Zum Thema Flucht

Emotionaler Projekttag: Animositäten in der Ostlandsiedlung

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Scheeßeler Urgestein Carola Lünzmann und Bruder Hans-Jürgen Mertins konstatierten: „In Scheeßel waren Flüchtlinge nicht willkommen!“

Scheeßel - Spannend, abwechslungsreich, emotional – sieht so der Schulalltag an der Eichenschule aus? Ja. Zumindest, wenn man die Elftklässler fragt, die am Donnerstag am fächerübergreifenden interdisziplinären Projekttag zum Thema „Flucht und Vertreibung – gestern und heute“ teilnahmen.

Kollegen der Fachbereiche Deutsch, Geschichte, Politik und Religion hatten Workshops zusammengestellt, um das Thema in vielen unterschiedlichen Facetten zu beleuchten.

In einem Schwarzweiß-Dokumentarfilm von 1949 wurde die Situation der Flüchtlinge in einem Lager in Uelzen gezeigt: „Wir haben uns mit der ganz eigenen Ästhetik des Films auseinandergesetzt, so Pädagoge John Cramer, „lange Szenen ohne Schnitte, Musik und die Erzählerstimme aus dem Off, entgegen aller aktuellen Sehgewohnheiten – das hatte eine eigene Intensität.“ Damit unterliefen die Filmer das Empathieverbot der britischen Auftraggeber. Besonders minutenlange Einstellungen abgemagerter halb Entkleideter bei der medizinischen Untersuchung gingen den Schülern unter die Haut.

Das galt auch für die Schilderungen von Zeitzeugen. Carola Lünzmann und ihr Bruder Hans-Jürgen Mertins sprachen über eigene Erfahrungen als Flüchtlinge in der Ostlandsiedlung. 28 Häuser wurden mit Geldern aus dem Marshallplan gebaut. „Das hieß bei den Einheimischen damals ‚Klein-Korea‘, da war ja auch gerade Krieg“, so die ehemalige Fischhändlerin in ihren erfrischenden Ausführungen. 

Akzeptiert wurden die Flüchtlinge damals lange nicht – „in der Kirche musste man aufstehen und für die Einheimischen Platz machen, Kindergartenplätze gab es nur für Scheeßeler“, berichteten die beiden von Animositäten. Bruder Hans-Jürgen Mertins stachelte die Diskriminierung an, etwas aus seinem Leben zu machen. „Vom Flüchtling zum Schulleiter“ war der Konsens seiner Erfolgsgeschichte.

Berührende Geschichte

Ebenso berührend: Die Fluchtgeschichte von Klaus Birnbaum. Der Vater des Schulleiters, Jahrgang 1930, floh mit seiner Familie vor den Russen und dem Dienst an der Panzerfaust. Die Flucht seiner Familie mit zweijährigen Zwillingen und einem Neugeborenen hätte das Zeug zum Film: Bei der Suche nach Brennholz in ausgebombten Häusern zündet der Zwölfjährige versehentlich eine Handgranate; der Vater behandelt als Zahnarzt die russischen Besatzer, im Nacken eine Kalaschnikow, später ehemalige Neuengammer KZ-Häftlinge.

Schülerin Larissa Wahlers schätzte besonders die Möglichkeit nachzufragen: „Wann hat man schon Gelegenheit, Zeitzeugen persönlich zu befragen. Mitschülerin Franziska Meyer hatte es besonders die kreative Schreibwerkstatt angetan: „Endlich mal ohne Druck lernen und produktiv sein!“ Von den Ergebnissen war Lehrerin Esther Vollmer-Eicken beeindruckt: „Unglaublich, was sie in eineinhalb Stunden abgeliefert haben, aber auch, wie sehr sie sich auf das Thema eingelassen und auch Persönliches von sich preisgegeben und sogar vorgetragen haben.“

Die Ergebnisse sollen, ebenso wie die aus der Beschäftigung mit den Biografien vor den Nazis geflohener Autorinnen wie Judith Kerr oder Erika Brecht, vor den Ferien in der Pausenhalle ausgestellt werden.

hey

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