Das sind die Gewinner und Verlierer der Festival-Absage

„Als ob die Bescherung ausfällt“

Die Natur am Eichenring hat dieses Jahr Zeit zum Durchatmen. 
Foto: Heyne
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Die Natur am Eichenring hat dieses Jahr Zeit zum Durchatmen. Foto: Heyne

Scheeßel – Es liegt auf der Hand: Die Corona-bedingte Absage des Hurricane reißt nicht nur ein Loch in den Kalender von Festivalisten und Musik-Fans, sondern auch ins Säckel des Veranstalters. Aber was ist mit den vielen anderen bei so einer Mammutveranstaltung? Gibt es nur Verlierer oder auch Gewinner? Wir fragten bei unterschiedlichen Beteiligten nach.

Ein klarer Gewinner ist die Natur rund um den Eichenring. Das bestätigt auf Nachfrage der Vorsitzende des örtlichen Naturschutzbundes (Nabu) Roland Meyer: „FKP Scorpio unternimmt erhebliche Anstrengungen, um das Festival naturverträglich auszurichten“, lobt er den Hamburger Veranstalter, die Situation sei mit der vor fünf oder sechs Jahren nicht mehr zu vergleichen. „Nichtsdestotrotz bleibt eine mehrtägige Veranstaltung mit 70 000 Besuchern, Krach, und Scheinwerfern, noch dazu in der Brut- und Setzzeit, eine enorme Belastung und nicht ohne Folgen.“ Mit einer langfristigen Veränderung im Hinblick auf die Arten rechnet der NABU-Mann nicht, „dazu müsste der Zeitraum wohl länger sein“. Aber immerhin: Dieses Jahr werden wohl keine Vögel und Rehmütter mit ihren Kitzen vertrieben, „und die Füchse und der Sperber dürfen weiter in ihrem Revier jagen.“

Die Vermutung, das freie Wochenende ohne hunderte ehrenamtlich abgeleisteter Stunden würde die Freiwillige Feuerwehr Scheeßel zum Gewinner machen, bestätigt deren Sprecher Thomas Opitz nur teilweise. Die Planung habe schon zu 80 Prozent gestanden, die Einsätze der in drei Schichten eingeteilten bis zu Brandschützer seien weitgehend verteilt gewesen, auch mit Kameraden aus den Nachbargemeinden, Barnsdorf und Oerel. „Die beliebten Nachtschichten werden traditionell vererbt“, verrät der Pressebeauftragte seit 2011. Der Trend, wegen einer gewissen Festivalmüdigkeit in den eigenen Reihen immer weniger Freiwillige akquirieren zu können, sei in den letzten Jahren rückläufig gewesen: „Wir haben viele Nachrücker aus der Jugendfeuerwehr, für die ist das Festivalticket, das jeder bekommt, der mindestens eine Schicht absolviert hat, schon ein Anreiz!“ Viele der mehreren 100 Einsatzkräfte würden aber auch das Festivalleben im Rettungscamp zelebrieren, „insofern fehlt schon was.“ Das gilt auch für Opitz selbst – er vermisst schon jetzt die jährliche Abschluss-Pressekonferenz: „Mit Vertretern des größten deutschen Veranstalters an einem Tisch zu sitzen, auf Augenhöhe – das war die ganz große Bühne!“ Finanziell entsteht der Feuerwehr übrigens kein Schaden: die Kosten für die bestellten Fahrzeuge, Catering und die Zelte für die Zeltstadt werden vom Veranstalter übernommen.

Anders sieht die finanzielle Lage bei den Landwirten aus, deren Felder rund um den Eichenring zum Zelten und Parken genutzt werden. Sie hatten sich auf den Wunsch von FKP Scorpio eingestellt und Gras statt Mais gepflanzt, „denn wer will schon gern auf Stoppeln schlafen?“, erklärt Landwirt Wolfgang Bassen. Die finanziellen Einbußen wären normalerweise von dem Hamburger Konzertveranstalter kompensiert worden. Nicht so in diesem Jahr – denn schriftliche Verträge über die Flächen werden erst im Mai geschlossen, wenn die Aussaat schon längst erfolgt ist. Die meisten Betroffenen hatten bis Ende April gewartet und dann im Zuge der Schadensbegrenzung die Reißleine gezogen: So wie viele andere auch hat Bassen das Gras abgemäht und Mais gedrillt, „wohlwissend, dass das so spät nicht mehr so viel Ertrag bringt.“ Ob sie von der Versicherung des Veranstalters einen Obolus für ihre Ausfälle erhalten, stehe noch in den Sternen - „einen Anspruch haben wir jedenfalls nicht.“

