Beekelöwen vermissen das Hurricane und andere Möglichkeiten der Präsenz

Zwischen den Stühlen

Nach Prognosen der Beekelöwen gehen die mehr als 200 Campingstühle beim nächsten Hurricane an den ersten beiden Tagen gegen Spende weg.
+
Nach den Prognosen der Beekelöwen gehen die mehr als 200 Campingstühle beim nächsten Hurricane an den ersten beiden Tagen gegen Spende weg.

Scheeßel – Wohin das Auge blickt: Stühle, nichts als Stühle. Genauer gesagt, Campingstühle, viele mit Edding beschriftet: „Chefkoch“, „Claudia ihrer“ oder „Hurricane 2014/2017/2018/2019“. Das für so viele Einsätze top erhaltene Exemplar in Knall-Lila ist für Thomas Voß und seine Mitstreiter ein „alter Bekannter“: „Den kriegen wir jedes Jahr wieder und geben ihn im Folgejahr wieder aus.“

Und genauso funktioniert die Idee, vor vielen Jahren unter dem Eindruck der Unmassen eigentlich noch gut brauchbarer Festival-Hinterlassenschaften geboren: Jedes Jahr, zumindest vor Corona, zieht der Unterstützerkreis der Beekelöwen, gern mit Hilfe von Schülern und anderen Helfern, am Abreisetag mit Einverständnis des Veranstalters über das Gelände am Eichenring, um wiederverwertbare Camping-Utensilien zu bergen.

In den Anfangsjahren lag das Augenmerk auf Zelte, mittlerweile haben sich die Ehrenamtler vom Unterstützerkreis des Kinder- und Jugendhospizes Löwenherz in Syke vor allem auf Campingstühle spezialisiert. „Der Abbau und spätere Wiederaufbau von Zelten zur Reinigung war einfach zu aufwendig“, erzählt Erika Gerken. Mit diesem veränderten Angebot entsprechen die Scheeßeler in ihrem Pavillon auf dem Weg zum Festivalgelände auch der Nachfrage: „Die Kids sind immer organisierter, wenn etwas an Accessoires fehlt, ist es am ehesten der Stuhl – der ist vielen zu sperrig zum Mitnehmen, andere vergessen ihn in der Bahn“, erzählt Thomas Voss, Beekelöwe der ersten Stunde und während des Hurricanes im Löwenkostüm mit „Festival-Sets“ zum Verschenken zwischen Bahnhof und Westervesede unterwegs.

Für ihn waren die Hurricane-Einsätze bis zur Corona-Pause die wichtigste der vielen jährlichen Aktivitäten, vom Infostand bis zur Tombola. Nicht nur wegen der großen geografischen Reichweite, zieht das Hurricane doch Besucher von Nah und Fern an. Sondern auch wegen der Zielgruppe: Junge Leute zu erreichen, das sei heutzutage nicht immer einfach.

Das gilt auch für die Mitstreiter in den eigenen Reihen. An diesem Tag helfen gleich drei junge Menschen – neben dem zwölfjährigen Jan Neubacher, der als Enkel dabei ist, auch Niki Indorf, die ihre Cousine Jette Czech zur Verstärkung mitgebracht hat. Die 16-Jährige engagiert sich schon seit 2018 bei den Beekelöwen, sammelt Stühle und verkauft sie am Stand. Doch wenn sie im Freundeskreis herumfragt, wer helfen würde, halte sich die Resonanz in Grenzen: „Es ist in den letzten Jahren nicht gerade einfacher geworden“, stellt sie fest. Dabei machen die mehrstündigen Einsätze – sechs Stunden können beim Sichten und Säubern noch wiedervermittelbarer Camping-Accessoires locker ins Land gehen – nicht nur Sinn, sondern auch Spaß, wie beim XS-Entenstuhl, den Niki gerade entdeckt hat, beim Bierpong-Tisch oder der Beachgarnitur aus vier gestreiften Liegestühlen samt Zitronen-Sonnenschirm – ein Ensemble, das mittlerweile auch schon zu den „alten Bekannten“ gehört. Einige Festivalisten reservieren sich ihr Equipment sogar vorab, wenn sie die Aktion auf Facebook sehen; mehr als einmal wurden Voß & Co. mit „Da seid ihr ja wieder“ begrüßt.

