Sternenflügel-Initiatorin Natascha Schumacher weitet Sternenband-Handel auf Ladengeschäft aus

Anlaufstelle für Betroffene

Der heimische Wohnzimmertisch ist längst zu klein: Ihre Ideen verwirklicht Natascha Schumacher jetzt im eigenen Geschäft.
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Der heimische Wohnzimmertisch ist längst zu klein: Ihre Ideen verwirklicht Natascha Schumacher jetzt im eigenen Geschäft.

Scheeßel - In einschlägigen Internet-Foren ist sie bekannt wie ein bunter Hund, in Scheeßel kennt man sie höchstens als ehemalige Betreiberin eines Bioladens: Natascha Schumacher, Initiatorin der „Sternenbänder“-Idee, eröffnet am Sonnabend mit einigen Gleichgesinnten ein Werbegeschäft im Kernort.

Dabei führt die 36-Jährige das fort, was seit der Umsetzung ihres „Sternenflügel“-Konzepts im September vergangenen Jahres mehr als ein Hobby ist: Sie verkauft Schmuck – neben den weißen Polyesterbändern mit einem Stern für jedes verstorbene Kind – inzwischen auch Gedenkarmbänder mit eingestanzten Namen oder Anhängern.

Eine Kommerzialisierung des Bedürfnisses junger werdender Eltern, ihrer Trauer über den Verlust Ausdruck zu geben? „Keineswegs“, meint die junge Unternehmerin und zweifache Mutter, „die Sternenbänder, mit denen alles angefangen hat, bieten wir in unserem Geschäft immer noch zum Selbstkostenpreis an, mit dem Verkauf von anderem Schmuck hoffe ich, mir die Zeit zu finanzieren, die ich in die Sache stecke.“

Zum „originalen” weißen Sternenband ist eine Fülle von Gedenkbändern hinzu gekommen. 

Schumacher hat das Bedürfnis nach einem sichtbaren Zeichen der Hinterbliebenen als Geschäftsidee entdeckt: Auf die schlicht weißen Bändern mit den ausgestanzten Sternen – für jedes Kind eins, „in einem Fall sogar sechs“ – folgten bunte Bändchen für Geschwister, kürzlich von Hand gepunzte Lederbänder mit den Namen der Verstorbenen, als neuestes Produkt verkauft sie auch Kautschuk-Armbänder mit Gedenkschleifen. Die importiert sie aus Amerika: „Dort ist man in der Gedenkkultur wesentlich weiter – für alle möglichen Gruppierungen gibt es ‚Awareness Ribbons‘ in speziellen Farben: Orange für Leukämie, Lila für Drogenmissbrauch.“ Die Farbe für plötzlichen Kindstod ist hellblau-rosa. Die Internetgemeinschaft warte förmlich auf immer Neues, und Ideen hat die Scheeßelerin mehr als genug.

Ihre neueste Kreation: Halsbänder mit kleinen Glasfläschchen für die ausgestanzten Sterne. Die überwältigende Reaktion im Internet – ihre Seite verzeichnet täglich um die 1 800 Zugriffe – und der damit steigende Bedarf nach einer verbesserten Infrastruktur habe sie dazu bewogen, mit Freunden, denen es mit ihren Geschäftsideen ähnlich ging, Geschäftsräume anzumieten: „Zuhause ging es einfach nicht mehr – da platzte es aus allen Nähten!“

Der Laden soll jedoch kein reines Geschäft sein, sondern vielmehr eine Anlaufstelle, so wie auch die zur Website gehörende Facebook-Seite, die schnell viel mehr wurde als ein Verkaufsportal: Hier sprechen sich Betroffene gegenseitig Trost zu, machen sich Mut, tauschen Tipps. Schumacher agiert als Administratorin, Ratgeberin, Mutspenderin – pflegt Seiten, gibt Kommentare ab, passt auf, dass die Netikette gewahrt wird und löscht gehässige Kommentare, die es leider auch gebe.

Die Vernetzung – ein dringendes Bedürfnis, nicht nur Einzelner, sondern auch von Verbänden und Gruppierungen. So pflegt sie bereits Kontakte zu diversen Krankenhäusern, Hebammen, weitere Kontakte bestehen zum Sternenkinderverein und zur Rotenburger Organisation „Simbav“ für junge Mütter.

Vernetzung und Kommunikation, das erhofft sie sich auch durch physische Präsenz mit dem Laden an zentraler Lage: „Zeigen, dass wir da sind, ins Gespräch kommen, wo Bedarf besteht.“ Aber auch praktische Fragen wie „Wo kriege ich eine Sterbeurkunde her, wo finde ich einen Bestatter, der meine Wünsche umsetzt?“ hilft sie zu klären. Diese Beratungen sind ihr wichtig – im Geschäft ist eigens ein Raum hierfür eingerichtet. „Wir wollen greifbar sein, das Schweigen brechen – in den letzten zwei Jahren hat sich leider nicht viel getan.“ Damals starb ihr Sohn in der 19. Schwangerschaftswoche. · hey

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