„Aufstehen und losgehen zu den Menschen“

Time-to-Talk-Gast Bettina Becker berührt und amüsiert das Publikum zugleich

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Bettina Becker (l.) mit den Time-to-talk-Koordinatorinnen Sabine Besel (Mitte) und Sonja Dreyer. 

Hamersen/Scheeßel - . Die Verlegung des Time-to-talk-Abends vom Scheeßeler Hof in den Gasthof zur alten Linde in Hamersen war offensichtlich kein Grund für die Fans aus den Gemeinden zwischen Scheeßel und Sittensen: An die 120 Frauen ließen es sich nicht nehmen, ein paar anregende Stunden im Kreise Gleichgesinnter zu verbringen, zumal der Abend mit Bettina Becker eine interessante Mischung aus Lesung und Unterhaltung versprach.

Becker – nach strapaziöser Anreise aus Magdeburg per Zug und Auto glücklich in Hamersen gelandet – wirkte taufrisch und stieg voll motiviert in die Lesung aus ihrem kürzlich erschienenen Buch „Herausspaziert“ ein: „Mutig war ich nur in meiner Fantasie – als ich aus meiner kleinen Welt herausspazierte, hat mein Herz ganz schön geklopft.“ Und trotzdem hätte die in einem 200-Seelen-Dorf im Sauerland geborene 38-Jährige dieses Wagnis nie bereut. Nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau tat sie den ersten Schritt heraus durch ein Theologiestudium. Sie stieß schnell an ihre Grenzen, als sie in einem Feldversuch Kontakt mit Prostituierten aufnahm, wurde aber für ihren Mut und ihre Wertschätzung von diesen Frauen gemocht. „Hinter jedem steckt ein Schicksal, ob durch Familie, Politik oder andere Umstände verursacht – wir sollten niemals vorschnell urteilen, sondern auf die Menschen zugehen, um die Hintergründe zu erfahren.“

Der Zufall wollte es, dass es Becker durch ein Musik-Engagement ihres Mannes Simon nach Magdeburg verschlug. Und wieder wurde ein Vorurteil ausgeräumt: Beim ersten Auftritt trafen sie auf Jugendliche, die gewaltverherrlichende Texte mitgrölten, dann jedoch zu ihrem großen Erstaunen genauso textsicher die soften Balladen ihres Mannes mitsangen.

Psychologische Fragespiele

Das Interesse war geweckt, und man zog nach Magdeburg. Hier gründeten sie den Verein „Sunrise“, der sich nach dem Leitgedanken „In jedes Dunkel passt ein Licht, es ist schon da, man muss es nur entdecken“ um Benachteiligte in der Gesellschaft kümmert. Der Fußballverein 1. FC Knast oder die Obdachlosenhilfe sind nur zwei Beispiele; Becker selbst engagiert sich ganz besonders für das Theater mit geflüchteten Kindern.

„Mein Buch gibt keine schlauen Antworten, sondern wirft Fragen auf, die auftauchen, wenn man herausspaziert. Ich beschreibe meine positiven und schmerzhaften Erlebnisse und Erfahrungen – sie sollen herausfordern, berühren und vor allem Mut machen“, so die dreifache Mutter, Theologin und Theaterpädagogin. Dabei sei es egal, welches Leben man führe und ob man manchmal feige, sprachlos oder vorwitzig und spontan wäre. „Wir brauchen Menschen, die herausspazieren aus ihrem täglichen Umfeld, die aufstehen und losgehen zu den Menschen in ihrem Ort, die Hoffnung verbreiten und sich für eine gute Zukunft einsetzen“, insistierte die Autorin.

Zwischen ihren Textbeiträgen unterhielt Becker die Frauen mit psychologischen Fragespielen und Improvisationstheater mit Akteuren aus dem Publikum – beides kam bestens an. 

 uj

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