Manchmal konnten wir nur sehr wenige Helfer mobilisieren, das war dann schon etwas traurig.

Thomas Voß

Gleichwohl macht er keinen Hehl daraus, dass es bei dieser überregional beachteten Aktion (sogar in Syke werden gelegentlich Campingsachen als Spende abgegeben) auch schon Tiefen und einsame Momente gab: „Manchmal konnten wir nur sehr wenige Helfer mobilisieren, das war dann schon etwas traurig“, erinnert sich der frisch gebackene Rentner. In anderen Jahren, etwa unter der tatkräftigen Unterstützung des örtlichen Motorradclubs „Kaffeeranchbiker“, seien mehr als 250 Stühle zusammengekommen. Auch dieses Mal liegt die Ausbeute, die seit zwei Jahren im Lager des Scheeßelers Andreas Villwock schlummert nach Abzug von rund zehn Prozent Ausschuss in dieser Größenordnung. Letzterer könnte den Platz für seinen Zelt- und Planenbaubetrieb eigentlich selbst gut gebrauchen, doch er zuckt nur mit den Schultern ob der verlängerten „Einquartierung“ und meint: „Versprochen ist versprochen.“

Fürs Foto wohnen Jette Czech und ihre Cousine Niki Indorf schon mal im Hurricane-Zelt zur Probe.

Das heutige Sichten und Sortieren, es dient nicht nur dem Bestand für die kommende Saison. Sondern auch dem Zusammenhalt in der Gruppe, die ihre monatlichen Treffen seit eineinhalb Jahren nicht mehr abgehalten hat. Von einem knappen Dutzend „Beekelöwen“ seien gerade mal noch drei aktiv, berichtet Ilse-Marie Voß, „wir wollen wieder Tritt fassen“, ergänzt ihr Mann.

Seit 18 Monaten schreiben die beiden statt der monatlichen Protokolle Durchhalte-Mails; die Resonanz auf ihren regelmäßigen Appell „Meldet Euch“ sei gering, auch der Kontakt nach Syke sporadisch. Ein Lichtblick war der erste Info-Stand beim Tag der Offenen Tür unlängst im Kernort: „Persönliche Präsenz ist durch nichts zu ersetzen“, hat Voß festgestellt; mittlerweile 20 Anmeldungen für die Busfahrt zum Tag der Offenen Tür des Kinderhospizes im September liegen inzwischen vor. Und die beiden geben die Hoffnung nicht auf, dass es bald wieder weitergeht. Erster Lichtblick: Der Infostand beim „Entdeckerabend“ in Sittensen könnte, so seine Hoffnung, neue Mitstreiter an Bord bringen: „Dort wird unsere Arbeit mit großem Interesse verfolgt!“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Meistgelesene Artikel

Kleine Proteste beim „Zukunftsgespräch“ <br/>mit Lars Klingbeil und Olaf Scholz

Kleine Proteste beim „Zukunftsgespräch“
mit Lars Klingbeil und Olaf Scholz

Kleine Proteste beim „Zukunftsgespräch“
mit Lars Klingbeil und Olaf Scholz
Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg ausgerufen
380 000 Euro für Sofortmaßnahmen in der Rotenburger Innenstadt

380 000 Euro für Sofortmaßnahmen in der Rotenburger Innenstadt

380 000 Euro für Sofortmaßnahmen in der Rotenburger Innenstadt
Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“: Eigentümer will bauen

Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“: Eigentümer will bauen

Pläne für Visselhöveder „Altensiedlung“: Eigentümer will bauen

Kommentare