Anouschka Stooff und Freya Borchert über ihren 24-Stunden-Job als Flüchtlingspatinnen

„Es ist ein Geben und Nehmen“

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Immer wieder freitags: Anouschka Stooff und Adam Teben haben während der Spendenannahme auf dem ehemaligen Internatsgelände alle Hände voll zu tun.

Scheeßel - Von Jessica Ginter. Heute beim Deutschunterricht, morgen im Café aushelfen, Freitag geht‘s zur Spendenannahme und am Wochenende wird gemeinsam gekocht – Anouschka Stooff hat alle Hände voll zu tun.Gemeinsam mit ihrer Mutter Freya Borchert ist die 50-Jährige Mitglied im Verein „Flüchtlingshilfe Scheeßel“ sowie ehrenamtliche Patin einer Sudanesen-WG – und das, obwohl Stooff selbst auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

Der teils große Altersunterschied, die Männer sind zwischen 21 und 60 Jahre alt, sorge in der vierköpfigen WG für keine Probleme. „Ganz im Gegenteil“, verkündet Stooff. Vor eineinhalb Jahren wurden ihre „vier Schützlinge“, wie sie die Asylbewerber nennt, in einer Wohnung in Scheeßel untergebracht. Vor ihrem Einzug waren sie sich alle völlig fremd, doch heute seien sie „wie eine richtige Familie“, stellt sie erfreut fest.

Gemeinsam mit ihrer Mutter Freya Borchert (70) hilft die Scheeßelerin den Flüchtlingen, wo sie nur kann. Von Arztbesuchen über Schwimmunterricht sowie die Planung von Ausflügen bis hin zum Lesen von komplexen Behördenbriefen stehen die beiden Frauen den in der Gemeinde untergebrachten Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite – und das 24 Stunden am Tag. „Einmal haben sie mich nachts um drei aus dem Bett geholt, weil sie einen Krankenwagen rufen wollten, sie jedoch vom Notdienst nicht verstanden wurden“, erinnert sie sich.

Auf die Idee, Flüchtlingspatin zu werden, sei sie nach ihrem Umzug von Lauenbrück in den Beeke-Ort gekommen, erzählt die gelernte Krankenschwester. „Im neuen Zuhause ist mir damals regelrecht die Decke auf den Kopf gefallen.“ Zuvor habe sie ein erfülltes Leben mit Ehemann und drei Kindern geführt. Das änderte sich jedoch, als ihr Gatte starb und die heute Alleinstehende erkrankte. Seitdem ist Stooff auf Sozialhilfe angewiesen – und besucht regelmäßig die Tafel-Ausgabestelle im Scheeßeler Bahnhof. Dort, im Herbst 2014, traf sie auch das erste Mal auf den pensionierten Pädagogen Paul Göttert, der seinerzeit Flüchtlinge bei der Essensausgabe unterstützt hatte. „Ich wurde neugierig, sprach ihn an und fragte, ob ich nicht auch ehrenamtlich mit anpacken könne“, erinnert sich Stooff an die Begegnung.

Und sie konnte. Woche für Woche ist die 50-Jährige im Lutherhaus anzutreffen, wo sie mit anderen Mitstreitern den Neuankömmlingen Deutschunterricht erteilt. „Nach einer Weile habe ich auch meine Mutter mit ins Boot geholt“, sagt sie.

Mit der Zeit ist ihr Aufgabenfeld in der Flüchtlingsarbeit gewachsen – so sehr, dass Stooff kaum noch Zeit für andere Dinge bleibt. Auch beim Einkaufen geben die Patinnen den lerneifrigen Männern jede Menge Ratschläge, um sich besser im neuen Land, unter den fremden Menschen und der neuen Kultur zurechtzufinden.

Aber nicht nur die Asylbewerber lernen neues dazu, auch Stooff und Borchert selbst. „Durch das gemeinsame Kochen probieren wir viele Rezepte und neue Gewürze aus“, schwärmen die beiden. „Wir wollen ihre Kultur auch ein Stück weit kennenlernen.“ Es sei eben ein Geben und Nehmen, betonen beide: „Wir lernen jeden Tag dazu“ – und etwas Arabisch würden Mutter und Tochter auch schon sprechen können.

„Manchmal sehnen sie sich einfach nach einem Gespräch und erzählen von ihrer Vergangenheit und ihrem Leben im Sudan“, erklärt Borchert. „Das Vertrauen zu uns und auch die Dankbarkeit für jede Hilfeleistung wurden immer größer“, erinnert sie sich zurück.

Zu ihren täglichen Aufgaben zählt auch, nach einer Arbeitsstelle für die Sudanesen zu suchen. „Wir versuchen, Praktikums- oder Ausbildungsstellen für sie zu finden“, so Stooff, doch aufgrund der fehlenden Sprachenkenntnisse sei das nicht ganz so einfach. Doch die Flüchtlinge seien arbeitswillig und gingen deshalb unter anderem zur BBS, zu Sprachschulen und arbeiteten auf der Pilzfarm in Helvesiek.

In ihrem Ehrenamt wird Stooff sogar mittlerweile selbst von einem der Sudanesen unterstützt. Der 32-jährige Adam Teben hilft ihr jeden Freitag bei der Annahme der Spenden auf dem Internatsgelände der Eichenschule. Mittwochs wirken die beiden Frauen im Integrationscafé im Meyerhof mit.

„Es ist eine Patenschaft, die alles beinhaltet“, sagt Freya Borchert und lächelt. „Sie lernen nicht nur von uns, sondern wir auch von ihnen“, ergänzt die 70-Jährige.

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