Alles im Fluss

Eine SUP-Tour auf der Wümme offenbart neue Perspektiven auf Scheeßel

Herabhängende Äste und Uferbewuchs der Wümme zwingen die Stehpaddler stellenweise auf die Knie.
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Herabhängende Äste und Uferbewuchs der Wümme zwingen die Stehpaddler stellenweise auf die Knie.

Scheeßel – Die Idee; eine dieser Schnapsideen, das Ergebnis eines lauen Sommerabends. Vermutlich war auch das ein oder andere Glas Wein im Spiel. Man müsste einfach mal mit dem SUP, also einem dieser schwimmenden Flöße, auf denen nur Wegbereiter Robby Naish wirklich gut aussieht, die Wümme runter. Stand-up-paddling nennt man das. Klar, warum nicht? Mit dem Kanu war das in der Schulzeit doch auch kein Thema – auch wenn die Böschungen später bei so manchem Kindergeburtstag etwas in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Aber mit dem SUP? Gilt das als Boot? Darf man das überhaupt? Christoph Kundner, Amtsleiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises klärt auf: SUPs sind erlaubt, müssen aber nach gegenwärtiger Verordnung genau wie Boote gekennzeichnet werden. Also: Angaben zum schwimmenden Untersatz per E-Mail an die Behörde, den Namen aufs SUP pinseln und noch den Pegelstand der Wümme im Internet checken. Passt.

So zumindest legal auf sicherem Terrain, beschließen wir, die mit 15 Bar gefüllten Bretter an der Wümmebrücke am Scheeßeler Ortseingang ganz in der Nähe des Campingplatzes zu Wasser zu lassen. Noch ein prüfender Blick auf den Stab für den Wasserpegel – nanu? Der war doch letztes Mal noch da? Zugegeben, das muss auch schon wieder ein paar Jahre her sein. Heute gibt es nur noch einen in Hellwege, und der zählt. Unsere Sichtkontrolle ergibt: müsste passen. Dieses „müsste“ soll uns auf den weiteren vier Kilometern Flussverlauf einige Male Absteigen und Schieben bescheren. Der Wasserstand lässt stellenweise zu wünschen übrig.

Uns empfängt ein Dschungel aus herabhängenden Ästen und Schilf, auf dem sich grüne und metallicblaue Libellen niedergelassen haben. Strömung: Fehlanzeige – auf dem fast spiegelglatten Wasser hinterlassen Wasserläufer kleine Tupfer. Die eng mäandernden Schleifen in Tateinheit mit quer liegenden Baumstämmen erfordern Vorausschau und akrobatisches Herablassen auf die Knie oder sogar den Bauch. Paddeln lässt es sich dann nur noch schlecht. Unsere Mitstreiterin mit Doppelpaddel ist klar im Vorteil – im Stehen mit Stechpaddel ist das Manövrieren vor allem auf der ersten Strecke bis zur Straße nach Jeersdorf nichts für Anfänger. Wer nicht merkt, dass die Finne sich an einem der quer liegenden Stämme verhakt, den haut es unvermittelt von den Socken. Die Dankbarkeit, das Handy für die spätere Abholung in einer wasserdichten Hülle verstaut zu haben, steht dem unfreiwillig Badenden ins Gesicht geschrieben. Dafür bedeutet jedes Eintauchen eine herrliche Erfrischung an diesem sommerlichen Spätnachmittag.

Die natürlichen Hindernisse sollen nicht die einzige Herausforderung bleiben. Kaum sind wir am Wümmestrand vorbeigeglitten, wie die Badestelle hinter dem Campingplatz bei Einheimischen seit Generationen heißt, zieht ein Gewitter auf. Sollte man besser abbrechen? Die hohen Böschungen mit mannshohen Brennnesseln machen die Entscheidung einfach: Weiter geht‘s. Außerdem ist aus dem Beekebad hinter dem Stadion Waidmannsruh, dessen gelbe Rutsche zwischen den Wipfeln hervorschimmert, noch Kindergeschrei zu hören – wenn dort noch nicht geräumt wurde, sind wir auf der Wümme wohl auch sicher – oder? Das erste Donnergrollen ist zu vernehmen. Schnell an den weißen Gebäuden des ehemaligen Internats vorbei. Der hinter dem grünen Blättervorhang zu erahnende Himmel nimmt eine bedenkliche Färbung an. Ob wir es noch bis zur Jeersdorfer Brücke schaffen? Lieber nicht.

Muskelkraft ist nicht erst auf dem Board, sondern schon beim Aufpumpen gefragt.

