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Arthur Lempert führt die Klimaliste Niedersachsen an

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Von: Lars Warnecke

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Arthur Lempert sitzt in einem Strandkorb in seinem Garten.
Arthur Lempert hat die Klimaliste Niedersachsen mit aus der Taufe gehoben. Nach einem Jahr als Landesverbandsvorsitzender möchte sich der Sotheler von dem Posten wieder verabschieden. © Warnecke

Sothel – Die klimapolitische Wende „von unten“ durchsetzen – das ist das Ziel der bundesweit organisierten Klimaliste, die nun auch in Niedersachsen verstärkt Fuß fassen will. Einer, der die Partei mitbegründet hat, sowohl auf Bundes- wie auch später auf Landesebene, ist der Sotheler Arthur Lempert, ehemals Mitglied im Scheeßeler Ortsverein von Bündnis 90/Die Grünen und heute Co-Vorsitzender des Landesverbands.

Wie er „seine“ noch junge Gruppierung aufgestellt sieht, warum es die Klimaliste überhaupt braucht und weshalb er nur ein Jahr im Amt bleiben möchte – darüber haben wir uns mit dem 59-Jährigen unterhalten.

Herr Lempert, warum braucht es eine Klimaliste – auch für Niedersachsen?

Weil wir sonst keine andere Partei hierzulande haben, die tatsächlich für die Umwelt eintritt.

Die Klimaliste ist aus einer gewissen Frustration über die Politik von Bündnis 90/Die Grünen heraus entstanden ist. Wie tief sitzt der Frust bei Ihnen?

Wenn ich mir die Grünen anschaue, dann ist der Frust natürlich groß. Aus meiner Sicht ist sie eine absolute Versagerpartei, die nicht im Geringsten eine klare Richtung erkennen lässt – weder hin zu mehr erneuerbaren Energien noch zu einem Fracking-Stopp, um nur zwei Beispiele zu nennen. Nichts läuft, von daher sage ich: Die Grünen sind überflüssig. Dann kann ich auch gleich die CDU oder die SPD wählen.

Ihre Partei, die es offenbar besser machen will, versteht sich als basisdemokratische Graswurzelbewegung. Was genau ist darunter zu verstehen?

Im Grunde genommen haben wir das durchlaufen, was die Grünen auch gemacht haben: Wegen einer desolaten Politik haben sich Leute zusammengefunden, die einen Wechsel fordern. Die Grünen versagen – also war klar, dass es eine Partei braucht, die gewillt ist, gerade auch Jüngeren eine Stimme zu geben, indem wir sagen, dass das Pariser Klimaschutzabkommen, mit seinem 1,5-Grad-Ziel oberste Prämisse sein muss. Der ist alles andere unterzuordnen. Wir haben Fridays for Future, wir haben Extinction Rebellion – beides Bewegungen, die klar kommunizieren, dass uns eigentlich keine Zeit mehr bleibt – so, wie es auch Wissenschaftlter sagen. Und da ist die Klimaliste eben im Grunde genommen eine Partei, die sich genau daran orientiert. Klimaschutz bedeutet ja nicht nur Bäume zu retten oder gegen Fracking zu sein. Nein, Klimaschutz greift in so viel mehr Bereiche hinein.

Was sind denn die brennendsten Probleme in unserem Bundesland?

Obwohl Niedersachsen das größte zusammenhängende Agrarflächenbundesland ist, werden bei uns die wenigsten Nahrungsmittel für den heimischen Bedarf angebaut – weder Getreide noch Gemüse oder Obst. Das meiste ist Mais. Oder Getreide als Futter in der Massentierhaltung. Es ist doch idiotisch, dass wir Nahrungsmittel daher noch hinzukaufen müssen. Erst neulich hat mir die Mitarbeiterin einer Bäckerei in Scheeßel erzählt, dass wahrscheinlich das Sortiment verkleinert werden müsste, weil es nicht mehr genügend Mehl gibt. Bei uns herrscht eine Vermaisung, wir haben zu viele Biogasanlagen und zu viel konventionelle Landwirtschaft. Klimaschutz ist derart untergeordnet, dass er eigentlich wegfällt. Und gleichzeitig haben wir auch in Niedersachsen das dringende Problem einer drohenden Trinkwasserknappheit. In naher Zukunft wird man – wie es jetzt schon in Kalifornien der Fall ist – auch bei uns eine Behörde gründen müssen, die darauf aufpasst, dass Wasser nicht verschwendet wird.

Kleine Parteien haben es traditionell nicht einfach, viele kamen und gingen wieder. Wie lange wird es die Klimaliste noch geben?

