Ankunft der Tschernobyl-Kinder: Natalja Papko über die spürbaren Folgen der Reaktorkatastrophe

„Die haben Kakerlaken im Kopf“

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Vertrautes Beisammensein: Natalja Papko (r.) mit Gastmutter Magdalene Mahnken und Tschernobyl-Kind Nastja Lebedewa.

Bartelsdorf - Von Hannelore Rutzen. Keine Zeit für Heimweh: Seit nunmehr 25 Jahren kommen Tschernobyl-Kinder zum Ferienaufenthalt an die Beeke. Untergebracht sind die diesjährigen 16 Gäste aus der weißrussischen Stadt und der Region Gomel in Familien mit Wohnsitz in Westervesede, Bartelsdorf, Fintel, Wittkopsbostel und im Sittensener Bereich. Alle fühlen sich wohl in ihrem neuen Heim auf Zeit – so auch Natalja Papko. Die 30-Jährige, als Dolmetscherin mit von der Partie, lebt derzeit beim Ehepaar Magdalene und Kord Mahnken. Die Bartelsdorfer kennen Papko schon von Kindesbeinen an. Im Interview spricht die Weißrussin über ihre eigene Kindheit und das Leben in einer strahlenverseuchten Region.

Frau Papko, wie sind Sie mit der Ferienaktion Tschernobylhilfe eigentlich in Kontakt gekommen?

Natalja Papko: Zu Hause sind wir vier Geschwister, alles Mädchen. Magdalene schickte an uns 1992 über die Tschernobyl-Hilfsaktion ein Paket und einen herzlichen Brief. Meine Mutter, Englisch- und Deutschlehrerin, schrieb zurück. Es entstand eine freundschaftliche Beziehung. Die Eltern durften uns vier Mädchen nacheinander zur Tschernobyl-Ferienaktion schicken. Das waren tolle Erlebnisse, vor allem erholsam für unsere Gesundheit. Wir lernten etwas ganz anderes kennen, eine andere Kultur, ein anderes Leben.

Wie hat Ihre Familie die Tschernobyl-Katastrophe erlebt?

Papko: Wir lebten anfangs in Gomel – in einer gefährdeten Zone, die nicht ganz so schlimm betroffen war wie manch andere. Meine Eltern hatten natürlich Angst, vor allem um uns Kinder. Sie packten das Wichtigste zusammen und zogen mit uns vorübergehend zur Großmutter in die Ukraine. Dort blieben wir, bis der Schock überwunden war. Was mir in diesem Zusammenhang einfällt: Die Familie meines Vaters lebte in einem gefährlichen Gebiet. Als Kinder sind wir mit den Eltern dorthin immer gern in den Urlaub und zur Erholung gefahren, haben in der waldreichen Gegend Pilze und Beeren gesammelt. Mit dem Dorf sind meine schönsten Kindheitserinnerungen verbunden. Irgendwann durften wir nicht mehr dorthin fahren – wegen der Strahlenbelastung. Das Dorf ist mittlerweile wie ausgestorben. Statt der damals 400 Einwohner, leben dort heute vielleicht noch zehn bis 20 ältere Menschen. Überhaupt sterben die Dörfer bei uns aus, weil es dort keine Arbeit gibt und kaum eine Perspektive, vor allem für junge Leute. Es gibt dort nur wenige landwirtschaftliche Betriebe. Im Süden von Weißrussland ist der Boden nicht so gut und die Ernten auch nicht. Die Landwirtschaft wird staatlich unterstützt. Die Produkte allerdings haben einen guten Ruf. Wenn man Milch kauft, weiß man: Es ist auch vollwertige Milch.

Seit der Katastrophe sind 29 Jahre vergangen. Sie selbst waren gerade ein Jahr alt, als es passierte. Wie sieht es heute vor Ort aus?

Papko: In den Nachrichten wird den Leuten weisgemacht, dass alles in der Region in Ordnung sei. Sie sagen, es seien zwar noch einige Gebiete betroffen, aber prinzipiell sei es sauber. Das ist es aber nicht. Nach der Katastrophe gab es zuerst Vergünstigungen. Es gab ein Programm und jedes Jahr sollte es besser werden. Man könne in den Gebieten etwas anbauen und das Angebaute genießen, wird offiziell gesagt. Ist das wirklich so? Kaum jemand glaubt das. Die, die das behaupten, haben „Kakerlaken“ im Kopf, sagt man bei uns.

Wie verhält es sich mit den gesundheitlichen Folgen?

Papko: Strahlenschäden sind schwer nachzuweisen. Große epidemiologische Untersuchungen sind sehr teuer und nur mit staatlicher Unterstützung möglich. Die Regierungen von Weißrussland, Russland und der Ukraine sowie die Atomkraftwerke betreibenden Staaten des Westens und die Organisationen der Vereinten Nationen haben meines Erachtens kein Interesse an einer umfassenden und öffentlich überprüfbaren Erforschung der Tschernobyl-Folgen.

Sie selbst haben schon als Kind mehrfach an den Ferienaktionen teilgenommen ...

Papko: Ja, und mir hat die Zeit in Deutschland immer gut getan. Ich bin dafür dankbar, dass ich mich erholen durfte.

Wie gestaltet sich Ihre Lebenssituation eigentlich heute?

Natalja: Ich lebe mit meiner Familie in Minsk in einer eigenen Wohnung. Mein Mann hat sich extra einen Monat Urlaub genommen, damit ich hier dolmetschen kann und betreut, das weiß ich, liebevoll unsere dreijährige Tochter Maria. Ich arbeite in einem Übersetzungsbüro, derzeit viel von zu Hause aus. Als Währung haben wir noch den weißrussischen Rubel und sind, wenn wir einkaufen gehen, Millionäre. 200 Gramm Butter kosten etwa 15000 Rubel, 600 Gramm Brot etwa 8000 Rubel. Um als durchschnittliche dreiköpfige Familie über den Tag zu kommen, braucht man täglich etwa 200000 Rubel. Wir kommen zurecht. Preislich gesehen ist das Niveau so wie hier. Leider ist die Scheidungsrate hoch und der Alkoholkonsum auch. In kleinen Städten hat man einen „Tag der Nüchternheit“ eingeführt und hofft das Problem etwas einzudämmen. Dennoch bin ich zuversichtlich.

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