Monetär weniger gebeutelt als vermutet ist auch der Vermieter der Sandbahn, der MSC Eichenring. „Finanziell haben wir keine Nachteile“, erläutert der Pressebeauftragte Dietmar Hornig. „Es geistern immer wieder Geschichten herum, dass wir einen Euro pro Besucher bekommen – das wäre toll!“ Die Verträge seien fair, „aber reich werden wir nicht.“ Das sei in diesem Jahr allerdings zu verkraften, da durch die Absage des Qualifikationsrennens zur Langbahn-WM keine Ausgaben auf den Traditionsverein zukommen. Das wäre zwar erst Ende August, es sei aber schon früh klar gewesen, dass es mit der Anreise von 25 Fahrern aus acht Nationen nicht klappen würde.

Eine Gruppe, die man – neben Abfallsammlern und Bollerwagenkids – ganz oben auf die Liste der Verlierer setzen würde, sind die örtlichen Vermieter von Ferienwohnungen. Doch auch hier zeigt sich: weit gefehlt. Der Jeersdorfer Karsten Lüdemann, der normalerweise fünf Ferienwohnungen und ein Ferienhaus an Festivalbesucher vermietet, konnte die Stornierung seiner Stammgäste durch andere Buchungen auffangen. Er hat gemerkt: „Seit wir wieder vermieten dürfen, gehen die Wohnungen weg wie warme Semmeln – nicht nur an Leute, die hier Verwandte besuchen, sondern auch extrem viele Urlauber.“ Viele, darunter viele Fahrradtouristen sowie Gäste aus Nordrhein-Westfahlen und den Niederlanden, nutzten Scheeßel als Ausgangspunkt für Stippvisiten in den Metropolen Bremen und Hamburg oder die Lüneburger Heide.

Und auch die örtlichen Hilfsorganisationen, für die das Hurricane ein Höhepunkt im Terminkalender ist, etwa um die Vorräte an nicht verderblichen Lebensmitteln für die Scheeßeler Ausgabe der Rotenburger Tafel“ aufzustocken, geben sich gelassen. Günter Saxer, ehemaliger Kopf der Scheeßeler Nahrungsretter und mit über 70 wohl einer der Ältesten auf dem Festival, kommentiert den Wegfall von rund 3500 Dosen, die jährlich anfallen, so: „Der Vorrat hat zwar abgenommen, aber da die Lebensmittel wie Suppen oder Ravioli lange haltbar sind, haben wir noch einiges.“ Begehrt seien diese in den Vorjahren vor allem auch als Tauschobjekt mit anderen Tafeln gewesen, „etwa mit den Bremern gegen Kelloggs-Produkte“. Gefährdet seien die Tafeln in ihrem Bestand jedoch nicht. Auch wenn das Festival für den 74-jährigen zuletzt „ein ganz schöner Schlauch“ war - bedauern tut er den Ausfall dennoch: „Das Geben und Nehmen, der Kontakt mit den jungen Leuten – das ist schon ein Highlight!“

Und auch Polizeisprecher Heiner van der Werp ist angesichts der Absage gespalten: Einerseits sei dies natürlich eine Arbeitsentlastung, die weniger Überstunden verspreche, „andererseits ist das Hurricane seit Jahrzehnten eine feste Größe im Polizeileben des Landkreises.“ Sicherlich gäbe es auch Kollegen, die meinen: „Brauch ich nicht, aber Mehrzahl ist traurig, das dieses Jahr nicht zu erleben“ – schließlich sei man auch Teil des großen Ganzen. „Es ist ein bisschen wie Bescherung: Man arbeitet lange auf den einen Moment hin - und der fällt dieses Jahr aus.“ Persönlich bedauert er, dieses Jahr Seeed mit Peter Fox nicht erleben zu dürfen. Sein Wochenendplan: Grillen im eigenen Garten mit Teich, natürlich mit Musik – „vielleicht mach ich „Haus am See“ an!“  hey

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