Ich glaube ganz fest daran, dass wir in zehn Jahren noch immer über diese Partei reden werden. Ich selbst werde dann aber ganz sicher nicht mehr an der Spitze stehen, weil ich nur ein Jahr im Amt bleiben möchte. Den Verzicht auf eine weitere Kandidatur habe ich auch schon angekündigt. Danach müssen andere ran.

Ein Jahr ist eine kurze Zeit.

Mein Anliegen ist es, dass Jüngere eine Landespartei vorfinden, mit der sie arbeiten können, in der die entsprechenden Grundlagen vorhanden sind. Ich für meinen Teil bin froh, dass wir es gemeinsam geschafft haben, die Landespartei zu gründen. Hoffentlich bekommen wir jetzt noch mehr jüngere Leute dazu, damit die Klimaliste auch wächst. Denn sind wir doch mal ehrlich: Wenn wir uns Parteistrukturen angucken, sind darin größtenteils Ältere anzutreffen – das sieht man selbst in Scheeßel.

Ist für Sie nie infrage gekommen, zu einer etablierten Partei zu wechseln? Fast alle haben doch inzwischen Klimaschutz als Ziel in ihren Programmen stehen. Es wäre der bequemste Weg für Sie gewesen.

Nein, denn im Gegensatz zu anderen verkaufe ich meine Seele nicht. Sich jedem anzubiedern, Hauptsache man kommt in eine gewisse Position, die einem was auch immer bietet, das bin ich nicht. Ich habe immer ganz klar gesagt, dass ich mir nicht vorstellen kann, von der Idee der Grünen, die ich früher mal gut gefunden habe, zur SPD, zur CDU oder zu den Freien Wählern zu gehen. Deren Politik ist nicht meine. Ich kann nicht auf der einen Seite immer sagen, ich bin für eine sozialere Gerechtigkeit, für Klimaschutz, Umweltschutz und für Tierschutz, und gehe zu Parteien, die in Scheeßel wie auch sonstwo definitiv nichts mit alledem am Hut haben. Und wenn ich Klientelpolitik machen möchte, bin ich auch nicht der Richtige dafür.

Waren Sie enttäuscht, bei der letzten Kommunalwahl über die Bürgerliste „Klima, Gesundheit, Soziales“ nicht mehr in den Gemeinderat Scheeßel gewählt worden zu sein?

Ja, natürlich, sonst wäre ich auch gar nicht angetreten. Fakt ist: Uns war klar, dass unsere Chancen relativ gering sind. Die Leute wussten offenbar nicht, was sie mit der Bürgerliste anfangen sollen, obwohl wir im Wahlkampf durchaus positive Rückmeldungen bekommen haben. Im Nachhinein bin ich sogar froh darüber, in diesem Gemeinderat nicht arbeiten zu müssen.

Inwiefern froh?

Ich finde es schon bedenklich, wenn sich unterschiedliche Personen zusammenschließen und man den Eindruck gewinnt, es geht nicht um das Kämpfen der bestmöglichen Entscheidung, sondern in erste Linie darum, mit einer Mehrheit die CDU auszubremsen. Wenn ich mir vorstelle, das fünf Jahre lang jedes Mal zu erleben, bin ich froh, nur Landesvorsitzender zu sein (lacht).

Als solcher sind Sie mit Uta Tümler nun seit fünf Monaten an der Doppelspitze. Auch sie kommt als Bothelerin aus dem Landkreis. Zufall oder Absicht?

Man muss wissen: Unser Landkreis stellt im Landesverband die meisten Mitglieder. Es ist ja auch nicht einfach. Viele haben sich von den Grünen abgewendet, wollen mit Parteien erstmal nichts mehr am Hut haben, sondern agieren zurzeit sicherheitshalber in Klimabündnissen. Diese Menschen müssen wir als Klimaliste wieder erreichen, dass sie wirklich glauben, dass wir das, was wir sagen, auch umsetzen wollen. Ganz sicher warten einige aber auch erstmal ab, wie die nächsten Wahlen laufen werden – in diesem Fall die Landtagswahl im Oktober.

Bei der die Klimaliste tatsächlich antreten wird?

Man wird sehen. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass wir viele Kandidaten aufstellen werden können. Denn ein Wahlkampf muss ja finanziert werden, das ist immer auch eine Kostenfrage. Wenn ich im Team nicht gewährleisten kann, dass wir den Leuten einen guten Start geben können, ist es sicher besser, nochmal fünf Jahre zu warten, als nachher enttäuschte Mitstreiter zu haben. Wir werden bei unserem nächsten Landesparteitag Anfang April aber die Frage stellen, wer kandidieren möchte. Nur wer es möchte, muss wissen, dass wir finanziell nicht gut ausgestattet sind, um meinetwegen massenweise Wahlplakate zu drucken. Wer trotzdem sagt, er oder sie macht es, soll es aber sehr gerne versuchen.

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