenschlichkeit und wann setzt sich die Triebhaftigkeit durch, die Menschen zu Tieren werden lässt? Kein leichter Stoff, den sich die Achtklässler des Wahlpflichtkurses Darstellendes Spiel der Scheeßeler Eichenschule unter Leitung von Uwe Deutschmann sich bei ihrer Premiere am Mittwochabend mit dem Stück „Feuerland“ vorgenommen hatten. Wie in dem Klassiker „Herr der Fliegen“ von William Golding strandet auch in der Adaption von Moritz Heger und Erik Strub eine Gruppe Jugendlicher auf einer einsamen Insel.

Nach der ersten zögerlichen Bestandsaufnahme („Wie viele sind wir überhaupt noch?“) organisiert man sich schnell: Mit seiner natürlichen Dominanz wird Jurek zum Anführer gewählt, die Aufteilung der Aufgaben wie Signalfeuer, Hüttenbau und Nahrungssuche ist schnell organisiert.

Schon hier werden die Charaktere fein herausgearbeitet; der Haderer, der Witzbold und der Optimist: Das alles zeigt sich im Umgang mit der Krise. Doch schon bei der ersten Treibjagd auf ein wildes Schwein deutet sich die Krise an: Während die einen Hemmungen haben zu töten, scheint es anderen geradezu Spaß zu machen. Der unfreiwillige Aufenthalt auf der Insel verdichtet sich: In Gesprächen, Halluzinationen, Vorahnungen und Tagträumen zeigen sich die Facetten der Zwischenmenschlichkeit: Zarte Annäherungen, Imponiergehabe, die Möglichkeiten eines rechtsfreien Raums. Aus einer Mutprobe wird unversehens ein Machtkampf, der schlussendlich in der Entzweiung der Gruppen, zur Trennung von Vernunft und Anarchie führt.

Wenige Hilfsmittel schildern das Grauen

Die Stärke der Inszenierung liegt in ihrer Reduziertheit: Mit wenig Hilfsmitteln wird das zunehmende Grauen geschildert: Zerrissene Kleidung und Tribals auf den Gesichtern symbolisieren die Verrohung, das meiste spielt sich eh im Kopf ab. Dass es bei der Jagd kein Schwein braucht, keinen Sand, um eine Insel darzustellen: Das alles thematisiert der Autor auch in der einzigen Szene, bei dem die Akteure aus der Handlung herauskommen und einige Regieanweisungen erläutern. „Das war alles so im Stück“, erklärt Spielleiter Uwe Deutschmann später. Geändert habe man allerdings einige Szenen, „zum Beispiel die der Demütigung.“ Statt Füße küssen wird das Opfer nun gejagt – indem die Jäger aus dem Mensch ein Tier machen, werden sie selbst zu Tieren. Dabei lassen die ritualisierten Handlungen bei der Jagd, markante Slogans des Anführers und tantrahafte Hooligan-Gesänge, die das Nachdenken ersparen, Beklemmung im Publikum aufkommen – das ist alles nicht allzu weit von dem entfernt, was täglich durch die Nachrichten flimmert. Am Ende klebt an den Händen der Jäger menschliches Blut – doch Schuld sind immer die anderen. Eine beklemmene Inszenierung, die noch einmal heute ab 19.30 Uhr im Theatersaal der Eichenschule zu sehen ist.

hey

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