Show-Häckseln zieht Teilnehmer und Schaulustige an

Auf dem Westerholzer Maisfeld ist die Hölle los

Schon von Weitem zu sehen: Optisch machten die historischen Maschinen einiges her.
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Schon von Weitem zu sehen: Optisch machten die historischen Maschinen einiges her.

Scheeßel – Treckergespanne, die umeinander herum rangieren, gehäckselter Mais, der im hohen Bogen auf Anhängern landet, Rußwolken, die in den sonntäglichen Westerholzer Himmel qualmen und von einem kleinen Heer von Schaulustigen bejubelt werden wie Feuerwerke: Auf dem Maisfeld ist die Hölle los.

Die Zuschauer und Fahrer der vier Maishäcksler und rund eines Dutzends Gespanne, die die Maissilage auf einen Hof in Borchel fahren, wähnen sich beim Schau-Mähdreschen mit historischen Maschinen eher im Himmel. Familien mit drei Generationen und Hund, vorwiegend männliche Freundesgruppen und auch einige Anhänger der Treckerszene aus dem weiteren Umkreis haben sich an diesem Sonntag auf dem rund fünf Hektar großen, von Landwirt Heiner Junck gepachteten Maisfeld zusammengefunden – zum vierten Mal. „Und es werden immer mehr“, frohlockt der Blogger. Mit seinen Facebook-Vlogs hauptsächlich zu landwirtschaftlichen Themen nahm die Idee ihren Anfang; Drei Jungen aus seiner Anhängerschaft hatten angefragt, ob sie mithäckseln dürften, später wollten sie mit ihren eigenen Maschinen dabei sein.

In der mittlerweile vierten Auflage hat sich das Schauhäckseln mit historischen Maschinen längst in der Szene herumgesprochen. Junck und seine beiden Söhne, 24 und 25, denen er mit dieser Veranstaltung gern einen Wunsch verwirklicht, kennen längst nicht mehr alle Fahrer, die teilweise angemeldet, teilweise spontan vorbeikommen, um ein paar Stunden mitzumischen. Allen gemeinsam: das breite Grinsen, das Geknatter, der Strahl der meist auf den Anhänger geblasenen Häcksel. Das scheint bei Fahrern wie Zuschauern Endorphine freizusetzen. Geht mal was daneben, erntet der Treckerfahrer neben einer Breitseite Silage auch Gelächter.

„Alte Technik in Aktion – wo hat man das noch?“, meint Jörg Gerken. Der Nartumer ist mit Sohn und Freunden aus Wittorf „über Mundpropaganda“ hier. „Da kommt der Lanz“, kommentiert Sohnemann fachmännisch. Der Vater, Lkw-Fahrer eines Lohnunternehmers fachsimpelt mit den Kumpels: Ein-, Zwei- oder Dreireiher, PS-Zahlen – die großen Jungs kennen sich aus. Einer, seines Zeichens Landmaschinen-Mechaniker, hat einige der 30 bis 70 Jahre alten Gefährte als Azubi selbst noch unter den Fingern gehabt, ein anderer ist als Nachbarskind von Bauern mit ihnen aufgewachsen. Bei besonders betagten Modellen bis 1950 werden die Handys gezückt.

Jörg Gerken aus Nartum und Sohn nahmen das Häckselgut in Augenschein.

Einige Stoppel weiter inspiziert eine Familie einen auf dem Feld abgestellten Trecker. Eine Panne und damit das Ende der Fahrt? Mitnichten, per Handy wird vom heimatlichen Hof eine neue Antriebswelle geordert.

Was für viele hier ein Hobby ist, Organisator Junck schätzt den Anteil der hauptberuflichen Landwirte heute auf nur 30 Prozent, ist für den Gnarrenburger Hauptberuf. Seit die Maschinen der Lohnunternehmer immer größer wurden und kleine Flächen, noch dazu im Moor, nicht mehr bedient werden, setzt er seit einigen Jahren konsequent die alte Technik ein. 2017 brauchte er für die vier Hektar bei Nässe zwei Wochen; heute kommen die Nachbarn zusammen, um sich gegenseitig zu helfen. Für viele hier ist das gemeinsame Erleben auch ein Ausbruch aus dem Alltag – anders kann sich Junck den regen Andrang, der zum Stau beim Silo führt, nicht erklären. Viele nutzen die Pause zum Klönschnack. Amtssprache ist Platt. Erörtert werden Trends wie Shredlage, während auf dem Feld die Zuschauer die Schräglage des Anhängers bewundern, der so noch die letzten Häcksel auf dem schon stattlichen Berg mitnimmt.

Für den Hobby-Foto- und Videografen Christian Müller boten sich am Sonntag reichlich Motive.

Maishäcksel im Haar und ein breites Grinsen auf dem Gesicht hat auch Christian Müller. Der Hobby-Betreiber eines Instagram-Accounts für Treckerbilder, heute mit Videokamera, Freundin und Actionkamera unterwegs, kommt motivmäßig voll auf seine Kosten. Seine Fotos historischer Landwirtschaftsfahrzeuge sind im Trend, weiß der Ottersberger – die Zahl der Abonnenten des Treckerfans seit Kindesbeinen an ist im vergangenen Jahr explodiert: Mittlerweile sind es 3 500 bei einer Reichweite von mehr als 100 000. „Einige, die mit mir angefangen haben, leben inzwischen hauptberuflich davon.“ Bis in den Nachmittag hinein werden die Rußwolken und die Maishäckseln noch fliegen. „Je nachdem, ob der Zweireiher noch wieder flott gemacht werden kann“, meint Junck mit Blick auf den defekten Häcksler, „der schafft natürlich mehr weg.“ Für die eingeschworene Gemeinde kann es gar nicht lang genug dauern. Ein Fahrer Generation Ü50 ruft aus dem Fahrerstand: „Wie lange ist das schon her, dass ich das so gemacht hab! Nächstes Mal bring ich noch welche mit!“ Und auch Junck ist zufrieden: Für seinen nächsten Facebook-Post hat er wieder reichlich Stoff.

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