Hurricane-Fans pilgern am Wochenende zum Eichenring

Feiern ohne Festival

Die Tostedter Clique feiert vor dem Eisentor des Eichenrings in Scheeßel.
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Die Tostedter Clique feiert das Hurricane – auch ohne Live-Musik.

Jahr zwei ohne Hurricane Festival – also nichts los auf dem Eichenring? Von wegen, denn einige Fans kommen trotzdem und sorgen selbst für die passende musikalische Untermalung.

Scheeßel – Auf den wenigen schon gemähten Wiesen tummeln sich Raben, der Storch, der etwas weiter zum Wald hin steht, könnte als Wappentier Werbung für das Green Camping machen, das hier in „normalen“ Jahren naturbewusste Musikfans beherbergt. Doch das hohe Gras rund um den Eichenring und das Getreide gegenüber des Metalltors zeugen davon: Hier steigt dies Jahr keine Hurricane-Sause. Oder doch?

Auf dem Radweg rollt zügig ein Inlineskater vorbei, vom staubigen Weg um das Infield biegen zwei junge Männer auf Rädern auf die Hauptstraße ein. „Schon cool, das mal Backstage zu sehen“, meint einer, während der andere vom Handy den aktuellen Spielstand verkündet. Eine Gruppe trägt „The Eagle hasn’t landed“-T-Shirts und zieht mit Bollerwagen gen Scheeßel.

Rasmus, Hanna, Fabian und Marina wohnen inzwischen in Rotenburg, Oldenburg und Hamburg. Zum Hurricane in den Heimatort zurückzukommen, ist für sie Ehrensache. Aus ihrer Soundbar tönt Bosse. Den ganzen Tag haben sie hier gefeiert, nun wollen sie Fußball gucken.

Erinnerungen an vergangene Festivals werden wach, ans Public Viewing und die Spielstands-Durchsagen der Sportfreunde Stiller, „keine Ahnung, wann das war“, meint Fabian – 15 Jahre Hurricane sind eine lange Zeit.

Gegenüber des legendären Metalltors haben es sich kleine Gruppen auf Campingstühlen gemütlich gemacht. Für Flunkyball ist es längst zu heiß – viele sitzen dort schon den ganzen Tag und feiern. Julian Frey, wie im Vorjahr mit der Tostedter Clique vor Ort, ist im Gordon-Ramsey-Shirt aufgelaufen.  Der 23-Jährige hockt mit anderen auf Campingstühlen um einen Gasgrill, während eine Flasche mit einer „Mische“ kreist.  Die ganz eigene, unbeschwerte Festivallogik, sie ist wieder zu spüren. Wenn fremde Gruppen sich einen Besuch abstatten, ist das Flair wieder da, und Corona weit weg.

Hier wachsen nächstes Jahr höchstens Melonenbäume.

Eichenring-Besucher

Genauso die Polizei – war diese im Vorjahr noch verstärkt Streife gefahren und hatte Namen von Verantwortlichen notiert, so konstatiert Katharina Niekerken, die sich wie alle hier für Feiern statt Fußball entschieden hat: „Die sind heute Mittag drei, vier Mal vorbeigefahren und haben gewunken – das wars.

Der gelbe Sack mit leeren Dosen liegt derweil gut sichtbar an der Campingstuhlburg. „Hier wachsen nächstes Jahr höchstens Melonenbäume“, meint jemand kichernd und spuckt einen Kern.

Josefine aus Schierhorn ist zum ersten Mal dabei und freut sich auf das erste „richtige“ Hurricane, schwärmt der Vater als eingefleischter Fan doch seit vielen Jahren von der Atmosphäre, die die 20-Jährige jetzt ein Stück weit erahnen kann.

Einige Meter weiter ist Livemusik zu hören – der christliche Folk mit Gesang und Gitarre aus dem kleinen Verstärker dürfte allerdings weniger Hurricane-bühnentauglich sein. Seit 2004 prangen die Slogans „Jesus loves you“ jedes Jahr in dieser Ecke neben dem hinteren Eingang. Ob es Leslie Brammer und Andreas Schoen um die Menschen hier geht oder die Präsenz auch für sie selbst wichtig ist? „Es geht um Jesus“, lautet die Botschaft, die sonst bis zu 80 Mitstreiter unter den Festivalisten zu verbreiten versuchen.

Dieses Jahr ist die Belegschaft entsprechend kleiner. Die kleine Gruppe Alt-Scheeßeler plus minus 50, die dort tanzt und picknickt, wo sonst das Riesenrad steht, ist jedenfalls ob der Missionierungsaktivitäten wenig beeindruckt.

Hier zu feiern ist alternativlos. Auch wenn es live schöner ist: Es nützt ja nix!“, bringt es eine der Frauen auf den Punkt. „Jetzt fahren wir erst mal nach Hause, Handbrot essen“, meint sie, bevor die karierten Decken zusammengefaltet und auf die Gepäckträger geschnallt werden.

Sie kommen sogar dann zum Feiern zurück in ihren Heimatort, wenn das Hurricane Festival in Scheeßel ausfällt: Rasmus (v. l.), Hanna, Fabian und Marina ziehen mit Bollerwagen zum Eichenring.

Und auf einmal schallt er doch noch übers Gelände, der typische Hurricane-Sound. Zu hören statt zu sehen sind „Swiss & Die Anderen“ – sie hätten eigentlich an diesem Wochenende spielen sollen. Auf dem Fleckchen zwischen Green und Blue Stage hat Jan – Nachnamen sind bei Festivals Schall und Rauch – mit zwei Kumpels eine veritable Soundanlage auf einem Anhänger aufgebaut. „Zu schade nur für den Vatertag“, haben die drei Scheeßeler befunden. Statt des üblichen Familientreffens am Bierstand – Jan wurde 2003 zum ersten Mal von seinen Eltern mitgenommen und trifft hier einmal im Jahr Eltern, Tanten und Onkel – hat der Scheeßeler eine Playlist mit den Lieblingsbands der Vorjahre erstellt.

Die auf einem DIN A4-Zettel ausgedruckten Namen wie K.I.Z., Foo Fighters, Donots und Fettes Brot klebt er an eine der Boxen. Er hofft, dass gleich nach dem Fußball noch Leute vorbeikommen, „gemacht hätten wir das aber auch nur für uns“. Während die Picknickdeckenfraktion von der Wiese nebenan verspricht, nach dem Abendbrot wieder da zu sein, wirbelt das nahende Auto mit Freunden aus Verden den typischen Hurricane-Staub auf – es verspricht ein guter Abend zu werden.

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