Eine flache Uferstelle am ehemaligen „JWD“, heute Schützenhaus, ist unsere Rettung. Dass wir bis zu den Knöcheln im Schlamm versinken und dummerweise keinerlei Schuhwerk mitgenommen haben? Egal. Auch die Tennisspieler auf den Plätzen des Blau-Weiß Scheeßel haben schon den sonntäglichen Spielbetrieb eingestellt. Zu Fuß flüchten wir uns auf die Terrasse eines befreundeten Ehepaares. Dort hält nach drei Tropfen Regen Sonnenschein samt Regenbogen Einzug. „Veräppelt“, meint unser Gastgeber. Es klingt wie ein Euphemismus. Es ist schon kurz vor Sonnenuntergang, als wir, mitsamt Paddeln, wieder den Steilhang hinter dem Schützenhaus herunterklimmen, um unsere Fahrt fortzusetzen. Lag vorhin noch die Spannung der Natur vor der Entladung des Gewitters in der Luft, ist davon nun nichts mehr zu spüren. Einige Vögel flattern vorbei. Tauben und Raben sind an ihren Lauten leicht zu erkennen.

Aber was war das – etwa ein Eisvogel? Obwohl die auch hier brüten: Da war wohl der Wunsch Vater des Gedankens. Gottlob scheinen auch die Bremsen, die jede Kuh- und Pferdeweide ankündigen, schlafen gegangen zu sein; unterwegs sind nur noch die Mücken. Und Frösche. Ihr Gequake wird uns bis zum Ausstieg an der Scheeßeler Mühle begleiten.

Diejenigen von uns, die angesichts der fortgeschrittenen Zeit einen Ausstieg neben dem Kreuzberg erwogen hatten, werden enttäuscht: Seit das dicke grüne Biogas-Rohr neben der Brücke verlegt ist, ist der Ausstieg durch einen dicken Zaun gesichert. Also weiter nach Jeersdorf – eine richtige Entscheidung, wie sich herausstellen soll. Das wunderschöne Fachwerkhaus auf der Linken – ist das nicht die Wiese, auf der beim Museumstag immer Gras mit der Sense gemäht wird? Wer dachte, seine Heimat zu kennen, wird eines Besseren belehrt. Die Welt vom Fluss aus lässt ganz neue Perspektiven auf den Beekeort zu. Gleich hinter der nächsten Schleife ragt der Kirchturm der St.-Lucas-Kirche auf – zum Greifen nah, dabei müsste dazwischen doch eigentlich noch die Mühlenstraße verlaufen. Tut sie auch. Hier geht es vorbei an gepflegten Grundstücken mit kleinen Holzstegen. „Ist das noch Scheeßel oder schon Jeersdorf?“, will jemand wissen – die Antwort bleiben alle schuldig. Zwei Anwesen mit weißen kubischen Häusern tauchen auf – „Schöner Wohnen“ lässt grüßen. Villen, mondän fast wie am Oberlauf der Alster; nur die Silos gegenüber verraten, wo wir sind. Hin und wieder eine Grillstelle, Deckchairs, Schaukeln oder Hängematten. Einige Terrassen sind beleuchtet, eine sogar in frivolem Rot. Menschen sind trotz bestem Wetter nicht zu sehen. Vielleicht läuft gerade der Tatort?

Die Stufen der Einstiegsstelle an der Brücke zum Helvesieker Weg machen den Start kinderleicht.

Nach rund einer Dreiviertelstunde auf dem Wasser hört man wieder die Geräusche einer Straße. Der Fluss gabelt sich – geradeaus oder rechts? Geradeaus taucht zwischen Algen und Seerosen der weiße Pavillon des Mühlengeländes auf. Okay, das war dann wohl falsch. Auf dem Rückweg sehen wir auch das Schild mit der Aufschrift „Kanuten“ zwischen dem Gras emporragen, angesichts der Hereinbrechenden Dämmerung nur noch schemenhaft zu erkennen. Nun werden Stimmen über die seeartige Verbreiterung des Wümmearms getragen, an deren rechtem Ufer die Umrisse des Storchenhorstes samt seiner Bewohner auszumachen sind. Doch es sind nicht wie vermutet die nächtlichen Jäger des hiesigen Angelvereins, sondern einige Jugendliche, die sich auf den Stufen der Aussatzstelle niedergelassen haben und beim Anblick unseres Geschwaders flüchten. Glut flammt kurz auf, ihre ausgedrückten Kippen nehmen sie mit.

Während wir bequem über die flachen Stufen wieder auf den soliden Boden zurückkehren und die Luft aus unseren Boards lassen, hören wir quietschende Reifen und Gangsta-Rap aus dem offenen Fenster. Ein letzter Blick auf die Wümme: Wenn man die Augen unscharf stellt, könnte man sich in Lappland wähnen, oder im Expo-2000-Pavillion. Nur auf den Elch müssen wir wohl verzichten. Dafür ist unser Abhol-Auto nach zehn Minuten zur Stelle. Die kurze Auszeit auf dem Amazonas des Wümmelandes ist zu Ende – fast schade eigentlich.  

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