Autor und Journalist Matthias Kneip hält ersten Vortrag vor Grundschülern

Strafzettel für Deutschsprechen

+
Matthias Kneip

Scheeßel - Der Schriftsteller und Journalist Matthias Kneip wurde 1969 als Kind schlesischer Eltern in Regensburg geboren. Neben der Mitarbeit am Deutschen Polen-Institut und für Spiegel Online ist er mit Vorträgen und Lesungen aus seinen Essays und Prosatexten vor allem an Schulen unterwegs. Wir unterhielten uns mit ihm am Rande seines Gastspiels in der Scheeßeler Grundschule.

Ihr Thema als Journalist und Autor ist Polen. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu dem Land?

Matthias Kneip: Meine Eltern haben bis 1945 als Deutsche in Oberschlesien gelebt und sind nach dem Krieg dort geblieben. Dann mussten sie Polnisch lernen, wurden „kleine Polen“, bis sie Mitte der 50er Jahre mit meinen Großeltern nach Regensburg übergesiedelt sind. Ich bin 1969 dort geboren und aufgewachsen in einem Gemisch aus deutsch-polnisch-schlesisch-bayrischem Gulasch. Für uns war Polen immer ein Kuriosum. Wir hatten damit eigentlich nichts zu tun bis auf einige Gebräuche. Mein Vater ist dann Polnisch-Professor geworden.

Konnte Ihr Vater denn trotz der Umerziehung in der Jugend Polen lieben?

Kneip: Das ist das Einmalige an der Biografie, dass meine Eltern, obwohl sie polonisiert worden sind, eine ganz große Liebe zu Polen entwickelt haben. Das ergab sich durch den Kontakt zu der ostpolnischen Bildungselite. Mein Vater war der erste Deutsche, der Polonistik studiert hat. Das war eigentlich undenkbar vor dem Hintergrund, was man durchgemacht hatte. Man hat ja gekriegt.

Wie sind Sie selbst zur Beschäftigung mit Polen gekommen?

Kneip: Meine Liebe zu Polen kam nicht über die Eltern, sondern über den Umweg des Russisch-Studiums – ich wollte ja nicht bei meinem Vater studieren. 1995/96 habe ich dann in der Heimatstadt meiner Eltern gearbeitet und dort erst die Familiengeschichte so richtig begriffen. Vorher waren die polnischen Gebräuche lustig, aber fremd – und doch Teil der Familiengeschichte. Und in der gibt es viele Kuriosa: Mein Vater hat 1972/74 für die polnische Fußballnationalmannschaft gedolmetscht, in München bei der Olympiade und der WM. Das war die beste Mannschaft der Welt damals. Als Geschenk hat er die Trikots und Hosen von Spielern gekriegt. Die habe ich bis heute – die sind einen Mercedes wert! Aber als Kind hatte ich gedacht: „Bring mir lieber Beckenbauer!“ Den Wert habe ich erst später begriffen.

Warum schreiben Sie Bücher über Polen – ist das ein Stück Aufklärungsarbeit?

Kneip: Als ich Polen war, war ich schon überrascht, dass keiner kam und sagte: „Ich besuch dich mal am Wochenende.“ Die Sprache habe ich mir dann selber beigebracht ohne meine Eltern. Ein polnischer Schriftsteller, der in Polen bekannter ist als Günter Grass in Deutschland, der ein sehr enger Freund unserer Familie war, hat mir geraten: „Schreib doch mal, wie Du unser Land wahrnimmst“. Dann habe ich angefangen mit Essays, Gedichten, Reportagen, zum Beispiel für Spiegel Online. Die Idee ist, Menschen, die sich nicht für Polen interessieren, durch literarische, unterhaltsame Texte Kenntnisse zu vermitteln. Dabei gehe ich nicht auf Pointen, sondern auf den doppelten Boden. Damit bereise ich vor allem Schulen, 6000 Kilometer im Monat. Heute ist eine Premiere, weil ich zum ersten Mal in einer Grundschule bin.

Der Polen-Austausch mit Grundschulen, sind die nicht eher außergewöhnlich?

Kneip: Nein. Ich bin ja Botschafter im deutsch-polnischen Jugendwerk und es gibt sehr viele Partnerschaften; mit Grundschulen aber vor allem in Grenzgebieten im Osten. Wobei: 20 Jahre, das ist schon eine Nummer – und das in einem Gebiet, das Polen eigentlich so fern ist. Ein so intensiver und engagierter Austausch, das ist auch für mich einmalig. Deswegen bin ich ja auch extra aus Regensburg hier her gekommen.

Hat sich in jüngster Zeit das Verhältnis zu Polen verändert?

Kneip: Das würde ich schon sagen. Das Negative ist gewichen – Polenwitze werden zum Beispiel nicht mehr aus Überzeugung gerissen. Es ist oft eher so eine gewisse Gleichgültigkeit. Das ist manchmal schwieriger, da zu motivieren, als wenn man etwas nicht mag. Hier an der Schule waren die Schüler toll – die Schüler interessieren sich extrem, sind offen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Württemberg-Cup in Ristedt

Württemberg-Cup in Ristedt

Jahrestag des Münchner Amoklaufs: "Ins Mark getroffen"

Jahrestag des Münchner Amoklaufs: "Ins Mark getroffen"

Eskalation: Palästinenser brechen Kontakt zu Israel ab

Eskalation: Palästinenser brechen Kontakt zu Israel ab

Bilder: Deutsche Frauen holen Sieg gegen Italien

Bilder: Deutsche Frauen holen Sieg gegen Italien

Meistgelesene Artikel

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Aus, Schluss und vorbei: Letzte Videothek im Südkreis macht dicht

Aus, Schluss und vorbei: Letzte Videothek im Südkreis macht dicht

Kommentare