Amtsvogtei feiert 200. Geburtstag

Alt, aber noch gut in Schuss

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Die Amtsvogtei an der Mühlenstraße – heute erinnert nichts mehr an jene Jahre, in denen das Haus völlig zerfallen war. 

Scheeßel - Von Karsten Müller. 200 Jahre sind eine lange Zeit. Viele Höhen und Tiefen hat sie durchlebt. Dem Abriss war sie recht nah. Doch nach einer Art Frischzellenkur kann die Scheeßeler Amtsvogtei, heute auch bekannt als Sitz der EWE, am kommenden Freitag ab 18.45 Uhr mit einem Festprogramm ihren runden Geburtstag feiern. Das Jubiläum nimmt Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel zum Anlass, das Haus selbst über seine bewegende Vergangenheit erzählen zu lassen.

Das Jahr 1816. Die Zeit der Franzosen war gerade vorbei, Scheeßel wieder hannoversch und Amtsvoigt Adolph Crome zurück in Amt und Würden. Seiner Stellung als oberster Vertreter der Staatsgewalt bewusst, erwarb er an der Mühlenstraße ein großes Grundstück und baute darauf mich als prächtiges Haus. Bestenfalls das Pfarrhaus konnte sich mit mir vergleichen. Für meinen Bauherrn Crome war ich ein gewagtes Unternehmen. Mit fast 60 Jahren war er bereits recht alt, und verschulden musste er sich meinetwegen wohl auch. Seine Einkünfte als Voigt und aus der Verpachtung seiner Kötnerstelle schienen ihm jedoch hinreichend, um das Wagnis einzugehen.

Alles schien gut, ich war jung und genoss die Aussicht auf das rege Treiben auf der Napoleon-Chaussee und die zur Mühle führende Straße. Doch, ich weiß nicht warum, 1821 verlor mein Herr seine Position als Amtsvoigt. Eine schwere Zeit begann, in der das Geld knapper wurde. 1829 starb Cromes Frau Dorothea. Schließlich konnte mein Erbauer seine Schulden nicht mehr bedienen und verkaufte mich 1833 an einen Fremden, den Bremer Kaufmann Bernhard Hennigs, für knapp 2 500 Reichstaler viel zu billig.

Meinen neuen Herrn habe ich selten zu Gesicht bekommen. Für ihn war ich zusammen mit dem dazugehörigen Land ein Schnäppchen, eine günstige Geldanlage. Für die Bewirtschaftung waren andere zuständig.

Durch einen verheerenden Brand 1839 wendete sich das Blatt buchstäblich über Nacht. Die Amtsvogtei im heutigen Rathauspark brannte ab. Da kam ich als attraktive und immer noch junge Dame wieder ins Spiel. Anstatt neu zu bauen, wurde ich von Hennigs an den Staat verkauft. Hennigs machte mit einem Preis von knapp 5 .000 Reichstalern ein mehr als gutes Geschäft, und ich platzte vor Stolz, nun nicht nur Wohnhaus des Amtsvoigtes sondern Amtsvogtei selbst zu sein. Ein wenig wurde umgebaut, brauchte man doch eine Amtsstube. Bis 1882 haben zwei Vögte und andere Staatsbedienstete hier mit ihren Familien gewohnt und gearbeitet. Nach einer Reform 1852 hatten sie jedoch kaum noch etwas zu sagen. Auf ihre Stimmung hat sich das nicht immer gut ausgewirkt.

Sieben Jahre herrscht gähnende Leere

Als 1882 Voigt Wiese starb, wollte mich zunächst niemand haben. Wilhelm Cord Müller, der Besitzer der Scheeßeler Mühle, kam fast täglich bei mir vorbei. Er schien Gefallen an mir gehabt zu haben und kam auf die Idee, mich seiner Schwester Henriette und ihrem Mann Carl Holtermann, Apotheker in Verden, als Alterssitz schmackhaft zu machen. 1885 wurde der Kaufvertrag geschlossen, aber leider blieb es leer im Haus. Holtermanns blieben in Verden und trugen sich mit dem Gedanken herum, mich wieder zu verkaufen.

Endlich, 1889, kam wieder Leben ins Haus, wenn ich auch meinen neuen Herrn nicht immer auf Anhieb verstand. Dr. med. Friedrich Prölß kam aus der Nähe von Dresden und verfiel, wenn er sich ärgerte, in seinen heimatlichen Dialekt. Prölß baute mich so um, dass er eine Arztpraxis einrichten konnte. So kamen viele Menschen ins Haus, was ich genoss. Traurig stimmten mich aber auch Leid und Schmerz zahlreicher Patienten. Freudig begrüßt wurde von mir, dass mein Herr 1890 Helene, die älteste Tochter des Mühlenbesitzers Müller, heiratete und dass ihnen ein Jahr später eine Tochter Wilma geboren wurde.

Prölß war ein tüchtiger Arzt, denn zu meinem Leidwesen wurde er 1904 zum Kreisarzt in Bremervörde berufen. Mich und die Praxis verpachtete er an Dr. Jagemann. Und auch der blieb nur für zwölf Jahre.

Als Jagemann 1916 Scheeßel verlies, wurde ich an den aus Cadenberge zugezogenen Viehhändler Adolf Haß verkauft. 61 Jahre hat die Familie Haß bei mir bis 1977 gewohnt. Haß hat sich bei mir und in Scheeßel schnell eingelebt. Groß war sein Freundes- und Bekanntenkreis. Aktiv war er in Vereinen und kommunalpolitisch. Haus und Park wurden zu Familien- und Vereinsfesten genutzt. Auch Braunhemden waren von 1933 bis 1938 häufig bei uns zu sehen, war mein Herr doch in dieser Zeit NS-Ortsgruppenleiter. Ein Glück aber auch, dass er ein Querkopf sein konnte. So fiel er 1938 bei der Partei in Ungnade, verlor seinen Posten und wurde vor größeren Problemen nach dem Krieg bewahrt.

1993 ziehen die Gemeindewerke ein

Nach Haß’ Tod erwarb mich zusammen mit dem Park die Gemeinde Scheeßel. Lange Jahre wusste sie nicht recht, was sie mit mir anfangen sollte. Ich litt mehr und mehr unter Einsamkeit, wie es alleinstehenden Alten häufig geht. Meine Fenster wurden eingeworfen, das Dach war undicht, meine Außenwände wurden mit Parolen beschmiert und schließlich hätte mir ein Brand fast endgültig den Garaus gemacht. Aber abreißen durfte mich die Gemeinde nicht. Da fand sich in meiner Not eine Gruppe von Scheeßeler Bürgern, die mich in ihr Herz geschlossen hatte. Mit meinem Nachbarn Tischlermeister Johann Meyer an der Spitze entwickelten sie Pläne, was mit mir geschehen könnte. In Verhandlungen mit der Gemeinde wurde schließlich 1993 erreicht, dass die Gemeindewerke bei mir einziehen. Sie putzten mich wieder fein heraus, brachten mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Leben ins Haus und überließen die Pflege des Parks dem Förderverein.

Dass die Gemeindewerke vor einigen Jahren an die EWE aus Oldenburg verkauft wurden, hat für mich nichts geändert. Bei glänzender Gesundheit werde ich am Freitag den angemessenen Rahmen für die Feier meines 200. Geburtstages zusammen mit vielen Freunden bieten.

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