„Redakteur gegen Leser“

Alles, nur nicht kinderleicht

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Im Schweiße meines Angesichts tanze ich jede Figur mit. Der entspannte Gesichtsausdruck täuscht. Vor allem der Höhenunterschied zwischen mir und den Mini-Tänzern macht mir auf Dauer schwer zu schaffen.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Zugegeben, mein Abitanzball liegt schon ein paar Jährchen zurück. Von meinen Ringelpietz-Exkursionen im Kindergarten und Grundschulunterricht ganz zu schweigen. Ob es wohl reicht, meine Gegner zu überzeugen? Darum – und um nichts anderes – geht es an diesem frühen Abend auf der Meyerhofdiele. Die Kindergruppe der Original Scheeßeler Trachtengruppe hält eine ihrer wöchentlichen Übungsstunden ab. Keine gewöhnliche, denn heute möchte ich als vollwertiges Mitglied aufgenommen werden.

Eine gute Nachricht halten die zwei „Tanzlehrerinnen“ Jessica Grafelmann (21) und Celine Klee (20) gleich zu Beginn für mich bereit: Die traditionelle Tracht bleibt heute im Schrank. In T-Shirt und Shorts stürmen die Lütten auf mich zu. „Du bist also der Lars, kannst Du mein Tanzpartner sein?“, fragt mich eines der Mädchen mit schelmischem Grinsen. Du meine Güte, denke ich mir. Bei meinen 1,96 Metern Körperlänge reichen mir die meisten gerade einmal bis zum Bauchnabel. Kurz überlege ich, mein Tanzprogramm gänzlich auf den Knien zu absolvieren – aber das gäbe sicher von den Trainerinnen Abzüge in der Haltungsnote. Und letzten Endes sind sie es – und nicht die Kinder – die darüber entscheiden, ob ich wiederkommen darf oder nicht.

Apropos luftige Kleidung: die hätte ich besser auch am Leib haben sollen. Aber dazu später mehr. Zunächst einmal nehme ich auf einem Stuhl Platz und beobachte als Zaungast das Geschehen aus der Ferne. Gemeinsam tanzt die quirlige Truppe zu rhythmischen Songs aus dem Ghettoblaster – mal poppig, dann wieder ganz traditionell. Sieht doch gar nicht so kompliziert aus, geht es mir durch den Kopf. Eigentlich sieht es sogar ziemlich einfach aus!

Jessica drückt auf die Play-Taste. Aus den Boxen schallt das Pippi-Langstrumpf-Lied in einer total verrückten Techno-Version. Volkstänze? Denkste! „Die Kinder sollen ja auch erst einmal ein Rhythmusgefühl bekommen“, erklärt mir Jessica. Ob sie wohl meinen verwunderten Gesichtsausdruck mitbekommen hat? Die Schrittfolgen lassen sich zumindest leicht einprägen, beinahe logisch aufeinander folgend. Mein Fazit nach einer Minute Beobachtung ist eindeutig und unumstößlich: Das bekomme ich auch hin – locker!

Im Kreis in alle Richtungen

Also steige ich mit ein in die Choreographie. Im Kreis geht es nach rechts und nach links, nach innen und wieder nach außen, im Paartanz um die eigene Achse und wieder zurück. „Schöööön die Linie halten, die Hand des Mannes über die der Frau“ fordert mich Celine auf. Ob sie wohl gemerkt hat, dass ich soeben drei der sieben geforderten Schritte einfach ausgelassen habe?

„Hey Pippi-Langstrumpf, die macht was ihr gefällt“, heißt es in dem Lied an einer Stelle. Ähnlich handhabe ich das auch. Ungewollt, versteht sich. Mit der doppelten Beinlänge, die ich im Vergleich zu meinen Tanzpartnern aufweise, habe ich mit der Schrittfolge so meine Schwierigkeiten – auch, was das Vorsetzen der Füße betrifft. „Den anderen, Lars!“, korrigiert mich Celine gleich mehrfach. „Den anderen!“ Eine Links-Rechts-Schwäche hatte ich schon als Kind, zu meinem Entsetzen hat sich daran nichts geändert.

„Autsch!“, wiederfährt es plötzlich der kleinen Celine lauthals, als ich ihr versehentlich auf den Fuß trete. Zwei Jahre schon tanze sie bei den „Originalen“, erzählt sie mir – bisher ohne Blessuren. „Hier hat man immer viel Spaß und trifft seine Freunde wieder“, macht Celine klar, wieso sie dabei ist.

Dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist und man hinterher immer schlauer ist, ignoriere ich in diesem Moment noch konsequent. Da ist es um mein rot-weiß kariertes Hemd aber schon geschehen. „Igitt, du hast ja überall voll die Schweißflecken!“, macht mich einer der Jungs auf meine missliche Lage aufmerksam. Ich bemühe mich, mich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Immerhin reicht es ja schon, dass mir meine Kondition offenbar vollkommen abhanden gekommen zu sein scheint. Nein, jetzt bloß nicht aufgeben!

Proben für die Trachtenbegegnung

Als nächstes ertönt eine nur mir unbekannte Folklore-Melodie im Dreivierteltakt – ein „Scheeßeler Bunter“, für den die Trachtengruppe so berühmt ist. „Den werden wir auch bei unserer Trachtenbegegnung Ende Juli zur Aufführung bringen“, verrät mir Jessica. Wie gut, dass man bei diesem Tanz auch gelegentlich sitzen darf. Da bleibt mir wenigstens ein wenig Zeit zum Luftholen. „Tiefer!“, fordert mich Celine auf, während meine Nase schon fast den Dielenboden berührt. Und schon geht es wieder auf die Beine, hin und her, und her und hin. Entspannte Gesichter, lockere Schritte, Klatschen, Lachen um mich herum. So geht es noch eine gute halbe Stunde weiter. Ach, wäre ich gerade doch nur 25 Jahre jünger!

Am Ende steht noch ein Stopptanz auf dem Trainingsprogramm. Dieses Mal ganz ohne Choreographie. Jeder darf sich frei bewegen – nur eben nicht, wenn die Musik pausiert. „Damit werde ich bestimmt punkten“, lautet meine felsenfeste Überzeugung – schließlich können Kinder nur in seltensten Fällen still halten. Und tatsächlich: Einer nach dem anderen wird von Jessica aus dem Gewusel herausgewunken – mich ereilt dieses Schicksal erst als Vorletzter.

Bevor die Mini-Trachtentänzer den Saal in Obhut ihrer Eltern wieder verlassen, will ich es endlich wissen: „Nehmt Ihr mich bei euch auf?“ – „Jaaaaaaaa!“, schreien sie mir freudig entgegen. Jessica Grafelmann und Celine Clee sind da ein wenig skeptischer, obwohl ich mich ihren Worten nach doch recht wacker geschlagen hätte. Nach kurzer Rücksprache untereinander fällt ihr Urteil: „Knapp, aber gewonnen!“ Man sehe sich dann nächste Woche, verabschieden sich die beiden von mir, „wenn Du deinen Muskelkater wieder auskuriert hast“.

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