Für mehr Akzeptanz unter Firmenchefs

Den Azubis eine Chance geben

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Setzten sich weiterhin Hand in Hand für die Integration von Flüchtlingen ein: Paul Göttert (v.l.), Volker Hansen, René Meinke, Anja Schürmann, Heike Windler, Frank Thies und Käthe Dittmer-Scheele. 

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Qualifizierte Arbeit will gelernt sein – das gilt für die jungen Geflüchteten, die eine Berufsausbildung anstreben, wie für ihre deutschen Altersgenossen auch. Nur, darin sind sich die in der Scheeßeler Flüchtlingsarbeit Verantwortlichen einig: Der Weg hin zu einer langfristig angelegten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, er ist bei allen positiven Beispielen, die es auch in der Gemeinde zu nennen gäbe, für manche immer noch steinig – auch, weil nicht jeder potenzielle Arbeitgeber bereit ist, das „Wagnis“ einzugehen.

Volker Hansen ist der Chef auf dem Campus am Helvesieker Weg. Knapp 60 Menschen, und damit etwas mehr als ein Drittel aller aktuell in der Gemeinde lebenden Flüchtlinge, betreuen er, der Leiter der von „Human Care“ betriebenen Einrichtung, und sein Team vor Ort. Hansen kennt die Sorgen und Nöte der Bewohner, die dort zentral untergebracht sind, ebenso ihre kleinen und großen Erfolgserlebnisse. Begleitung, sagt er, ende keinesfalls bei den Sprachkursen. „Man muss die Leute auch während der Ausbildung intensiv begleiten und unterstützen, mit dem Arbeitgeber immer wieder im Austausch bleiben.“ Eine Aufgabe, bei der man auf die Hilfe aller, ob Flüchtlingshilfe oder sonstiger Ehrenamtler, angewiesen sei.

Der Mitarbeiter bei „Human Care“ weiß, wovon er spricht: Seine Firma gehört zur K&S-Unternehmensgruppe mit Sitz in Sottrum. Die betreibt Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland und würde, erläutert der Landesbeauftragte René Meinke, durchaus auch selbst jungen Geflüchteten Praktikas und Hospitanztermine im Pflegebereich anbieten – „einige sind dadurch auch schon in Ausbildungen gebracht worden – mit dem Ziel, dass da ein richtiger Job bei herauskommt.“

Und in Scheeßel? „Untergebracht sind unsere Flüchtlinge alle gut, entweder zentral oder dezentral“, beteuert Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU). Eine Vielzahl von ihnen geht inzwischen einer geregelten Arbeit nach, zum Beispiel in der Dönitz-Verpackungsfabrik im Industriegebiet.

Auf dem Campus gäbe es mittlerweile viele junge Leute, die, so René Meinke, „durchaus in der Lage sind, Arbeitsplätze zu finden – das ist auch ein Teil der Integration, wie sie heute im Vordergrund steht“. Ein Beispiel, das Anja Schürmann, die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, in diesem Zusammenhang nennt: Eine junge Frau, die vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen sei und über Sprachkurse und schulische Ausbildung inzwischen eine Lehre zur Zahnarzthelferin mache.

Dabei, ergänzt Volker Hansen, würden nicht alle Bewohner die gleich hohe Bereitschaft zeigen, diesen Weg zu gehen. „Da ist häufig der Wunsch da, ganz schnell Geld zu verdienen, da sie es aus ihren Kulturkreisen ja auch nicht anders kennen“, habe er festgestellt. „Das kann aber nicht der richtige Weg sein.“

Betroffenen brauchen moralische Unterstützung

Fünf Menschen, die im früheren Wohnheim des Eichenschulinternats leben, würden sich seiner Auskunft nach derzeit in einer Berufsausbildung befinden. Ob diese sie auch abschließen werden? „Schwer zu sagen“, meint Schürmann, der Faktor hänge allerdings nicht nur von den Azubis selbst ab: „Leider wird auf das sprachliche Unvermögen häufig wenig geachtet, die Flüchtlinge müssen den gleichen Stoff durchackern, wie die Deutschen auch“, sagt sie. Daher bräuchten die Betroffenen nicht nur Nachhilfe, sondern ebenso moralische Unterstützung, bei ihrer Lehre, um am Ball zu bleiben. „Und wenn sie das erste Lehrjahr wiederholen müssen, dann ist das kein Beinbruch, dann ist das eben so.“ Zu einer Ausbildung zwingen, könne man die jungen Menschen aber nicht. Schürmann: „Wir können sie nur dazu ermuntern und beraten.“

Wir – das sind nicht zuletzt auch die rührigen Mitglieder der Scheeßeler Flüchtlingshilfe. Deren Vorsitzender, Paul Göttert, weiß: „Die Menschen bringen sehr wohl berufsrelevante Qualitäten mit – die müssen aber erfasst werden.“ Seiner Beobachtung nach gäbe es noch zu viele Ausbildungsabbrecher, „daher müssen wir die Menschen auch dahingehend intensiv begleiten“. Wenigstens hätten viele Flüchtlinge mittlerweile einen Führerschein, der so Göttert, sich nun mit Blick auf die Arbeitenden bezahlt mache – „gerade bei uns hier im ländlichen Raum“.

Die Verantwortlichen sind überzeugt: Jemanden in Arbeit zu bringen, das sei relativ einfach. „Dass sie aber am Ball bleiben, dass sie betreut werden, das ist doch das Entscheidende“, spricht Frank Thies, Leiter des Fachbereichs Ordnung und Soziales im Scheeßeler Rathaus, allen aus der Seele. Und seine Chefin, Käthe Dittmer-Scheele, ergänzt. „Man sollte sich vorher im Klaren sein, was an Unterschieden da ist, das braucht Begleitung – auch seitens der Arbeitgeber.“

Firmen, die Interesse haben, Flüchtlingen eine Ausbildungschance zu geben, können sich mit Anja Schürmann unter 04263 / 9308-1800 in Verbindung setzen.

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